Unzerbrechliches Glas

Die Rezension von Erich Ruhl zum Film Die Wand mit Martina Gedeck hat mich zur Frage gebracht: Welche Sinneserfahrungen möchte ich machen, die fernab des Alltäglichen liegen. Hier einige Ideen & Flausen: 

Ich möchte in einer Hütte aus unzerbrechlichem Glas auf einer Bergspitze sitzen und zuschauen, wie die Welt in einem grauen, nassen, wütenden Hurrikan zugrunde geht. Und möchte auf den wilden Klippen der Aran Islands – abseits Irlands Westküste – stehen, während eine Riesenwelle von Grönland her an die erbebenden Felsen donnert, mit Wellen, die beim Aufschlagen und Niederbrechen 100 Meter hoch in die Luft aufspritzen und aufsprühen. Und dann möchte ich eine Woche tief unter Wind und Sturm auf dem Grund des Meeres verbringen und mir die seltsamen Kreaturen der Tiefe betrachten. Und später meine Eindrücke mit Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer abgleichen.

Ich möchte Sonnenuntergänge im Wattenmeer erleben, wo die Sonne langsam in vielfarbigem Feuer untergeht und Gewitterwolken über dem halben Himmel leuchten und blitzen, und schüchtern Sterne im ungetrübten Blau des Himmels funkeln. Unbekleidet. Und dieses Erlebnis möchte ich dann malen.

Meine Ohren können wenig mehr verlangen, als sie schon gehört haben. Ich habe der Welt schönste Musik genossen; ich hörte die Lieder der Bantus und der Samoaner; ich hörte in den Alpen eine Schneelawine grollen, während sie sich ihren Weg 2000 Meter hangabwärts in den Abgrund brach. Mein Rückgrat hat ein Frösteln durchlaufen, als ich das unterirdische Rascheln des Nordlichtes hörte, während es seine raumweiten Säume durch die fernen flimmernden Sterne hinter sich her schleppte.
Ich hörte einen Waldbrand menschliche Rede zu Boden dröhnen — und wünsche das nicht wieder zu erleben. Aber bevor ich 80 bin, möchte ich noch einen großen Vulkan bei einer Eruption hören und nicht zuletzt das Trommelkonzert von 500 Pavianen. Was mir noch fehlt sind Urgeräusche: aus den Tiefen der Erde, des Wassers, der Luft, aus dem Weltall und der Herzschlag eines ungeboren Kindes ohne Ultraschall.

Noch viele Male möchte ich den Duft spanischen Flieders eines Frühlings in Neu-England verspüren und mir noch eine stille Blütennacht in einem Orangenhain von Florida gönnen.

Für meine Zunge schenkt mir noch einige Tausend weiterere Dessertmelonen, die aufgelesen wurden, wie sie von den Stämmen fielen und vor Sonnenaufgang gegessen werden, so dass sich in ihnen noch die Kühle der Nacht verbirgt.

Ich möchte eine Frau kennenlernen, deren natürlicher Körperduft mich vollends in den Bann zieht und mir immer im Gedächtnis bleibt und alte Erinnerungen überspielt. (Ein Wunsch aus deutlich jüngeren Jahren.)

Eine spannende Frage ergibt sich hieraus: was kann ich wie umsetzen? Direkt oder im übertragenen Sinne?

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