Sarah Kirschs Gedichte verstehen – Eine Annäherung

Wer zum ersten Mal ein Gedicht von Sarah Kirsch liest, steht oft vor einem Rätsel. Da ist die Rede von Bäumen und Vögeln, von Wetter und Landschaften – aber irgendwie schwingt da mehr mit, als man auf den ersten Blick sieht. Wie kann man sich dieser eigenwilligen Dichterin nähern, die aus der DDR stammte und zu den wichtigsten deutschen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts gehört?

Das Missverständnis mit der „Naturlyrikerin“

Lange Zeit haben Kritiker Sarah Kirsch in eine Schublade gesteckt: „Naturlyrikerin“ stand darauf. Ein Etikett, das völlig in die Irre führt. Die italienische Literaturwissenschaftlerin Elena Agazzi hat in ihrer Studie überzeugend gezeigt, wie Kirschs Gedichte über Bäume und Natur den sozialistischen Realismus herausfordern und dabei ganz eigene Gedanken über Freiheit entwickeln.

Wer Kirschs Verse nur als schöne Landschaftsbilder liest, verpasst das Wesentliche. Ihre Natur ist nie harmlos oder idyllisch. Ein Beispiel aus ihrer frühen Sammlung „Landaufenthalt“: Zwischen „Vögel und schwarzen Schnecken“ wächst Gras auf einem „Schuttberg“ und überwuchert „Glas“ und „aufgebrochne Matratzen“. Das ist keine heile Welt, sondern Natur, die versucht, die Wunden der Zivilisation zu heilen.

Erste Leseregel: Wenn Sarah Kirsch über einen welkenden Baum schreibt, meint sie Vergänglichkeit. Wenn Vögel wegziehen, geht es um Aufbruch oder Heimweh. Ihre Naturbilder sind Geheimsprache für menschliche Erfahrungen.

Warum ihre Lebensgeschichte wichtig ist

Bei den meisten Dichtern kann man die Gedichte lesen, ohne viel über ihr Leben zu wissen. Bei Sarah Kirsch ist das anders – ihre Biografie hilft wirklich beim Verstehen. Schon als junge Frau änderte sie ihren Namen von Ingrid in Sarah, aus Solidarität mit den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Das zeigt eine Grundhaltung, die ihr ganzes Werk prägt: Sie hatte ein feines Gespür für Ungerechtigkeit und Ausgrenzung.

Der große Bruch kam 1977. Mit 42 Jahren verließ sie die DDR – nicht als Touristin, sondern für immer. Das war damals ein dramatischer Schritt. Sie hatte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert und wurde selbst zur Persona non grata. Stellen Sie sich vor: Von einem Tag auf den anderen ist die Heimat weg, die Sprache klingt anders, die Menschen denken anders. Diese Erfahrung der doppelten Heimatlosigkeit – erst in der DDR als unbequeme Denkerin, dann im Westen als Ostdeutsche – das spürt man in fast allen ihren späteren Gedichten.

Was man über die Zeit wissen sollte

Muss man Geschichte studiert haben, um Kirsch zu verstehen? Nein. Aber ein paar Grundkenntnisse helfen schon. Die 1970er Jahre in der DDR waren eine Zeit der Hoffnungen und Enttäuschungen. Nach dem Ende der Ulbricht-Ära hofften viele Intellektuelle auf mehr Freiheit. Dann kam 1976 die Biermann-Ausbürgerung – ein Paukenschlag, der zeigte: So viel Liberalität war dann doch nicht gewollt.

Wer das weiß, versteht, warum in Kirschs Gedichten aus dieser Zeit so oft von Abschied die Rede ist, warum sie immer wieder das Gefühl beschreibt, zwischen den Stühlen zu sitzen.

Wie ihre Gedichte funktionieren

Sarah Kirsch hatte eine sehr eigene Art zu schreiben. In einem Interview von 1996 sagte sie einmal: „Was ist das Wichtigste? Gute Texte, die auch gelesen werden.“ Sie wollte keine komplizierten Theorien, sondern Gedichte, die bei den Menschen ankommen.

Ihre Technik ist raffiniert, aber nicht abgehoben: Sie beschreibt ganz konkrete Dinge – eine bestimmte Pflanze, ein Wetterphänomen, einen Alltagsgegenstand – mit großer Genauigkeit. Aber sie erklärt nicht, wie diese Dinge zusammenhängen. Das müssen die Leser selbst herausfinden. Es ist wie bei einem Puzzle, bei dem man die Teile selbst zusammensetzen darf.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wenn sie schreibt „Der Apfelbaum vor meinem Fenster verliert seine Blätter“, dann beschreibt sie nicht nur den Herbst. Vielleicht geht es auch um das eigene Älterwerden, um Abschiede, um die Vergänglichkeit der Dinge. Aber sie sagt das nicht direkt – sie lässt es uns fühlen.

