Zukunft liest Vergangenheit

Zwei Fotos derselbe Mensch. Einmal siebzehn, einmal kurz vor dem Ende. Manguel schreibt, es sei nicht gesagt, dass man das jüngere Bild dem späteren vorziehen würde. Weil das Wissen um das Ende bereits darin ist. Man schaut auf den Jungen und sieht den Sterbenden mit. Alberto Manguel nennt das: „Der Einfluss der Zukunft auf die Vergangenheit.“

Aber gilt das auch umgekehrt? Vielleicht zieht man das spätere Bild vor – nicht wegen des Verlusts, sondern wegen der Fülle. Weil darin sichtbar ist, was geworden ist.
Gelesen bei Alberto Manguel | Tagebuch eines Lesers

schönstes dunkelgrau

in der ausgabe 301 der horen (faltenwurf: mode — tanja maljartschuk) schreibt bettina wilpert über einen hosenanzug. ich las mich dabei fest — genauer gesagt: ich las falsch. aus trüge wurde trübe, und plötzlich fragte ich mich, wie sich dunkelgrau überhaupt trüben lässt. die frage ließ mich nicht los. daraus ist ein gedicht geworden, und ein aquarell.

Erinnerungskultur?

Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto.
Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr.

Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld 1926.

LektüreNotizen

Inspiriert von der Praxis des Lesetagebuchs, nutze ich unterschiedliche Formen, um diesen Prozess abzubilden: Skizzen verorten plötzliche Einsichten, Töne halten die Stimmung einer Passage fest, Filme fangen Bewegung ein, wo Worte erstarrten. Form follows function – denn nur so lässt sich erfassen, was beim Lesen geschieht: ein Dialog, der nicht endet.

Vielleicht ist es eine Taube.
Keine Stadttaube, eher eine von früher,
eine, die noch weiß, wohin man etwas bringt.

An der Wand bleibt eine Musik zurück,
die nicht mehr trägt.

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