spühren fühlen wittern || Foto: Anemone123 via pixabay

Ich bin introvertiert. Na und?!

Kennst du jemanden, der Tag für Tag mehrere Stunden für sich alleine braucht? Jemand, der ruhige Unterhaltungen über Gefühle oder Ideen schätzt? Jemand, der spektakuläre Vorträge vor vielen Zuschauern halten kann, aber unbeholfen in Gruppen wirkt und ungeschickt im Smalltalk? Jemand, der auf Parties geschleift werden muss und dann den restlichen Tag zum Erholen braucht? Jemand, der grummelt oder finster blickt oder grimmig wird oder zusammenzuckt, wenn er von freundlich gesinnten Leuten mit Höflichkeiten überschüttet wird?

Wenn dem so ist, sagst du diesem Menschen manchmal, daß er „zu ernst“ ist? Oder fragst Du ob alles Ordnung ist? Hältst du ihn für distanziert, arrogant, unhöflich? Verstärkst du deine Anstrengungen ihn aus der Reserve zu locken?

Wenn du diese Fragen mit Ja beantworten kannst ist es gut möglich, daß du einen introvertierten Menschen kennst – und ihn nicht richtig behandelst. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren eine Menge Erkenntnisse gewonnen über introvertierte Menschen, ihre Gewohnheiten und ihre Anforderungen. Durch Gehirnscans wurde sogar entdeckt, daß introvertierte Menschen Informationen anders aufnehmen (kein Witz). Wenn du in dieser wichtigen Angelegenheit den aktuellen Einsichten hinterherhinkst, sei versichert daß du nicht alleine bist. Introvertierte Menschen mögen häufig vorkommen, aber sie sind eine der am häufigsten missverstandenen und benachteiligten Gesellschaftsgruppen in Amerika, wenn nicht in der ganzen Welt.

Ich weiß das. Mein Name ist Jonas und ich bin introvertiert.

Oh, jahrelang hab ich es geleugnet. Immerhin kann ich gut sozial interagieren. Ich bin nicht mürrisch oder menschenfeindlich. Üblicherweise zumindest. Ich bin alles Andere als schüchtern. Ich liebe lange Unterhaltungen über vertraute Gedanken oder leidenschaftliche Interessen. Aber zu guter Letzt habe ich mir meine Introvertiertheit doch eingestanden und vor Freunden und Kollegen bekannt. Dadurch habe ich mich von unzähligen beeinträchtigenden Missverständnissen und Vorurteilen befreit. Und nun will ich dir erzählen, was du wissen musst um auf deine eigenen introvertierten Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen mit Gefühl und Unterstützung einzugehen. Stell dir vor jemand den du kennst, respektierst und mit dem du jeden Tag zu tun hast ist introvertiert und du bringst ihn womöglich um den Verstand. Es lohnt sich die Warnsignale deuten zu können.

Was ist Introvertiertheit? In seiner modernen Bedeutung geht das Konzept zurück auf den Psychologen Carl Jung in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Heute ist es eine Hauptstütze von Persönlichkeitstest unter Anderem des verbreiteten Myers-Briggs Typindikators. Introvertierte Menschen sind nicht notwendigerweise schüchtern. Schüchtern zu sein heißt unruhig, verängstigt oder selbstmissbilligend in Gesellschaft zu sein. Auf introvertierte Menschen trifft dies im Allgemeinen nicht zu. Introvertierte Menschen sind auch nicht menschenfeindlich. Dessen ungeachtet geben manche von uns Sartre recht, wenn er sagt „Die Hölle, das sind andere Leute beim Frühstück“. Introvertiert sein heißt aber vielmehr andere Leute ermüdend zu finden.

