Kategorie: AD

  • ich denke – Günter Abramowski

    ich denke – Günter Abramowski

    Eine Annäherung | Dieses Gedicht – eigentlich ohne Titel – steht auf dem Buchdeckel des Bandes zu / das haus / auf dem weg und scheint eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zur Zeit, zur Welt und zum eigenen Ich zu sein.
    Den ersten Teil, „auch bin ich was ich weiß / trotz dem / mein wollen im leben / hinter der zeit die Welt erfahren / bin das haus auf dem weg / unsere geheimnisse hütend“, interpretiere ich so, dass das Wissen des Sprechers zwar eine Rolle spielt, aber ein tieferes Bedürfnis nach Erfahrung über das Verstandene hinausgeht. Es scheint, als wolle der Sprecher die Welt in einer Weise erleben, die jenseits des bloßen chronologischen Ablaufs der Zeit liegt, vielleicht in einer Art tieferer, umfassenderer Wahrnehmung. Die Metapher „bin das haus auf dem weg / unsere geheimnisse hütend“ könnte darauf hindeuten, dass der Sprecher eine Art Bewahrer von inneren Wahrheiten oder gemeinsamen Erfahrungen ist, der sich selbst als einen Ort oder einen Behälter auf einer Reise versteht.

    Der zweite Teil des Gedichts, „Ein Versuch, sich die Zeit zu nehmen, / in der Begegnung mit dem Anderen, / in dessen Antlitz, die eigene Schwäche und / Sterblichkeit empfinden: / Mein Ich & die Welt in der Sorge um den Anderen spiegeln“, verlagert den Fokus auf die Beziehung zum „Anderen“. Hier scheint es darum zu gehen, dass in der direkten Begegnung mit einem Mitmenschen eine Reflexion des eigenen Ichs stattfindet. Das Erfahren der eigenen Schwäche und Sterblichkeit im Angesicht des Anderen könnte bedeuten, dass die eigene Begrenztheit und Endlichkeit durch den Blick des Anderen bewusster wird. Die Zeile „Mein Ich & die Welt in der Sorge um den Anderen spiegeln“ könnte darauf hinweisen, dass das eigene Selbstverständnis und die Wahrnehmung der Welt durch die Empathie und Fürsorge für andere geprägt und geformt werden. Es scheint, als fänden das Ich und seine Beziehung zur Welt erst durch die Hinwendung zum Anderen ihre volle Bedeutung und ihren Ausdruck.


    Eine andere Ebene der Betrachtung

    Aus einer reflektierenden Perspektive könnte der Autor möglicherweise vermitteln wollen, dass die wahre Erkenntnis des Selbst und der Welt nicht isoliert stattfindet, sondern in der Verbindung und Auseinandersetzung mit anderen. Es scheint, als ob das Gedicht die Idee vertritt, dass das individuelle Ich in seiner Entwicklung und seinem Verständnis nicht losgelöst von der Gemeinschaft oder den Beziehungen zu anderen existiert. Vielmehr wird die eigene Menschlichkeit, einschließlich ihrer Verletzlichkeit und Vergänglichkeit, erst in der Interaktion mit dem „Anderen“ voll erfahrbar.
    Die „Sorge um den Anderen“ könnte dabei nicht nur als altruistisches Gefühl verstanden werden, sondern als ein entscheidender Faktor, der dem eigenen Leben und der eigenen Existenz eine tiefere Dimension verleiht und das Ich in Beziehung zur Welt setzt. Es geht möglicherweise darum, dass man erst durch das Überwinden der reinen Selbstbezogenheit zu einem umfassenderen Verständnis von sich selbst und seiner Rolle in der Welt gelangt.

    Wieder tue ich mich mit Gedichten schwer, in denen es ausschließlich um das theoretische Reflektieren geht. Beim Lesen ist die Idee einer Antwort in Gedichtform gekommen. Anlass ist die jährlich stattfindende Kulturelle Landpartie im Wendland:


    Der Töpfer und das offene Tor

    Ich bin jetzt hier, wo Lehm sich formt zur Schale,
    mein Haus steht fest, doch auf dem Weg der Zeit.
    Was ich einst wusste, ist nun Materie, reale,
    durch Hand und Feuer in die Welt geweiht.
    Ich hüt‘ kein Wissen mehr, doch unsre Geheimnisse zeig ich,
    im Schein der Lampe, wenn die Nacht sich senkt.