Ein praktischer Tipp für Einsteiger

Wie fängt man also an? Am besten so: Lesen Sie erst einmal mehrere Gedichte hintereinander, aus verschiedenen Jahren. Lassen Sie die Sprache auf sich wirken, ohne alles gleich verstehen zu wollen. Dann lesen Sie eine Biografie – die von Carsten Gansel ist gut verständlich. Danach gehen Sie zurück zu den Gedichten. Sie werden staunen, wie viel mehr Sie jetzt zwischen den Zeilen entdecken.

Warum sich die Mühe lohnt

Sarah Kirschs Gedichte verlangen etwas von ihren Lesern: Aufmerksamkeit, Geduld, die Bereitschaft, auch mal im Ungewissen zu bleiben. Aber wer sich darauf einlässt, bekommt etwas Besonderes: eine Dichterin, die aus den Brüchen ihrer Zeit eine zeitlose Sprache für menschliche Grunderfahrungen gefunden hat.

Ihre Verse sprechen zu allen, die schon einmal das Gefühl hatten, zwischen den Welten zu stehen – sei es durch einen Umzug, einen Jobwechsel, eine Trennung oder einfach durch das Erwachsenwerden. Sie zeigt, wie sich große Geschichte im kleinen Alltag spiegelt, wie ein Regentag zur Metapher für Melancholie wird, wie Vogelzug von Fernweh erzählt.

Das ist es, was Sarah Kirsch zur großen Dichterin macht: Sie verwandelt persönliche Erfahrung in allgemein gültige Poesie. Wer ihre Gedichte liest, versteht nicht nur sie besser – sondern auch sich selbst und die Zeit, in der wir leben. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, bietet ihre Lyrik einen Raum der Verlangsamung und der Nachdenklichkeit. Das ist heute vielleicht nötiger denn je.

Elena Agazzi (italienische Literaturwissenschaftlerin): Ihre Studie „Bäume lesen“ hinterfragt das Klischee von Sarah Kirsch als „Naturlyrikerin“ und zeigt, wie ihre Gedichte über Bäume und Natur den sozialistischen Realismus herausfordern, während sie einen originellen Diskurs über die Freiheit der Natur und des Menschen entwickeln. Baeume lesen. Natur als Provokation in den Gedichten von Sarah Kirsch

Die Einschätzung als „Enzyklopädistin des Landlebens“: Sarah Kirsch hat ihrem Ruf, als ‚Enzyklopädistin des Landlebens‘ die Naturlyrik vom Verdacht des Provinzidyllischen und Weltfernen befreit zu haben, mit ihrem umfangreichen lyrischen Werk immer wieder entsprochen. Kirsch, Sarah: Das lyrische Werk | SpringerLink

Kirschs eigene Äußerung: In einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten aus dem Jahr 1996 bat Sarah Kirsch darum, dass man ihre Gedichte lesen, sie persönlich aber in Ruhe lassen solle: „Was ist das Wichtigste? Gute Texte, die auch gelesen werden.“ Zur Einführung | SpringerLink

Die Kritik am „Naturlyrik“-Etikett: Langjährigen Lesern ist bewusst, dass gelegentliche Vorwürfe von Kritikern, es handele sich bei Sarah Kirsch um „unpolitische Naturlyrik“, offensichtlicher Unsinn sind. Sarah Kirsch: Freie Verse

Die Literaturwissenschaft ist längst über das oberflächliche „Naturlyrik“-Etikett hinausgegangen und würdigt Kirschs komplexe Verschränkung von Naturbeobachtung, politischer Erfahrung und existenzieller Reflexion. Besonders wichtig erscheint mir die Erkenntnis, dass ihre Natur nie harmlos ist, sondern immer von Geschichte und Gesellschaft durchdrungen.

  • Bodenlos – Sarah Kirsch

    Bodenlos – Sarah Kirsch

    in
    4–6 Minuten

    Die Grenzgängerin der deutschen Lyrik | Sarah Kirsch (1935–2013) war weit mehr als nur eine bedeutende deutsche Lyrikerin – sie war eine literarische Grenzgängerin, deren Biographie und Werk die Verwerfungen des geteilten Deutschlands in einzigartiger Weise spiegeln. Geboren als Ingrid Bernstein in dem thüringischen Dorf Limlingerode, vollzog sie bereits früh einen ersten symbolischen Akt der…

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