Gedicht hinter Glas

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2–3 Minuten

Manche Gedichte geben einem sofort das Gefühl, einen Zugang zu haben. Günter Herburgers Unter Glas gehört nicht dazu. Beim ersten Lesen bleibt vor allem der Vater hängen, den man auf dem Dach „in den leeren Kanister gesperrt“ hat, „behaftet von Würmern, die waagerecht abstanden“. Man versucht, das aufzuschließen. Das Gedicht bleibt makaber, ohne dass sich hinter dem Makabren ein Sinn zeigt.

Irgendwann drängt sich eine Assoziation auf: ein Koan des Zen-Buddhismus. Nicht weil Herburger Zen-Lyrik geschrieben hätte – dafür gibt es keine Belege. Sondern weil das Gedicht ähnlich mit dem Lesen umgeht wie ein Koan mit dem Denken. Ein Koan führt den Verstand an einen Punkt, an dem logisches Auflösen nicht weiterhilft. Wer ihn analysieren will, entfernt sich von ihm.

Die Zeile „Schön war seine Angst mit einem gelben Rand“ funktioniert ähnlich. Der Verstand beginnt zu fragen: Wie kann Angst einen Rand haben? Warum gelb? Je länger man nach einer Erklärung sucht, desto rätselhafter wird der Vers. Lässt man die Frage ruhen, wirkt das Bild: Angst bekommt Form und Farbe, ohne erklärt zu werden.

Ein Koan leert den Geist, meist über äußerste Reduktion. Herburger überfüllt ihn – Bild reiht sich an Bild, ohne dem Lesen Zeit zur Einordnung zu lassen. Eher dichter Wald als geharkter Garten. Und doch führen beide an einen ähnlichen Punkt: Der Wunsch, alles logisch zu ordnen, erschöpft sich – beim Koan an der Kürze, bei Herburger an der Fülle.

Shunryū Suzuki hat das mit dem Begriff des Anfängergeists beschrieben: Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige. Unter Glas verlangt vielleicht genau diesen Anfängergeist – Steine, die zuhören, ein Gebirge, das schwimmt, Dinge, die ihre gewohnten Namen nicht behalten müssen.

Dieser Haltung bin ich trotzdem nicht ganz gefolgt. Herburger wurde 1932 geboren, seine Kindheit fiel in die Jahre des Nationalsozialismus und des Krieges. Ich habe nachgesehen, was über seinen Vater bekannt ist – die Quellen nennen nur, dass er Tierarzt war, nichts zu jenen Jahren selbst. Die Vermutung, der Vater im Gedicht trage etwas von einem kriegsversehrten Vater in sich, bleibt unbelegt. Losgelassen habe ich sie trotzdem nicht.

Vielleicht gehört das zur Erfahrung des Lesens dazu: Selbst wer die Koan-Haltung sucht, wer aufhören will, jedes Bild in eine Bedeutung zu übersetzen, reicht irgendwann die Hand nach einem Schlüssel. Auch wenn keiner da ist.

Manchmal hebt sich das Kupfergebirge für Augenblicke, schwimmt, „darunter sitzen Buschfamilien“ und winken.

Das Gedicht „Unter Glas“ ist veröffentlicht in:
Günter Herburger – Kinderreich Passmoré
Gedichte
Luchterhand 1986

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