    Dann kommt die Landpartie, das Tor ist offen,
    ein Strom von Menschen zieht durch meinen Garten.
    In jedem Blick, der auf mein Werk fällt, unverhofft,
    sehe ich mich selbst – ein Staunen, das mich packt.
    In ihrem Antlitz, fremd und doch so nah,
    fühle ich meine Mühe, ja, und auch die Kraft, die war.

    Die eigenen Hände schufen, was sie sehen,
    doch meine Schwäche, auch sie steht da blank.
    Wenn ein Werk zerbricht, muss ich es verstehen,
    der Sterblichkeit des Tones, dem Vergangen-Dank.
    Doch mein Ich und die Welt – sie spiegeln sich nicht nur im stillen Sein,
    sondern in der Sorge, ob meine Kunst sie erreicht.

    In dieser Begegnung, wo die Worte reichen,
    wo Lob erklingt, ein Lächeln auf das Gesicht,
    da sehe ich, wie das, was aus mir strich,
    nun lebt, im andern Anteil nimmt, mein Licht.
    So wird die Sorge um den Anderen zur Form, zum Klang,
    und mein Leben hier, ein ewiger Gesang.

    Titelfoto: Hans Dietmann

  • Peter Bichsel – Die Geschichte von den drei Steinen

    Peter Bichsel – Die Geschichte von den drei Steinen

    Ein Mann findet drei gewöhnliche Steine und beschließt, ihnen eigene Namen zu geben. Er nennt sie „Herr Babel, „Herr Bohm und „Herr Buht“. Für ihn sind diese Steine ab sofort nicht mehr bloß Steine, sondern Individuen mit bestimmten Eigenschaften, über die er nachdenkt, spricht und sich freut.

    Er zeigt sie auch einem Kind und bringt ihm bei, wie sie heißen. Das Kind übernimmt die Namen, behandelt die Steine ebenfalls individuell – sie bekommen also durch Sprache und Benennung eine Art Persönlichkeit und Bedeutung.

    Der Mann fühlt sich durch diese neue Sichtweise auf die Welt zufrieden. Doch als ein weiterer Erwachsener hinzukommt, findet dieser das Ganze lächerlich: Für ihn sind es eben nur drei Steine, und er kann nicht verstehen, warum man ihnen Namen gibt oder über sie spricht, als wären sie mehr als bloße Objekte.

    Am Ende nimmt der skeptische Erwachsene die Steine und wirft sie fort – die Geschichte endet mit einem leisen Verlust.

    Hier bin ich mit der Geschichte in den Dialog getreten.

  • Im Silberdistelwald

    Im Silberdistelwald

    Als hätten sich György Kurtág, Johann Sebastian Bach und Oskar Loerke am Hubertussee getroffen.

    Der Silberdistelwald
    Mein Haus, es steht nun mitten
    Im Silberdistelwald.
    Pan ist vorbeigeschritten.
    Was stritt, hat ausgestritten
    In seiner Nachtgestalt.

    Die bleichen Disteln starren
    Im Schwarz, ein wilder Putz.
    Verborgne Wurzeln knarren:
    Wenn wir Pans Schlaf verscharren,
    Nimmt niemand ihn in Schutz.

    Vielleicht, dass eine Blüte
    Zu tiefer Kommunion
    Ihm nachfiel und verglühte:
    Mein Vater du, ich hüte,
    Ich hüte dich, mein Sohn.

    Der Ort liegt waldinmitten,
    Von stillstem Licht gefleckt.
    Mein Herz – nichts kam geritten,
    Kein Einhorn kam geschritten –
    Mein Herz nur schlug erweckt.

    Oskar Loerke | 1934


    Begleitmusik | Játékok. Marta und György Kurtág spielen J. S. Bach. ECM Records, ℗1997. Darauf zu finden: Distel III, 14 — Dauer: 24 Sekunden. Ob das dieser Pflanze gerecht wird?

    Diese Aufnahme gehört nicht zur erwähnten ECM-CD. Bogáncs ist übrigens das ungarische Wort für Distel. Játékok – Bogáncs · György Kurtág | Kamarazene (Kammermusik) | ℗ 1976 HUNGAROTON RECORDS LTD.

    Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke liegt am Hubertussee, geschaffen im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. [Loerkes Vater war übigens Ziegeleibesitzer.]

