Dieser Roman von Roswitha Quadflieg erschien 2022 im Faber & Faber Verlag und ist als Kammerspiel angelegt: Fast die gesamte Handlung konzentriert sich auf einen Leichenschmaus nach der Beerdigung einer ehemaligen inoffiziellen Mitarbeiterin der Staatssicherheit der DDR.
Im Zentrum steht die verstorbene Gabriele Holm, deren Vergangenheit als Stasi-Informantin während der Trauerfeier offengelegt wird. Eingeladene und uneingeladene Gäste treffen aufeinander: ehemalige Bürgerrechtler, frühere Funktionäre, Bekannte aus Ost und West sowie ihr westdeutscher Lebensgefährte Hans Gerechter, der erst an diesem Tag erfährt, wie wenig er über die Vergangenheit der Verstorbenen wusste. Die Gespräche eskalieren zunehmend und münden schließlich in ein Verbrechen.
Der Roman arbeitet stark mit Perspektivwechseln und dialogischen Konfrontationen. Der erste Teil spielt während des Leichenschmauses, der zweite in Verhörsituationen nach der Eskalation des Abends. Mehrere Besprechungen beschreiben das Buch als „Kammerspiel“, weil die Handlung räumlich konzentriert bleibt und die Spannung vor allem aus den Aussagen, Erinnerungen und gegenseitigen Anschuldigungen der Figuren entsteht.
Der Hintergrund des Romans orientiert sich an realen Vorgängen aus der DDR-Opposition. Ausgangspunkt war laut mehreren Quellen ein Interview, das der Journalist Peter Wensierski 1990 mit einer ehemaligen Stasi-Informantin führte, die oppositionelle Kreise um Bärbel Bohley und Gerd Poppe ausgespäht hatte. Der Romantitel greift eine reale Aussage dieser Frau auf: „Ihr wart doch meine Feinde.“
In einem Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur erläuterte Quadflieg, dass sie die Geschichte bewusst als Begegnung ehemaliger Täter- und Opferfiguren angelegt habe. Dabei geht es weniger um eine klassische Kriminalhandlung als um fortwirkende Konflikte, Verletzungen und unterschiedliche Erinnerungen an die DDR-Zeit.
Ein häufig zitiertes Motiv des Romans stammt aus einer Passage der Figur Leah Kautz über die Folgen des Misstrauens innerhalb der DDR-Gesellschaft:
„Es wird Generationen dauern, bis sich das ausgewachsen hat.“
Der reale Hintergrund
Der reale Hintergrund liegt in der Geschichte der DDR-Opposition der 1980er Jahre und insbesondere in der Arbeit inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit innerhalb oppositioneller Gruppen.
Roswitha Quadflieg orientierte sich dabei nicht allgemein an „Stasi-Themen“, sondern an einem konkreten dokumentierten Fall. Ausgangspunkt war ein Interview, das der Journalist Peter Wensierski 1990 mit einer ehemaligen Informantin führte. Diese Frau hatte sich in oppositionelle Kreise eingeschlichen und dort Personen ausspioniert, die sie für eine Freundin hielten.
Die oppositionellen Milieus der DDR bestanden aus kleinen, oft kirchlich oder kulturell verbundenen Netzwerken: Friedensgruppen, Umweltgruppen, Menschenrechtsinitiativen und später Bürgerbewegungen wie das Neue Forum. Viele dieser Gruppen wurden systematisch überwacht. Die Staatssicherheit setzte dafür nicht nur hauptamtliche Mitarbeiter ein, sondern auch zivile Informanten, die Beziehungen aufbauten, Freundschaften pflegten und interne Gespräche weitergaben.
Besonders heikel war dabei die psychologische Dimension. Die Betroffenen erfuhren nach 1989 oft, dass enge Vertraute über Jahre Berichte geschrieben hatten. Genau diese Erfahrung steht im Zentrum des Romans: weniger die technische Überwachung als der Vertrauensbruch innerhalb persönlicher Beziehungen.
Der Titel Ihr wart doch meine Feinde geht auf eine reale Aussage der ehemaligen Informantin zurück. Laut den dokumentierten Gesprächen rechtfertigte sie ihre Tätigkeit mit dieser Formulierung gegenüber ehemaligen Oppositionellen. Der Satz wurde deshalb zu einer Art Verdichtung des ideologischen Konflikts: Die Informantin verstand ihr Handeln nicht primär als Verrat an Freunden, sondern als Loyalität gegenüber dem sozialistischen Staat.
Im historischen Kontext ist das wichtig, weil viele IM-Fälle nicht allein aus Opportunismus entstanden. Manche Beteiligte handelten aus Überzeugung, andere aus Angst, Abhängigkeit, sozialer Isolation oder dem Bedürfnis nach Anerkennung. Im Roman wird diese Gemengelage über die Biografie der Figur Gabriele Holm angedeutet, die aus schwierigen Verhältnissen stammt und in der Staatssicherheit eine Form von Zugehörigkeit findet.
Eine weitere historische Ebene betrifft die Zeit nach 1989. Die Öffnung der Stasi-Unterlagen führte dazu, dass viele frühere Beziehungen neu bewertet wurden. Freundschaften zerbrachen, politische Biografien wurden infrage gestellt, und in Ostdeutschland entstand eine langanhaltende Debatte über Schuld, Verantwortung und Erinnerung. Der Roman spielt deshalb bewusst nicht in der DDR selbst, sondern Jahre später, bei einem Leichenschmaus 2006/2007. Dadurch rückt nicht die unmittelbare Repression in den Vordergrund, sondern die Nachwirkungen der Überwachungsgesellschaft.
