ersatzgestalt – Wege die beim Lesen enstehen
Ein persönliches Literaturprojekt von Oliver Simon
Manche Dinge werden sichtbar, die Sprache allein nicht sichtbar macht. Darum führen die Wege hier von einem Gedicht zur Recherche, von der Recherche zum Bild — Aquarell, Linolschnitt, Fotografie — vom Bild zur nächsten Frage.
Ich lese wie jemand, der etwas sucht, ohne genau zu wissen was. Nicht zur Unterhaltung. Ich lese, weil Texte mir Gesprächspartner sind, die mir im realen Leben fehlen. Manchmal finde ich, was ich brauche. Manchmal nicht — dann lege ich den Text beiseite, ohne dass er deswegen schlecht wäre. Er ist nur nicht meiner.
Literatur ist hier nie nur Text, sondern Ausgangspunkt. Was entsteht, ist keine Interpretation — es ist eine Antwort. Ein Antwortgedicht. Eine Zeichnung. Eine Frage, die woandershin führt.
Die Schwerpunkte sind nicht zufällig: Literatur und Buchgestaltung aus dem Kulturraum der ehemaligen DDR, feministische Lyrik nach 1945, illustrierte Bücher. Stimmen, die der Betrieb übersehen hat oder auf Effizienz reduziert — Texte, die noch nicht ausgequetscht sind.
Das hier ist kein Archiv und keine Rezensionsseite. Es ist ein öffentliches Arbeitsbuch — mit Umwegen, offenen Fragen, unfertigen Gedanken.
Literatur als Einladung. Neue Wege entstehen beim Gehen.

Der Ausdruck „Ersatz Gestalt“ stammt ursprünglich aus der Architekturtheorie und wurde von Jan Turnovský (1942-1995), einem tschechischen Architekten und Theoretiker, geprägt. Turnovský reichte 1978 seine Master-Arbeit mit dem Titel „The Weltanschauung as an Ersatz Gestalt“ an der Architectural Association in London ein. In dieser Arbeit entwickelte er, angelehnt an Umberto Eco, eine Philosophie „Offener Systeme“: Weltanschauung ist wesentlich an der Wahrnehmung und Konstruktion von Gestalten beteiligt, während eine individuelle Weltanschauung die Möglichkeit bietet, Gestalten anders zu sehen als vorgesehen.
Überträgt man diesen Gedanken in den literarischen Raum, entsteht eine spannende Parallele. Auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller arbeiten mit „Ersatzgestalten“: Figuren, Bilder, Metaphern, die stellvertretend für Erfahrungen, Gefühle oder Gedanken stehen. Kein Text kann das Leben selbst sein – aber er kann Formen anbieten, die uns einen Zugang verschaffen. Die literarische „Ersatz Gestalt“ ist damit nicht Mangel, sondern Möglichkeit: Sie eröffnet Räume, in denen sich Wirklichkeit in Sprache verwandelt und wir als Leserinnen und Leser neue Sichtweisen erproben können.
Quellen:
Informationen zu Jan Turnovský und seiner Master-Arbeit „The Weltanschauung as an Ersatz Gestalt“ (1978) an der Architectural Association London
Bezug zu Turnovskýs Philosophie „Offener Systeme“ in Anlehnung an Umberto Eco
The Weltanschauung as an Ersatz Gestalt – Jan Turnovský – ISBN 978-3-03860-000-8 – PARK BOOKS