    Oskar Loerke (* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz/ Wiąg in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus. Das Gedicht erschien 1934 im gleichnamigen Gedichtband.
    Seine ausgeprägte Liebe zur Musik fand u.a. Ausdruck in veröffentlichten Texten zu Johann Sebastian Bach und 1938 zu Anton Bruckner:
    1922 Wandlungen eines Gedankens über die Musik und ihren Gegenstand bei Johann Sebastian Bach
    1935 Das unsichtbare Reich. Johann Sebastian Bach, S. Fischer
    1938 Anton Bruckner. Ein Charakterbild
    Begleitmusik 2 | Johann Sebastian Bach „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde (BWV 201)“ –  eine weltliche Kantate. Im Autograph trägt sie den Titel „Der Streit zwischen Phoebus und Pan“]

    Eine Annäherung an Oskar Loerkes „Der Silberdistelwald“

    Oskar Loerkes Gedicht „Der Silberdistelwald“ (1934) erzählt von einem Haus im Wald, und von dem, was dort geschieht – oder vielmehr: nicht geschieht. Es ist die Geschichte einer Begegnung, die bereits vorüber ist, bevor das Gedicht beginnt.

    Was ist geschehen?

    Pan, der antike Hirtengott, ist durch den Wald geschritten, in seiner „Nachtgestalt“. Sein Durchgang hat etwas beendet: „Was stritt, hat ausgestritten.“ Nach diesem Ereignis herrscht eine eigentümliche Stille. Das lyrische Ich befindet sich nun inmitten eines verwandelten Raums – der Silberdistelwald, der das Haus umgibt, erscheint wie eine Bühne nach dem Drama.

    Die Disteln starren bleich im Schwarzen, ein „wilder Putz“, als wären sie Zeugen oder Überbleibsel. Unter der Oberfläche knarren verborgene Wurzeln. Und hier taucht das erste Rätsel auf: „Wenn wir Pans Schlaf verscharren, / Nimmt niemand ihn in Schutz.“ Ist Pan gestorben? Ist sein Durchgang sein Ende gewesen? Das Begraben seines Schlafs – nicht seiner Leiche – deutet auf etwas Unabgeschlossenes hin. Niemand würde ihn schützen, heißt es, und das „wir“ bleibt unbestimmt.

    Die Blüte und die verkehrten Rollen

    Dann folgt eine merkwürdige Wendung: „Vielleicht“ sei eine Blüte Pan nachgefallen und verglüht, „zu tiefer Kommunion“. Dieses „vielleicht“ öffnet den Raum der Spekulation – ist es eine Geste der Hingabe, ein letzter Gruß? Die nächsten Zeilen brechen mit jeder Erwartung: „Mein Vater du, ich hüte, / Ich hüte dich, mein Sohn.“

    Wer spricht hier zu wem? Das lyrische Ich scheint beide Positionen gleichzeitig einzunehmen – es ist Kind und Elternteil zugleich, oder es spricht zu Pan, der sowohl Vater als auch Sohn ist. Die Generationengrenzen lösen sich auf, Fürsorge wird nicht weitergegeben, sondern kreist in sich selbst. Diese Zeilen lesen sich wie ein Versprechen oder ein Gebet – aber an wen oder was?

    Die Stille danach

    Die letzte Strophe kehrt zum Ort zurück: „waldinmitten“, von „stillstem Licht gefleckt“. Das Herz des lyrischen Ichs schlägt erweckt – aber es ist „nichts“ gekommen. Kein Einhorn (das christliche Symbol der Reinheit), keine mythische Rettung, keine äußere Erscheinung. Das Erwachen geschieht allein, ohne Anlass, ohne Ereignis. Das „nur“ wirkt beinahe ernüchtert: Nur das eigene Herz, sonst nichts.

    Eine Geschichte ohne Handlung?

    Das Gedicht erzählt von einem Zustand nach einem Geschehen. Pan ist vorbeigezogen, etwas hat sich erledigt, aber was bleibt, ist Ambivalenz: Der Wald ist Schutzraum und Ort des Verglühens, das Ich übernimmt Fürsorge für etwas Unsichtbares, das Herz erwacht in völliger Einsamkeit. Es ist keine lineare Erzählung, sondern eher eine mythische Nacherzählung – ein Echo eines Ereignisses, das sich der Darstellung entzieht.

    Die Disteln, die starren, die Wurzeln, die knarren, das Licht, das fleckt: Alles deutet auf Spuren hin, auf Reste einer Präsenz. Pan selbst ist abwesend, aber die Landschaft trägt seine Signatur. Das lyrische Ich scheint sich in dieser Zwischenposition eingerichtet zu haben – nicht mehr wartend auf etwas Großes, aber wach für das, was im Verborgenen weiterlebt.

