Ich habe das Gedicht gelesen. Immer wieder. Und immer wieder hat es mich woanders hingeschickt. Ich bin gegangen. Wiedergekommen.
Elisabeth Wesuls | Ankunft: Eine Frau kehrt nach Jahren in ein verfallenes Haus zurück. Findet Schaden. Entdeckt Leerstellen. Richtet sich neu ein.
Nachts kriecht etwas vom Keller herauf.
Der erste Absatz begegnet mir körperlich. Schwarzschlündig die Fenster. Das hallende Aufbrechen der Tür. Und dann, mitten darin: die Vögel. Ich liebe Vogelgesang. Hier stört er. Schönheit, die die Bedrückung nicht aufhebt. Die sie schärfer macht.
Man sollte sich im eigenen Haus sicher fühlen. Ich weiß, wie sich das anhört. Nur kenne ich dieses Gefühl nicht als Grundstimmung.
Ich habe das Haus als Ganzes gesehen. Die Etagen. Nicht die einzelnen Räume. Dann dieser Satz.
Es gibt ungenutzte Räume.
Die waren die ganze Zeit da. Ich nicht.
Wesuls schreibt kein ich erinnere mich. Sie schreibt: wie es schien.
Erinnerung ist keine Wahrheit. Sie ist immer schon Deutung. Drei Wörter, und der Boden verschiebt sich. Im Text, in mir.
Das Gedicht endet nicht mit Auflösung. Die Freunde kommen. Man singt. Aber der Keller bleibt hörbar.
Täglich neu. Nicht einmal und fertig.
Der Keller steht. Das Dach auch.

Anmerkungen
Das Gedicht wurde veröffentlicht in: ndl – neue deutsche literatur | 1981 Heft 1
Aquarell: Lesebewegung
