Annie Dillard
Judith Schalansky (Hg.)
Einen Stein zum Sprechen bringen
180 Seiten, Broschur
Übersetzung: Karen Nölle

Der Band versammelt Essays Annie Dillards, die zugleich Erzählungen sind. Dillard schreibt über eine totale Sonnenfinsternis im Osten Washingtons, einen Besuch im Dschungel Ecuadors, die Begegnung mit einem wilden Wiesel, Polarexpeditionen, die sie bei einem Gottesdienstbesuch rekapituliert, und von einem Mann, der allein mit einem Stein in einer Hütte lebt, um ihm das Sprechen beizubringen. Ausgangspunkt sind jeweils Beobachtungen aus der natürlichen Welt oder dem Alltag; die Essays bewegen sich von dort aus in Richtung grundlegender Fragen.
»Wir sind nur einmal hier auf dem Planeten, und es lohnt sich vielleicht, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo wir sind. Es lohnt sich vielleicht, ein Gefühl für die Randgebiete und Nischen zu entwickeln, in denen das Leben stattfindet.«
Aktuelle Lektüre| Seit Wochen ging ich vorbei. Dann habe ich ihn doch angefasst — und meine Hände glühten. Seitdem steht er auf meiner Fensterbank und strahlt. Annie Dillard sagt, Steine können nicht sprechen. Ich glaube, wir hören nur nicht zu…
Wege die beim Lesen entstehen / Journal
Walter Benjamins Essay „Ich packe meine Bibliothek aus“
Benjamin schreibt, jede Leidenschaft grenze an Chaos, das sammlerische aber an das der Erinnerungen. Ich habe lange nicht gewusst, was das bedeutet. Inzwischen glaube ich, ich kenne es — nicht weil ich es verstanden habe, sondern weil ich es erkenne.
Aus dem Bestreben dieses Zitat zu verstehen ist ein Beitrag geworden, der mit einem Steinfund beginnt und über das Chorsingen zur Zensur führt. In Resonanz gehen. Ein Versuch.
ich kann gedichte nicht ausstehen
Angeregt durch die Ausschreibung einer Literaturzeitschrift zum Thema Geduld, habe ich über mein Verhältnis zur Lyrik sinniert.
Wer darf benennen was Trauer bedeutet?
„Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden.
Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages in schwarzer Kleidung erscheint — und bald zieht fast die halbe Schule nach. – Als Reaktion auf diese Geschichte habe ich mich in einem „offenen Brief“ versucht.
Eine Bushaltestelle, ein Foto, ein Name: Liesel Mansfeld
Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto.
Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr. – Ein Versuch über Erinnerungskultur.
Romane die ich derzeit lese

Hansjörg Schertenleib – Der Antiquar
Arthur Dold sammelt und verkauft nicht nur Atlanten und Drucke von Landkarten, er zeichnet sie selbst und liest sie wie eine Geschichte um die Welt um sich herum zu ordnen und zu verstehen. Meine LektüreNotizen.
Roswitha Quadflieg – Ihr wart doch Feinde
Der Roman basiert auf einem realen Fall aus der DDR-Opposition, den der Journalist Peter Wensierski dokumentierte: Eine frühere Stasi-Informantin hatte oppositionelle Kreise um Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley ausgespäht und ihr Handeln später mit dem Satz „Ihr wart doch meine Feinde“ gerechtfertigt. Meine LektüreNotizen.

Literatur- & KulturMagazine

Diese Magazine sind für mich Einfallstore. Ich komme nicht über die Magazine rein, sondern über Autoren – die Magazine sind der Umweg, nicht das Ziel. Ich scanne, ich bleibe hängen, ich lese weiter oder lasse los. Diese Magazine geben mir Kontext, Einordnung, gelegentlich einen VerständnisSchlüssel. Ich bin auf Entdeckungstour gegangen – und bin es noch.
Hier finden Sie die Literatur- und Kulturmagazine, die ich derzeit lese – und die eine Grundlage der auf ersatzgestalt vorgestellten Texte sind.
Worauf ich derzeit besonders schaue
„Gedichte und Verstehen haben nichts miteinander zu tun.“
Wenn es bei einem Gedicht nichts zu verstehen gibt, dann wohl zu erleben, oder?
-

Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid
Lesezeit:
3–4 MinutenLektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…
-

Ille Chamier – Rosestock Holderblüh
Lesezeit:
1–2 MinutenIlle Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…
-

margueriten – Norbert Hummelt
Lesezeit:
2–3 MinutenDas Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…
-

Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei
Lesezeit:
2–4 MinutenAnnähernd gelesen | Zwei Ewigkeiten in drei schildert, wie das lyrische Ich „in der Ecke“ steht – nicht orientierungslos, sondern gezwungenermaßen im Dreieck von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dieser symbolische Dreiklang wird zur Falle: eine „Triangel-Ecke“, in der sich das Ich verunsichert, beschämt und fragmentiert fühlt. Es bewegt sich unsicher zwischen Zuspruch und Urteil…
-

Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen
Lesezeit:
3–5 MinutenVersuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…
-

Nathalie Schmid – herbrig
Lesezeit:
4–6 MinutenInterpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…