    Form und Atmosphäre

    Loerke arbeitet mit kurzen, gereimten Versen im Kreuzreim, die durch Enjambements ineinander fließen. Die Sprache ist knapp, fast archaisch („verscharren“, „Kommunion“), und schafft eine feierliche, aber auch unheimliche Grundstimmung. Wörter wie „knarren“ oder „geschritten“ verleihen dem Wald eine haptische, fast körperliche Präsenz.

    Entstanden 1934, lässt das Gedicht keine direkten zeitgeschichtlichen Bezüge erkennen. Doch die Betonung von Schutzlosigkeit und die Suche nach einem inneren Erwachen könnten als Resonanz auf Umbrüche gelesen werden – weniger als politische Aussage, eher als existenzielle Grundierung.

    Der Silberdistelwald ist beides: Ort der Stille und Ort der Vergänglichkeit. Was hier geschieht, geschieht leise, aber nachhaltig – ein Erwachen ohne Ankunft, eine Fürsorge ohne Objekt, eine Geschichte, die schon zu Ende ist, bevor sie beginnt.

    • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • Guido Zernatto || Gebet

      Guido Zernatto || Gebet

      Ich bete zu Gott, weil in seiner Hand Mein Sein ist, mein Leib, mein Gefühl, mein Verstand, Mein Hoffen, mein Trachten zu jeglicher Stund Und ohne ihn redet kein Wörtlein mein Mund. Ich bete zu Gott, weil das Firmament Kein Licht und kein Lebendsein ohne ihn kennt; Ohne ihn steigt kein Tag auf den Bergen…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

    • Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…

    • Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…

    • margueriten – Norbert Hummelt

      margueriten – Norbert Hummelt

      Das Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…

    • Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei

      Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei

      Annähernd gelesen | Zwei Ewigkeiten in drei schildert, wie das lyrische Ich „in der Ecke“ steht – nicht orientierungslos, sondern gezwungenermaßen im Dreieck von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dieser symbolische Dreiklang wird zur Falle: eine „Triangel-Ecke“, in der sich das Ich verunsichert, beschämt und fragmentiert fühlt. Es bewegt sich unsicher zwischen Zuspruch und Urteil…

    • Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…

    • Nathalie Schmid – herbrig

      Nathalie Schmid – herbrig

      Interpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…

    • Abzeichen

      Abzeichen

      In diesem Fall habe ich versucht, mir Ille Chamiers Gedicht „Heil“ über Erzählungen aus der eigenen Familie zu erarbeiten. Daraus ist eine Art Gedicht entstanden: ich war fünf, als mein Bruder das Abzeichen bekamgoldenes Hakenkreuz auf rotem Grunder steckte es sich ans Hemd wie ein Versprechendie Mutter sagte: sei stolz im Schulflur hing der neue…

  • wer ist wir | Eine Annäherung

    wer ist wir | Eine Annäherung

    Das titelgebende Gedicht „wer ist wir“ von Günter Abramowski erforscht die Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen, Identität und existenzieller Unsicherheit durch fragmentarische Sprache und metaphorische Verdichtung. Hier eine strukturelle und thematische Analyse:


    Form und Struktur

    • Kurzzeilen und Enjambements: Die zerbrochenen, oft hyphenisierten Verse (z. B. „einjagendes / habenwollen“) spiegeln die Fragilität und Zerrissenheit der Beziehung wider.
    • Fehlende Interpunktion: Bis auf das „&“ gibt es keine Satzzeichen, was den Lesefluss beschleunigt und eine Atmosphäre der Unabgeschlossenheit schafft.
    • Dialektische Bewegung: Das Gedicht oszilliert zwischen Gegensätzen – Bindung („gebundenheit“) und Befreiung („un-gebundene“), Tiefe („tiefe offen“) und Abgrund („un-grund“).

