Das Wort für Welt

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2–3 Minuten

Die Illustratorin Hannah Brückner ist mir durch ein Bild aus der Lockdown-Zeit aufgefallen: Ein Radler fährt durch etwas Unbestimmtes — mit Blatt und Blüte,  Wolken und etwas, das mich an einen Bücherschrank erinnert, der mit einem Komm! lockt. Da für mich Lesen bedeutet, in Bewegung zu kommen, habe ich mir dieses Bild gemerkt. Jetzt hat Brückner „Das Wort für Welt ist Wald“ von Ursula K. Le Guin illustriert, erschienen bei der Büchergilde Gutenberg. 

Ich habe das Buch noch nicht gelesen. Aber der Titel hat eine Assoziation ausgelöst: Müsste es nicht heißen — Das Wort für Welt ist Gestein? Weil Gestein trägt, was wir Welt nennen, still und ohne Sprache.

Le Guin denkt das anders. Ihr Roman spielt auf einem Planeten namens Athshe, fast vollständig bewaldet. Wald ist dort keine Landschaft, sondern Grundbedingung — Traumkultur, Spiritualität, Selbstverständnis der Athshean, alles darin verwurzelt. Als die menschlichen Kolonisatoren den Wald roden, zerstören sie keine Ressource. Sie zerstören das, was diese Menschen unter Welt verstehen. 

Gestein trägt. Wald bedeutet. Das ist Le Guins Unterscheidung — und sie steckt schon im Titel.

Mein Gestein-Gedanke verschwindet damit nicht, er kehrt nur verwandelt zurück: Was ist das Tragende, das keinen Namen bekommt, weil es zu selbstverständlich ist? Die Kolonisatoren bei Le Guin sehen keinen Wald — sie sehen Holz. Auf der Erde sehen wir kein Ackerland, kein Grundwasser, keine Stille — wir sehen Ertrag, Ressource, Lärmpegel. Was wir berechnen, benennen wir nicht mehr.

Hannah Brückners Illustrationen haben mir eine Tür geöffnet, bevor Le Guins Text eine Chance hatte. 


Interessante Links: Hannah Brücker auf instagram. „Das Wort für Welt ist Wald“ bei der Büchergilde Gutenberg.

Laub gibt den Blick frei.
Weißer Stuhl, niemand darin —
das Buch fehlt noch nicht.

Der Satz „Gedichte und Verstehen haben nichts miteinander zu tun“ von Gottfried Benn wird häufig isoliert zitiert und es scheint, als wolle er jede Beschäftigung mit Bedeutung oder Interpretation für überflüssig erklären.Ich denke für Benn ist das Gedicht zunächst ein sprachliches Ereignis. Es wirkt durch Klang, Rhythmus, Wortstellung, Verdichtung und Atmosphäre. Die Begegnung mit einem Gedicht beginnt daher nicht mit dem Entschlüsseln einer Aussage, sondern mit einer Wahrnehmung. Ein Gedicht „geschieht“ gewissermaßen im Leser, bevor es begrifflich erfasst wird.

Benn wandte sich in seiner Rede Probleme der Lyrik gegen die Vorstellung, ein Gedicht sei vor allem ein Behälter für eine Botschaft, die man herauslösen könne, wie eine Information aus einem Bericht. Wer ein Gedicht nur daraufhin liest, „was es sagen will“, verfehlt nach seiner Auffassung einen wesentlichen Teil seiner Wirkungsweise.

Wenn Benn sagt, Gedichte hätten mit Verstehen nichts zu tun, meint er deshalb weniger das Fehlen von Sinn als die Grenzen eines rein rationalen Zugangs. Ein Leser kann von einem Gedicht berührt, irritiert oder bewegt werden, ohne jeden Bezug, jedes Bild oder jede Anspielung erklären zu können. Diese Erfahrung besitzt für Benn bereits Eigenwert. – Und für mich als Lesender ist es der Schlüssel…ich muss mich im Gedicht bewegen können, sonst verstehe ich es nicht.

…wird fortgeführt

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