Extrovertierte Menschen leben durch den Kontakt mit ihren Mitmenschen auf und welken oder verblassen durch Alleinsein. Sie scheinen oft gelangweilt mit sich zu sein und auch unter ihresgleichen. Lasse einen Extrovertierten für 2 Minuten allein und er wird nach seinem Handy suchen. Wir Introvertierten im Gegensatz müssen nach einer oder zwei Stunden sozialer Aufmerksamkeit abschalten und nachladen. Meine eigene Formel ist ungefähr zwei Stunden allein für jede Stunde sozialer Betätigung. Das ist nicht gesellschaftsfeindlich. Es ist kein Zeichen von Depression. Es erfordert keine medizinische Behandlung. Für Introvertierte ist das Alleinsein mit unseren Gedanken so erholsam wie Schlafen, so nahrhaft wie Essen. Unser Motto ist: „Ich bin ok, du bist ok – aber bitte in kleinen Portionen.“

Wieviele Menschen sind introvertiert? Ich habe umfassend nach Antworten geforscht in Form einer schnellen Google Suche. Die Antwort: Ungefähr 25 Prozent. Oder: nicht ganz die Hälfte. Oder mein Favorit: „Eine Minderheit der normalen Bevölkerung aber eine Mehrheit der begabten Bevölkerung.“

Werden introvertierte Menschen missverstanden? Absolut. Das scheint unser Los im Leben zu sein. „Es ist sehr schwierig für einen Extrovertierten einen Introvertierten zu verstehen,“ schreiben die Bildungsexperten Jill D. Burruss und Lisa Kaenzig. (Sie sind auch Quelle des Zitats aus dem letzten Absatz.) Extrovertierte sind wiederum für Introvertierte leicht zu durchschauen. Extrovertierte Menschen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit in ausführlicher und häufig unausweichlicher Interaktion mit Anderen herauszufinden, wer sie sind. Sie sind so rätselhaft wie Schoßhündchen. Aber umgekehrt wird kein Schuh draus. Extrovertierte können nur wenig mit Introvertiertheit anfangen. Sie setzen voraus, daß Gesellschaft, vor allem ihre eigene immer erwünscht ist. Sie verstehen nicht warum jemand gerne allein sein würde. Vielmehr nehmen sie Anstoß an dieser Vorstellung. Jedes Mal wenn ich versucht habe einem Extrovertierten die Sache zu erklären, ist das Gefühl geblieben daß er es nicht wirklich verstanden hat. Sie hören einen Moment zu und verfallen dann wieder in Kläffen und Jaulen.

Werden introvertierte Menschen unterdrückt? Ich fürchte schon. Zum Einen sind extrovertierte Politiker überrepräsentiert. In der Politik fühlen sich nur die Schwatzhaften wirklich wohl. Nimm George W. Bush oder Bill Clinton. Sie scheinen nur unter anderen Menschen wirklich lebendig zu werden. Die wenigen Introvertierten aufzuzählen, die es in die Spitzenpolitik geschafft haben – Calvin Coolidge, Richard Nixon – beweist nur die Annahme. Introvertierte sind einfach keine Naturtalente in der Politik, mit der möglichen Ausnahme von Ronald Reagan. Dessen sagenhafte Reserviertheit und Zurückgezogenheit waren möglicherweise Zeichen einer tiefen introvertierten Strähne (Ich habe von vielen Schauspielern gelesen, die introvertiert sind und viele Introvertierte fühlen sich in Gesellschaft wie Schauspieler.)

Extrovertierte beherrschen also das öffentliche Leben. Das ist sehr schade. Wenn wir Introvertierten das Sagen hätten, wäre die Welt zweifellos ein ruhigerer, vernünftigerer und friedlicherer Ort. Coolidge wird das Zitat zugeschrieben „Verstehst du nicht, daß vier Fünftel unserer Probleme im Leben verschwinden würden, wenn wir uns einfach nur hinsetzen und stillhalten würden?“ Ihm wird auch der Satz zugeschrieben „Wenn du erst gar nichts sagst wirst du auch nichts wiederholen müssen.“ (Das Einzige was ein richtiger Introvertierter schlimmer findet als über sich selbst zu reden ist sich Wiederholen zu müssen.)