    Thematische Schichten

    1. Beziehungsdynamik
    • Asymmetrie: „ich zu dir / du nicht zu mir“ zeigt ein Ungleichgewicht, eine einseitige Zuwendung.
    • Konflikt: „verletzt in meine tiefe“ verweist auf emotionale Verletzung, während „einjagendes / habenwollen“ aggressive Begierde oder Machtkämpfe andeutet.
    • Bindung als Pfahl: Das Bild des „pfahls der gebundenheit“ evoziert Gewalt (wie ein Marterpfahl) und erzwungene Verbundenheit.
    1. Transformation und Befreiung
    • Die „un-gebundene[n]“ stehen für eine Loslösung von Restriktionen, doch die Befreiung führt nicht in Sicherheit, sondern in den „un-grund“ (Abgrund).
    • „tanzen strudel“ symbolisiert ein paradoxes Einswerden mit dem Chaos – Bewegung trotz Orientierungslosigkeit.
    1. Existenzielle Leere
    • „grundlos im un-grund“ kombiniert zwei Negationen: Ohne Grund (grundlos) und im Abgrund (un-grund). Dies unterstreicht eine nihilistische Haltung, die gleichzeitig befreiend und beängstigend wirkt.

    Sprachliche Besonderheiten

    • Neologismen und Hyphen: Worte wie „habenwollen“ oder „un-gebundene“ brechen grammatikalische Normen auf und verdeutlichen die Unmöglichkeit, Beziehungserfahrungen in konventionelle Sprache zu fassen.
    • Paradoxien: „tiefe offen / fürs kommende“ – Offenheit trotz Verletzung; „grundlos“ im „un-grund“ – eine Leere, die zugleich Raum für Neues schafft.

    Symbolik

    • Pfahl: Ein ambivalentes Symbol – Fixierung, aber auch ein phallisches oder archaisches Ritualobjekt.
    • Strudel: Repräsentiert die Unkontrollierbarkeit des Lebens, aber auch eine dynamische, fast tänzerische Akzeptanz des Chaos.
    • Abgrund (un-grund): Verweist auf Heideggers Begriff des „Abgrunds“ als Ort ohne metaphysischen Halt, der jedoch Authentizität ermöglicht.

    Zusammenfassung

    Das Gedicht inszeniert eine existenzielle Krise zwischenmenschlicher Bindung: Die Suche nach Nähe führt zu Verletzung und erzwungener Verbundenheit, doch die Befreiung daraus mündet nicht in Sicherheit, sondern in eine chaotische, „grundlose“ Freiheit. Die Sprache selbst wird zum Ort des Konflikts – fragmentiert, hybrid und paradox – und spiegelt so die Unmöglichkeit, Beziehungserfahrungen eindeutig zu fixieren.

    Entnommen: Günter abramowski | wer ist wir

  • Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

    Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

    Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.
    Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!
    Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?
    Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.
    Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das?

    Ich gehe auf eine steile Klippe,
    ich werde fallen, fang mich! Schaffst du das?
    Und wenn ich wegfahre, wirst du mir schreiben?
    Mir fällt es schwer, ohne dich zu sein.
    Ich will bei dir sein, hörst du?
    Nicht nur eine Minute, nicht einen Monat, sondern lang,
    sehr lang, das ganze Leben, verstehst du?
    Das bedeutet das ganze Leben zusammen – willst du das?
    Ich habe Angst vor deiner Antwort, weißt du das?
    Antworte mir, doch bitte nur mit den Augen.
    Antworte mir mit den Augen – liebst du mich?
    Wenn ja, dann verspreche ich dir,
    dass du die Allerglücklichste sein wirst.
    Wenn nicht, dann flehe ich dich an,
    mich nicht mit deinem Blick hinzurichten. Tue es bitte nicht!
    Zieh mich nicht mit deinem Blick in die Untiefe!
    Doch erinner dich bitte ein wenig an mich…
    Ich werde dich lieben, darf ich?
    Auch, wenn es nicht erlaubt ist…, werde ich es!
    Und ich werde dir immer zu Hilfe eilen, wenn du in Schwierigkeiten sein solltest.

    (Übersetzt aus dem Russischen von Maria Aronov – Mehr zur Übersetzerin und Lyrikerin finden Sie hier.)


    So, wie ich das Gedicht verstehe, wird hier von einem Menschen gesprochen, der seine Gefühle mit einer Mischung aus Leidenschaft und Verletzlichkeit offenbart. Diese Person scheint emotional intensiv, fast überwältigt von ihrer Liebe, aber gleichzeitig geprägt von Unsicherheit und der Angst, nicht erwidert zu werden.