Mehrere reale Personen aus dem Umfeld der DDR-Opposition werden indirekt berührt. In Rezensionen und Interviews werden unter anderem Bärbel Bohley, Gerd Poppe, Ulrike Poppe sowie Roland Jahn erwähnt. Quadflieg recherchierte offenbar auch mit Zeitzeugen und Fachleuten aus diesem Umfeld.
Dadurch bewegt sich der Roman an einer Schnittstelle aus dokumentierter Zeitgeschichte und literarischer Verdichtung: Die konkrete Handlung ist fiktional, die Konfliktstruktur und der historische Kern beruhen jedoch auf realen Erfahrungen aus der DDR-Opposition und der späteren Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit.
Peter Wensierski und Roland Jahn
Die Verbindung zu Peter Wensierski und Roland Jahn ist für das Verständnis des Romans zentral, weil Roswitha Quadflieg ihren Stoff nicht aus allgemeiner DDR-Literatur entwickelte, sondern aus einem konkreten dokumentierten Fall der Oppositionsüberwachung.
Peter Wensierski war seit den 1980er Jahren einer der wichtigsten westdeutschen Journalisten zur DDR-Opposition. Er recherchierte intensiv über Bürgerrechtsgruppen, kirchliche Netzwerke und die Arbeitsweise der Staatssicherheit. Roland Jahn wiederum war selbst DDR-Oppositioneller, wurde 1983 zwangsausgebürgert und wurde später Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagenbehörde. Beide kannten daher sowohl die politischen Strukturen als auch die persönlichen Folgen der Infiltration oppositioneller Kreise.
Der konkrete Ausgangspunkt war ein Interview, das Wensierski bereits 1990 für das ARD-Magazin „Kontraste“ mit einer ehemaligen inoffiziellen Mitarbeiterin führte. Diese Frau hatte sich in die oppositionelle Szene um Bärbel Bohley, Gerd Poppe und Ulrike Poppe eingeschlichen. Sie wurde dort als Freundin und Mitstreiterin wahrgenommen, berichtete aber gleichzeitig an die Staatssicherheit.
Historisch bemerkenswert war weniger die Existenz einer IM — davon gab es viele — als die Offenheit dieses Interviews. Zum ersten Mal sprach eine Beteiligte ausführlich darüber,
- wie sie angeworben wurde,
- warum sie sich mit dem DDR-System identifizierte,
- und weshalb sie die Opposition tatsächlich als „Feinde“ verstand.
Der Satz „Ihr wart doch meine Feinde“ fiel dabei offenbar sinngemäß bzw. direkt im Zusammenhang dieser Gespräche und wurde später zum Romantitel. Er markiert den ideologischen Kern des Konflikts: Die Informantin empfand ihr Handeln nicht primär als privaten Verrat, sondern als politische Loyalität gegenüber dem Staat. Für die Ausspionierten dagegen war gerade die persönliche Nähe das Traumatische.
2017 griffen Peter Wensierski und Roland Jahn diesen Fall erneut auf und arbeiteten ihn zu einem Dokumentarfilm beziehungsweise Fernsehbeitrag weiter aus. In der FAZ wird ausdrücklich erwähnt, dass Quadflieg durch diese spätere Bearbeitung des Materials zu ihrem Roman angeregt wurde.
Interessant ist dabei, dass Quadflieg keinen dokumentarischen Bericht schrieb. Sie transformierte das Material in ein Kammerspiel. Statt Rekonstruktion entsteht eine fiktionale Konfrontation ehemaliger Täter, Opfer, Mitläufer und Außenstehender bei einem Leichenschmaus. Dadurch verschiebt sich der Fokus:
- weg von der historischen Enthüllung,
- hin zu Erinnerung, Rechtfertigung, Nachwirkung und Sprachlosigkeit nach 1989.
Die Danksagungen des Romans nennen laut Berliner Zeitung ausdrücklich Roland Jahn und Peter Wensierski sowie weitere Zeitzeugen wie Freya Klier und Gerd Poppe. Das deutet darauf hin, dass Quadflieg ihre literarische Konstruktion eng an reale Erfahrungsberichte rückgebunden hat.
Die historische Bedeutung des zugrunde liegenden Falls liegt auch darin, dass er exemplarisch zeigt, wie die Staatssicherheit arbeitete:
- nicht nur durch offene Repression,
- sondern durch soziale Nähe,
- emotionale Bindung,
- und systematische Zersetzung von Vertrauen innerhalb kleiner Oppositionsmilieus.
Gerade die Bürgerrechtsgruppen der 1980er Jahre waren relativ klein. Viele kannten einander persönlich. Deshalb wirkten spätere Enttarnungen oft wie familiäre oder intime Brüche. Der Roman übernimmt genau diese Struktur: Die politischen Konflikte erscheinen immer zugleich als persönliche Beziehungen, Kränkungen und beschädigte Biografien.
Roswitha Quadflieg selbst ist ursprünglich als Buchgestalterin bekannt geworden; sie arbeitete unter anderem als Illustratorin und gründete in den 1970er Jahren eine eigene Pressendruckerei. Seit den 1980er Jahren veröffentlicht sie Romane, Hörspiele und Theatertexte.
Buchinformation
Roswitha Quadflieg: Ihr wart doch meine Feinde. Roman
Leipzig: Faber & Faber, 2022
160 Seiten
Gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3-86730-224-1