Mit ihrem nicht zu stillendem Appetit für Gerede und Aufmerksamkeit, beherrschen Extrovertierte auch das Sozialleben. Sie neigen daher zu falschen Erwartungen. In unserer extrovertierten Gesellschaft wird es als normal vorausgesetzt aufgeschlossen zu sein und gilt damit als erstrebenswert. Es ist ein Zeichen von Glücklichsein, Zuversicht und Führungsvermögen. Extrovertierte werden als großherzig, lebhaft, warm und gefühlsbetont gesehen. „Ein geselliger Mensch“ ist ein Kompliment. Introvertierte werden beschrieben mit Worten wie „zurückhaltend“, „Eigenbrötler“, „reserviert“, „wortkarg“, „verschlossen“, „privat“ – einengende, unglimpfliche Worte. Sie deuten emotionale Sparsamkeit und eine minderwertige Persönlichkeit an. Ich schätze, daß introvertierte Frauen besonders leiden müssen. In speziellen Kreisen, besonders im Mittleren Westen der USA, kann ein Mann sich unter die Schutzhaube des starken und stillen Typen flüchten. Introvertierten Frauen fehlt diese Alternative. Sie werden um so wahrscheinlicher als scheu, zurückgezogen und hochmütig wahrgenommen.

Sind introvertierte Menschen arrogant? Kaum. Ich nehme an daß dieses häufige Missverständnis damit zusammenhängend, daß wir intelligenter, reflektiver, unabhängiger, besonnener, vergeistigter und feinsinniger als Extrovertierte sind. Es hängt sicher auch mit unserm Verzicht auf Smalltalk zusammen. Ein Verzicht, den Extrovertierte oft für Geringschätzung halten. Wir denken gerne nach bevor wir reden, während Extrovertierte beim Reden denken. Deswegen dauern ihre Besprechungen nie weniger als 6 Stunden. „Introvertierte“ schreibt der scharfsinnige Zeitgenosse Thomas P.Crouser in der online Rezension des neuen Buches Warum sollen Extrovertierte alles Geld verdienen? (Immer noch kein Witz), „werden regelmäßig abgelenkt von dem halbinternen Dialog unter Extrovertierten. Introvertierte beschweren sich aber nicht äußerlich sondern rollen mit den Augen und verfluchen insgeheim die Dunkelheit.“ Genau so.

Das Schlimmste daran ist, daß Extrovertierte keine Ahnung haben durch welche Qualen sie uns schicken. Manchmal schnappen wir nach Luft in dem Nebel des zu 98 Prozent inhaltsfreien Geredes und fragen uns ob Extrovertierte sich überhaupt selbst zuhören. Trotzdem halten wir stoisch aus, weil die Bücher über Etiquette – ohne Zweifel von Extrovertierten geschrieben – das Ablehnen von Wortgeplänkel als unhöflich werten und Lücken in der Unterhaltung als unangenehm. Unser Traum ist, daß eines Tages unser Zustand weitläufiger verstanden wird. Daß vielleicht eine Bewegung für mehr Rechte von Introvertierten ihre Blüten und ihre Früchte getragen hat. Dann wird es nicht mehr unhöflich sein zu sagen „Ich bin ein Introvertierter. Du bist eine wundervolle Person und ich mag dich. Aber bitte jetzt pssst.“

Wie kann ich den Introvertierten in meinem Leben wissen lassen, daß ich ihn unterstütze und seine Wahl respektiere? Zuallererst muss man erkennen, daß es keine Wahl ist und auch kein Lebensstil. Es ist eine grundlegende Orientierung.

Zweitens, wenn man einen Introvertierten in Gedanken verloren sieht, sollte man Bemerkungen vermeiden wie „Was ist los?“ oder „Geht es dir gut?“

Drittens, man sollte auch nichts Anderes sagen.

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