    Der Dichtende wirkt wie jemand, der Liebe nicht als einfaches Glück, sondern als riskanten Akt begreift – etwas, das Mut, Arbeit und sogar Schmerz mit sich bringt („mühsam, zu lieben“). Die drängenden Fragen („hörst du?“, „verstehst du?“, „willst du das?“) zeigen eine Sehnsucht nach klarer Bestätigung, fast als bräuchte er Gewissheit, um nicht in seinen eigenen Zweifeln zu versinken.

    Auffällig ist auch die paradoxe Haltung: Einerseits fordert er bedingungslose Hingabe („das ganze Leben“), andererseits bittet er fast ängstlich darum, nicht verletzt zu werden („richte mich nicht hin“). Das spricht für einen Menschen, der tiefe Bindungen sucht, aber gleichzeitig ein großes Misstrauen gegenüber dem „Ob“ und „Wie“ der Liebe hegt.

    Die Sprache – voller drastischer Bilder wie Ertrinken, Stürzen, „Untiefen“ – lässt auf jemanden schließen, der Emotionen extrem erlebt und sie in dramatischen Metaphern ausdrückt. Gleichzeitig klingt eine trotzige Entschlossenheit durch („Auch, wenn es nicht erlaubt ist…“), als würde er gegen innere oder äußere Widerstände kämpfen.

    Kurz: Ein Mensch, der zwischen romantischem Idealismus und existenzieller Verunsicherung schwankt, dessen Liebe aber vor allem eines ist – kompromisslos.


    Eduard Arkadjewitsch Assadow| Eduard Asadov (1923-2004) war ein russischer Dichter und Prosaist, der für seine zugängliche und zutiefst menschliche Lyrik bekannt war. Geboren in Merw, Turkmenistan, wuchs er in einer Zeit großer Umbrüche auf, die sein Werk nachhaltig prägen sollte. Sein Leben war gezeichnet von einer persönlichen Tragödie, die ihn jedoch nicht davon abhielt, ein reiches literarisches Erbe zu schaffen. Als Freiwilliger nahm er am Zweiten Weltkrieg teil und erlitt 1944 eine schwere Gesichtsverletzung, die ihn erblinden ließ. Trotz dieser Behinderung setzte er seinen literarischen Weg fort und wurde zu einer der beliebtesten Stimmen der sowjetischen und später russischen Poesie.

    Assadows Werk zeichnet sich durch eine einfache, verständliche Sprache und einen direkten emotionalen Ausdruck aus, der bei einem breiten Publikum Anklang fand. Seine Gedichte befassten sich oft mit Themen wie Liebe, Freundschaft, Patriotismus, Natur und den menschlichen Erfahrungen von Freude und Leid. Er scheute sich nicht, über schwierige Themen zu schreiben, fand aber stets einen Weg, Hoffnung und Positivität zu vermitteln. Viele seiner Gedichte sind narrativ und erzählen kleine Geschichten, die das Leben und die Gefühle der einfachen Leute widerspiegeln.

    Er schrieb auch Prosa, oft in Form von Kurzgeschichten oder autobiografischen Skizzen, die seine Erlebnisse und Reflexionen teilten. Assadows Popularität war zu seinen Lebzeiten enorm, und seine Lesungen waren stets gut besucht. Er galt als ein Dichter des Volkes, der die Herzen seiner Leser mit seiner aufrichtigen und gefühlvollen Poesie berührte. Sein Einfluss ist bis heute spürbar, und seine Werke werden weiterhin gelesen und geschätzt.

    • Augenhöhe gesucht

      Augenhöhe gesucht

      Ich halte mich für einen durchaus gefühlvollen Menschen; es würde mir allerdings niemals in den Sinn kommen, mich derart zu äußern. Allerdings: wie würde ich es denn, basierend auf diesem Gedicht von Eduard Assadow? Wenn man das Gedicht aus einer nüchternen, weniger überwältigten Perspektive betrachtet, könnte die Darstellung der Gefühle anders aussehen – sachlicher, reflektierter,…

    • Maria Aronov

      Maria Aronov

      In meiner Schulzeit entwickelte sich bei mir ein großes Interesse für Deutsch. Später, im Abitur wählte ich Deutsch als Leistungskurs und entschied mich für das Studium der deutschen Sprache und Literatur (Germanistik). Als Nebenfächer wählte ich Deutsch als Fremdsprache und Philosophie. Alle drei Fächer waren mir sehr nah, da ich selbst schreibe, mich für die…

    • Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

      Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

      Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das? Ich gehe auf eine steile Klippe,ich werde fallen, fang mich! Schaffst…

  • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

    Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

    „Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden.

