Beginner

Ich kann mir kein seligeres Wissen denken, als dieses Eine: dass man ein Beginner werden muss. Einer, der das erste Wort schreibt hinter einen jahrhundertelangen Gedankenstrich.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926), eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke, österreichischer Erzähler und Lyriker; gilt als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne
Quelle: Rilke, Theoretische Schriften. Aufsätze und Rezensionen, entstanden 1897-1922. Notizen zur Melodie der Dinge. Entst. um 1898, Erstdruck in: Sämtliche Werke, Frankfurt/M. 1965. Originaltext

Ich sitze vor einem leeren Blatt Papier und versuche mein Leben zu notieren. Mit über 50 Lebenserfahrung, etlichen gelesenen Bücher zum Thema: wie schreibe ich meine Autobiografie, und der Lektüre zahlreicher AutorInnen, deren Selbstreflexionen angsteinflößend gut sind, da macht sich ein weißes Blatt nicht gut. Neben dem Papier war nun auch mein Kopf leer.

Roegger via Pixabay

Besser gefallen hat mir die Idee des Phoenix. Der aus der Asche steigt und sich eine Wiedergeburt gönnt. Das bringt zwei Steilvorlagen in Spiel: Was war vor der Asche und was hat zum Verbrennen (Ausbrennen?) geführt? Was ist, so neugeboren, nun anders? Oder soll anders sein.

Ein guter Beginn, wie ich finde,. Denn meine Intention ist, nicht nur das bisher gelebte halbe Jahrhundert zu reflektieren, sondern ich wünsche mit Antworten, wie ich den langen Endspurt gestalten möchte und kann.

Und daher werfe ich nicht das A wie Anfang in den Ring, sondern das B wie Beginner. Der Anfang bzw. in meinem Fall das Anfangen wird dennoch gewürdigt, denn er und es nehmen in meinem Leben großen Raum ein.

Wie bei einem Roman, das Leben ist wohl eher ein solcher und keine Kurzgeschichte, stellt sich die Frage: wie könnte, soll der erste Satz (m)einer Autobiografie lauten?

Alle glücklichen Familien sind gleich, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich. | Leo Tolstoi: Anna Karenina

Wie wäre es hiermit? Es zeigt, der Fokus liegt auf Familie? Ist sie mir wichtig? Mein Vater wollte angeblich mal katholischer Priester werden. So lebte er auch. Das reißt eine Lücke in das Familienbild, denn er nahm sich raus.

Es war ein verrückter schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wusste, was ich in New York eigentlich wollte. | Sylvia Plath: Die Glasglocke

Was für ein Beginn: er müsste natürlich angepasst werden, die Stimmung die hier vermittelt wird: da möchte ich laut HIER rufen. Den nehme ich.

Die Vergangenheit ist ein fremdes Land: sie machen die Dinge dort anders. | L. P. Hartley: The Go-Between

Aber so verlockend es ist, sich auf bewährte erste Sätze zu stützen. Hier muss etwas eigenständiges her. Nun schlage ich mir als ersten Satz meiner autofiktionalen Erinnerungen vor:

Meine Einleitung steht noch dahin.

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