Wie kann man selbst visuell erzählen lernen?
Wer nach der Lektüre von Kartographie selbst diese Form der Welterschließung ausprobieren möchte, braucht keine Hightech-Ausstattung. Sike hat zwar digital gearbeitet, aber seine Grundtechnik ist analog: Fotos machen, ausdrucken, mit Tusche drüberzeichnen, ausschneiden, neu zusammensetzen. Der Einstieg ist niedrigschwellig.
Praktische Ansätze zum Ausprobieren:
Dérive praktizieren. Sike nennt das ziellose Stadtdurchstreifen als zentrale Arbeitsmethode: ohne Plan losgehen, fotografieren, Notizen machen. Nicht dokumentieren im journalistischen Sinn, sondern subjektiv sammeln – was fällt auf, was wiederholt sich, welche Orte erzeugen welche Stimmung? Danach: Fotos ausdrucken, nebeneinanderlegen, Verbindungen suchen.
Mit Schichten arbeiten. Transparentpapier über Fotos legen und drüberzeichnen. Oder mehrere Ausdrucke übereinanderlegen, Teile ausschneiden, neu kombinieren. Analoge Collage schärft den Blick dafür, wie Überlagerungen Bedeutung erzeugen.
Sequenzen ohne Text bauen. Drei, fünf, sieben Bilder nebeneinanderlegen und schauen: Entsteht eine Erzählung? Was passiert zwischen den Bildern? Wie verändert die Reihenfolge die Aussage?
Karten als Erzählform nutzen. Nicht geografisch, sondern emotional oder thematisch: eine Karte der eigenen Stadt mit persönlichen Markierungen, eine Karte eines Tages, eine Karte einer Beziehung. Wo sind Knotenpunkte? Wo Leerstellen?
Auch in kleinen Orten funktioniert das Kartografieren – vielleicht sogar interessanter als in der Großstadt. In einer Kleinstadt oder einem Dorf sind die Strukturen überschaubarer, die sozialen Netzwerke dichter, die Wiederholungen deutlicher sichtbar. Man begegnet denselben Menschen an verschiedenen Orten, Wege überkreuzen sich ständig. Das erzeugt andere Muster als in Buenos Aires.
Der Maßstab ändert sich: Statt Viertel kartiert man einzelne Straßenzüge, Plätze, die Verbindungen zwischen Ortskern und eingemeindeten Dörfern. Wo sind die Grenzen? Wo die Übergänge? Zeitlichkeit wird sichtbarer – wie sich Orte über den Tag, die Woche, die Jahreszeit verändern. Der Marktplatz samstags versus dienstags. Der Weg zur Arbeit, der im Winter anders aussieht als im Sommer.
Soziale Karten zeigen: Wer bewegt sich wo? Welche Orte sind für welche Gruppen relevant? Wo überschneiden sich Lebenswelten, wo nicht? In überschaubaren Orten sind diese unsichtbaren Grenzen oft schärfer als in Millionenstädten. Auch Leerstellen werden deutlicher: Was fehlt? Welche Orte gibt es nicht mehr? Welche Verbindungen sind abgerissen?
Die Dérive funktioniert auch hier – nur dass „ziellos umherwandern“ in einem überschaubaren Raum eine andere Qualität bekommt. Man entdeckt nicht Neues durch Zufall, sondern Bekanntes durch neue Perspektiven.
Ergänzende Literatur:
Scott McCloud: Understanding Comics – Der Klassiker. Erklärt, wie visuelle Erzählung funktioniert, wie Bilder Zeit und Raum organisieren.
Lynda Barry: What It Is und Syllabus – Praktische Übungen zum visuellen Denken, spielerisch angelegt.
John Berger: Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt – Kein Comic-Buch, aber grundlegend darüber, wie wir visuell wahrnehmen.
Nick Sousanis: Unflattening – Eine Dissertation als Comic über visuelles Denken, selbst experimentell.
Guy Debord: Theorie des Umherschweifens – Kurzer Text über Dérive, die situationistische Praxis des Stadtdurchstreifens.
Das Entscheidende: Anfangen. Mit dem Handy fotografieren, mit Schere und Kleber arbeiten, Dinge nebeneinanderlegen und schauen, was passiert. Visuelles Erzählen lernt man durchs Machen.