    Unterwegs im Regen

    Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren. Da sind Wasserpfützen vom „letzten Aprilregen“, verschmutzte Schuhe, Wege die sich biegen und verlaufen. Das „metallisch glänzende Wasser“ verleiht der Szenerie etwas Unwirkliches – als würde man durch eine fremde, fast artifizielle Landschaft wandern.

    Besonders der „Schritteton verschmutzter Schuhe“ fällt auf: Hier wird das Gehen nicht nur sichtbar und fühlbar, sondern auch hörbar. Die Schritte werden zu einem Rhythmus, der mit dem dreckigen Weg verschmilzt. Man denkt unwillkürlich an Samuel Becketts „Warten auf Godot“, wo das endlose Gehen und Warten ähnlich physisch präsent wird.

    Der Blick von oben

    Dann erfolgt ein radikaler Schnitt. Plötzlich betrachten wir dasselbe aus der Vogelperspektive einer Landkarte. Die mühsam begangenen Wege „ziehen sich zusammen und verschwinden im Nichts“. Was eben noch konkrete, körperliche Erfahrung war, wird zu abstrakten Linien reduziert.

    Diese Wendung erinnert an Jorge Luis Borges‘ berühmte Erzählung über die Karte, die so detailliert ist wie die Landschaft selbst – nur hier läuft es umgekehrt: Die gelebte Realität schrumpft zur vereinfachten Darstellung zusammen. Der Zusatz „ohne sich sträuben zu können“ verleiht diesem Vorgang etwas Gewaltsames, als würde die Individualität der Erfahrung gegen ihren Willen abstrahiert.

    Literarische Verwandtschaften

    Das Thema des Weges als Metapher für das Leben hat eine lange Tradition. Bei Antonio Machado heißt es: „Caminante, no hay camino, se hace camino al andar“ – Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht beim Gehen. Unser Gedicht dreht diese Perspektive um: Hier verschwindet der Weg gerade durch das Gehen, oder besser gesagt durch die nachträgliche Betrachtung.

    Auch Robert Frost’s „The Road Not Taken“ arbeitet mit der Spannung zwischen konkreter Wegewahl und deren späterer Interpretation. Während Frost jedoch die Bedeutung individueller Entscheidungen betont, scheint unser Gedicht eher deren letztendliche Belanglosigkeit zu thematisieren.

    Form und Inhalt

    Die ungebundene Form des Gedichts unterstützt seine Aussage. Die langen, sich windenden Sätze der ersten Strophe imitieren das Mäandern der Wege. Dann kommt die abrupte Verknappung: „Auf der Landkarte dann“ – ein harter Schnitt, der den Perspektivwechsel auch sprachlich vollzieht.

    Die Enjambements, besonders „verschmutzt werden / Schuhe“, schaffen ein Stolpern im Lesefluss, das das mühsame Gehen nachahmt. Gleichzeitig entsteht durch die fortlaufenden Sätze ein Sog, der einen unaufhaltsam vorwärts zieht – genau wie die beschriebenen Wege, die „nicht enden wollen“.

    Das große Ganze

    Der Schluss bringt eine eigentümliche Beruhigung. „Alles verschmilzt und ergibt ein Ganzes. Ohne Widerspruch nimmt die Natur es hin.“ Diese Natur ist nicht mehr die konkrete, nasse Landschaft des Beginns, sondern eine Art übergeordnete Instanz, die gleichgültig oder weise – je nach Lesart – über den Dingen steht.

    Man könnte darin eine tröstliche Botschaft sehen: Alle individuellen Mühen fügen sich letztendlich in ein größeres Muster. Oder man liest es als melancholische Erkenntnis über die Bedeutungslosigkeit persönlicher Anstrengungen. Das Gedicht lässt beide Deutungen zu und gewinnt gerade dadurch seine Kraft.

    Ein zeitgenössischer Ton

    Was „Wege“ von klassischen Weggedichten unterscheidet, ist seine moderne Nüchternheit. Hier wird nicht pathetisch über Lebenspfade philosophiert, sondern mit fast dokumentarischer Genauigkeit eine doppelte Perspektive entwickelt. Die Spannung zwischen Erleben und Erfassen, zwischen Subjektivität und Objektivierung durchzieht unsere Zeit in vielfacher Weise – von der Digitalisierung des Alltags bis zur wissenschaftlichen Vermessung der Welt.

