Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem sich Erinnerung und Gegenwart überlagern.

Die „Kleingeschichten“ sind formal unspektakulär, oft sehr kurz, manchmal eher Skizzen als ausgearbeitete Erzählungen. Gerade darin liegt ihr Verfahren: Verdichtung statt Ausführung. Situationen werden angerissen, Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, als hätte man sie nur im Vorübergehen gesehen. Das erzeugt einen Ton von Vorläufigkeit, fast etwas Flüchtiges.

Auffällig ist auch, wie stark das Mündliche mitschwingt. Viele Texte lesen sich, als seien sie erzählt worden – nicht geschrieben. Das betrifft Rhythmus, Wortwahl, manchmal auch die Pointen, die eher beiläufig gesetzt sind. Dadurch entsteht Nähe, ohne dass Intimität behauptet wird.

Inhaltlich kreist der Band um ländliche Lebenswelten: Arbeit, Kindheit, Altern, Natur. Aber auch hier vermeidet Lindemann jede Idealisierung. Die Texte bleiben beobachtend. Was sie zeigen, steht für sich; Deutung wird nicht mitgeliefert. Gerade das passt gut zu deinem Zugriff: Man kann diese Stücke nebeneinanderlegen wie Fundstücke.

Vorhandene Ausgabe
Werner Lindemann | Die Roggenmuhme
Kleingeschichten
Verlag Tribüne Berlin 1986
Umschlaggestaltung und Illustrationen: Andrea Soest

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