Seume – Müller – Delius

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2–3 Minuten

Ich habe das Buch gelesen. F.C. Delius, Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus. Eine Erzählung, die gut läuft, linear, klar. Und trotzdem blieb etwas hängen – ein leises Unbehagen, das ich lange nicht greifen konnte.

Der Umweg kam über einen Podcast. Jan Josef Liefers, aufgewachsen in Dresden, sagt sinngemäß: Wer in der DDR groß geworden ist, hat gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Botschaften mussten versteckt werden, die Lesenden waren es gewohnt, sie zu suchen. Als ich das hörte, klickte etwas.

Delius ist Westdeutscher. Er schreibt über einen DDR-Bürger, von innen, in der Ich-Perspektive. Das habe ich erst hinterher herausgefunden. Vorbild war Klaus Müller, Kellner, Hobbysegler, Dresden. Der hatte in der Nacht zum 8. Juni 1988 mit einer Segeljolle von Hiddensee abgelegt. Nach Dänemark, dann weiter. Nach Syrakus, wie einst Seume.

Dabei hat Müller mitgemacht. Delius hatte Anfang der neunziger Jahre in der Rostocker Ostsee-Zeitung einen Brief gefunden, in dem Müller seine Geschichte schilderte. Er notierte die Adresse, rief an. Man traf sich in Müllers Wohnung in Rostock. Stundenlange Erzählungen, Tonaufnahmen, Stasiakten, Briefe – alles floss ein. Zuerst ein Radiofeature, dann 1995 das Buch.

Nur eine Stelle wurde verändert. Müller wollte seine Lebensgefährtin aus der Geschichte heraushalten. Delius sagte: „Im Westen muss eine Beziehungskiste dabei sein, sonst verkauft sich’s nicht.“ Müller stimmte zu. Das Ergebnis ist eine Figur namens Paul Gompitz, die ihm manchmal „än bissl zu softig“ ist. Mensch, das sollst du sein?

Akten kann man übergeben. Was sich einschreibt durch Jahrzehnte in einem bestimmten Land – das nicht.

Delius schreibt, sein Protagonist wundere sich über die Preise im Westen, über die Vielfalt. Bei Müller klingt das anders. Er wusste vor der Reise bereits, was ihn erwartet: „Mir war klar, dass ich in dieser kommerzabhängigen Gesellschaft mit 47 kein Leben aufbauen kann. Mir ging es richtig gut. Ich war in Gefahr, in die Bürgerfalle zu tappen.“ Kein Staunender. Einer, der nüchtern einschätzt, was er hat und was er riskiert.

Und nach der Wende, als er den Kapitalismus aus der Nähe erlebt: „Der Triumph der Grundrechenarten gegenüber religionsähnlichen Vorstellungen“, sagt er in einem Radiobeitrag. Und: „Ich bin ein absoluter Konsumverweigerer. Ich verachte alles, was mir angeboten wird.“

Wenn er gefragt wird, warum seine Geschichte so oft auf DDR-Kritik reduziert wird: „Mir ist immer wieder peinlich, dass diese Anstinkerei gegen das DDR-System der Schwerpunkt ist.“ Er wollte eine Bildungsreise. Seume nachlaufen. Einen Kinofilm aus der Jugend aufsuchen – die Kartause von Parma, Gérard Philipp, eine falsche Vorstellung, die sich an einem wirklichen Ort korrigiert. Nach seiner Rückkehr tingelte er mit seiner Geschichte durch die alten Bundesländer. Die Leute kamen, um diesen Schwejk aus der DDR zu erleben.

Den Menschen hat mir das Buch nicht gezeigt.

Müllers eigenes Buch – Gehen, um zu bleiben, 2014 erschienen, sechzehn Jahre nach Delius – ist kaum zu bekommen. Ein einziges Antiquariat hat es noch. Ich habe es bestellt.

Ich bin gespannt, was dort wartet.

Quellen: Eberbach-Channel | Deutschlandfunk Kultur | Deutschlandfunk Kultur | Hotel Matze (Block ) | Stadtblatt Heidelberg

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