Helga Königsdorf

Helga Königsdorf (13. Juli 1938 – 4. Mai 2014) war eine deutsche Mathematikerin und Schriftstellerin, die sowohl in der Wissenschaft als auch in der Literatur bedeutende Beiträge leistete. Geboren in Gera, Thüringen, promovierte sie 1963 mit einer Arbeit zur Stabilität stochastischer Differentialgleichungssysteme und habilitierte sich 1972. Ab 1974 leitete sie eine Abteilung für Wahrscheinlichkeitsrechnung und Mathematische Statistik am Mathematischen Institut der Akademie der Wissenschaften der DDR in Ost-Berlin. Erst im Alter von 40 Jahren wandte sie sich der Literatur zu und veröffentlichte ihren ersten Erzählband „Meine ungehörigen Träume“ (1978), der in der DDR große Beachtung fand.

In ihren Werken setzte sie sich kritisch mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft auseinander und beleuchtete den Alltag in der DDR. So verknüpfte sie beispielsweise in der Brief-Novelle „Ungelegener Befund“ DDR-Zeitgeschichte mit der Zeit des Nationalsozialismus. Ihre Protagonistinnen sind oft studierte Frauen, die sich in einer von Männern dominierten Welt behaupten müssen. In einem Interview mit Günter Gaus äußerte sie sich dazu: „Vielleicht habe ich als Frau – das ist jetzt wirklich nur eine Hypothese – die Einengung stärker empfunden.“

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands widmete sich Königsdorf verstärkt der Literatur und veröffentlichte Romane wie „Im Schatten des Regenbogens“ (1993) und „Die Entsorgung der Großmutter“ (1997). Letzteres Werk thematisiert die Herausforderungen des Alterns und die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber älteren Generationen. Der Roman zeichnet sich durch seinen bitteren, sarkastischen Ton aus und wurde sowohl gelobt als auch kontrovers diskutiert.

In ihrer Erzählung „Respektloser Umgang“ (1990), beleuchtet die fiktive Begegnung zweier Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten: Lise Meitner, die bedeutende Atomphysikerin, deren wissenschaftliche Leistungen durch den Faschismus ungerechtfertigt in den Hintergrund gedrängt wurden, und die Ich-Erzählerin, eine Wissenschaftlerin, die auf der Höhe ihres Lebens von einer tückischen Krankheit aus ihrer Arbeit gerissen wird und sich mit den Folgen körperlichen und geistigen Verfalls auseinandersetzen muss. Die Erzählung zeigt, wie die Erzählerin, statt in Isolation zu verfallen, ein zunehmendes Bedürfnis entwickelt, ihre persönliche Erfahrung in einen größeren geschichtlichen Kontext einzuordnen. Ihre individuelle Lebensgeschichte wird dabei zu einem Gleichnis für das Lebensanspruch der Menschheit.

Neben ihrer literarischen Tätigkeit setzte sich Königsdorf intensiv mit der DDR-Vergangenheit auseinander. In Essays und Interviews reflektierte sie über die politischen und sozialen Umbrüche der Wendezeit und betonte die Bedeutung von Visionen für die Gesellschaft. Sie warnte vor Manipulation, unabhängig vom politischen System, und sagte einmal: „Früher war es wirklich ganz einfach: Weil es dümmer, leichter durchschaubar war, ließ es sich irgendwie auch leichter abwehren. Heute ist es schwieriger, weil man es erst alles verstehen, erst alles begreifen muss.“

Trotz ihrer erfolgreichen literarischen Karriere blieb Königsdorf der Wissenschaft verbunden und veröffentlichte mehrere Fachbücher zur Mathematik, teils gemeinsam mit ihrem Ehemann Olaf Bunke. Ihre Doppelkarriere als Wissenschaftlerin und Schriftstellerin machte sie zu einer einzigartigen Persönlichkeit in der deutschen Kulturlandschaft. Im Jahr 2002 veröffentlichte sie ihre Memoiren „Landschaft in wechselndem Licht“, in denen sie offen über ihre langjährige Parkinson-Erkrankung sprach. Sie schrieb: „Ich akzeptiere das Sterben nicht. Ich gehe unter Protest. Ich hätte so gerne gesehen, wie es weitergeht.“ Am 4. Mai 2014 verstarb Helga Königsdorf in Berlin.

Ihr literarisches Werk zeichnet sich durch präzise Beobachtungen, ironischen Unterton und eine tiefgehende Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen aus. Auch Jahre nach ihrem Tod bleibt ihre Stimme in der deutschen Literatur von Bedeutung.

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