    In dieser Hinsicht ist „Wege“ ein sehr gegenwärtiges Gedicht, auch wenn es mit einfachsten Mitteln arbeitet: nasse Schuhe, eine Landkarte und der ewige Widerspruch zwischen dem, was wir erleben, und dem, was davon übrig bleibt, wenn wir es zu verstehen suchen.

    • Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

      Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

      Das Gedicht „Klarstellung“ konfrontiert das lyrische Ich mit einer beschädigten Puppe und zwingt es in eine vielschichtige Reflexion über Schuld, Verantwortung und Wahrnehmung. Die zentrale Metaphorik kreist um das verstörende und mehrdeutige Bild der Puppe mit den „leeren Augenhöhlen“. Puppen sind traditionell Kinderspielzeug, Objekte der Fürsorge und Projektion – hier aber ist sie beschädigt, ihrer…

    • KLARSTELLUNG DER PUPPE

      KLARSTELLUNG DER PUPPE

      Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…

    • Gründe – Jürgen Völkert-Marten

      Gründe – Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten konstruiert in diesem Gedicht einen Zirkel aus Flucht und Rückkehr. Das lyrische Ich denkt an seine „Ingo-Zahl“ – einen Begriff, der rätselhaft bleibt, aber offenbar eine Art Bewertung oder Messung seiner selbst darstellt. Diese Beschäftigung mit der eigenen Vermessung führt ihn zu einer Erkenntnis: Wichtigeres existiert, doch dieses Wichtigere entzieht sich seinem Zugriff.…

    • Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

      Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

      Dieses Gedicht ist ein einziger Atemzug. Zwar gliedern Kommata den Text und ein Punkt beschließt ihn, doch syntaktisch bleibt es ein langer, fließender Satz. Die Interpunktion ordnet, ohne zu zerhacken – die Kommata schaffen Pausen wie beim Sprechen, wenn man Luft holt, ohne den Gedankenfluss zu unterbrechen. Die wiederholten Konjunktionen „und“ schaffen Rhythmus und Vorwärtsdrang…

    • Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

      Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

      Es ist das erste Gedicht, dass mir auffällt, als ich nach dem abgedruckten Holzschnitt von Heinz Stein suche. Ich überlege, ob ich das Heft gleich wieder schließe. Manchmal trifft man auf Texte, die so gar nicht, nicht mehr zu eigenen Lebenssituation passen. Also, ich habe es dennoch gelesen und hier ist meine – auf Abstand…

    • Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

      Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

      Jürgen Völkert-Marten entdeckte ich durch Zufall, auf der Suche nach Texten von Ille Chamier. Auf einer Verkaufsplattform bot der Autor verschiedene Ausgaben der Zeitschrift „jeder art“ an – und mit ihnen diesen schmalen Lyrikband aus dem Jahr 1977. Ergänzt durch einen Holzschnitt von Heinz Stein erwies sich der Fund als gedeihliche Entdeckung. Völkert-Marten stellt mit…

    • Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten (*23. Mai 1949 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Schriftsteller, der in erster Linie durch seine Lyrik bekannt wurde. Sein Debüt gab er 1974 mit dem Gedichtband Keine Zeit für Träumer. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er zahlreiche weitere Werke und etablierte sich als eine markante Stimme der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Der Autor lebt in…

    • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Anders gelesen

      Jürgen Völkert-Marten – Wege – Anders gelesen

      Das Gedicht zeigt eine Spannung zwischen der Erfahrung von Wegen in der Natur und ihrer abstrakten Darstellung durch den Menschen. Während die Wege „inmitten metallisch glänzender Wasser“ scheinbar „nicht enden wollen“, sondern sich „biegen und den Ausgang finden“, werden sie in der kartografischen Abbildung „zusammengezogen“ und „verschwinden im Nichts“. Damit wird deutlich, dass Wege in…

    • PROMETHEUS – Jürgen Völkert-Marten

      PROMETHEUS – Jürgen Völkert-Marten

      Das Gedicht „Prometheus“ arbeitet mit einer besonderen Erzählsituation: Ein Sprecher wendet sich direkt an den mythischen Titanen selbst. Durch die durchgehende Du-Ansprache entsteht der Eindruck einer unmittelbaren Konfrontation mit der prometheus’schen Figur, die hier nicht nur als literarische Metapher fungiert, sondern als konkreter Gesprächspartner angesprochen wird. Die Umdeutung des Mythos Der Text nimmt eine interessante…

    • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      „Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden. Unterwegs im Regen Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren.…

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