Zu Elisabeth Borchers‘ Gedicht – und was passiert, wenn ein Wort hinzukommt | Elisabeth Borchers, 1926 in Homberg am Rhein geboren, gehört zu den Lyrikerinnen, die man im deutschsprachigen Raum kennt, ohne dass man immer sagen könnte, warum. Sie hat Kinderbücher geschrieben, Gedichte, sie war lange Lektorin bei Suhrkamp. Ein Name. Vielleicht eine Assoziation: sorgfältig, leise, unaufgeregt.
Das Gedicht, um das es hier geht, liegt in zwei Fassungen vor. Die erste erschien 1986, die zweite auf der Plattform Lyrikline, wo Borchers es selbst eingelesen hat – datiert auf 1991. Die Texte sind bis auf zwei Wörter identisch. Aber diese zwei Wörter – und ein hinzugefügtes Adjektiv im Titel – verschieben alles.
Das Gedicht ist eine Liste. Es beginnt mit dem, was vor dem Paradies liegt – einem Warten. Dann die Abgrenzung: ein Garten, eine Mauer, ein Tor mit Schloss und Riegel. Dann das Sensorische: Rauschen, Flöten, Zirpen, Düfte. Dann Verneinungen – kein Klagen, kein Widerspruch, kein Morgen. Am Ende eine Frage, die offen bleibt. Wörter wie „Nimmerschwarz“ oder „Testament aus warmem Schnee“ lassen sich dabei nicht ersetzen – sie müssen gehört werden. Borchers hat das Gedicht selbst eingelesen; die Aufnahme ist auf lyrikline.org zugänglich.

In der 1986er Fassung steht mitten in dieser Liste: „viel Immergrün und Nimmerschwarz“. Zwei Komposita, parallel gebaut, aus Zeitadverb und Farbe. Immergrün und Nimmerschwarz. Ewiges Grün und – was genau? Ewiges Nicht-Schwarz? Oder ewiges Schwarz, das nie eintritt?
„Nimmerschwarz“ ist kein geläufiges Wort. Es ist eine Erfindung – symmetrisch zu „Immergrün“, aber semantisch schwerer zu greifen. Enthält es Dunkel, Tod? Oder ist es die sprachliche Verdoppelung, Struktur um der Struktur willen? Das lässt der Text offen. Die 1991er Fassung streicht das Wort. „Viel Immergrün“ bleibt, allein. Was vorher eine Doppelstruktur war, wird asymmetrisch. Das Paradies verliert seine dunkle Spiegelung.
Kurz danach, im selben Gedicht: „ein Heute und kein Morgen“. Zeit gibt es hier, aber nur als Zustand, nicht als Bewegung. Ein einziges stillgestelltes Heute. Und am Ende: „Wir werden es erfragen.“ Wer ist dieses Wir? Das Gedicht schließt nicht, es öffnet – in eine Richtung, die keine Antwort kennt.
Und dann der Titel der 1991er Fassung: „Was alles braucht’s zum heutigen Paradies“.
„Heutig.“ Ein Adjektiv. Aber es bricht etwas auf. Der Text entzieht sich dem Zeitlichen, er stillstellt, er beschreibt einen Zustand ohne Vorher und Nachher. Und dann kommt die Überschrift und sagt: Das hier ist das Paradies von heute. Es verankert im Zeitlichen, was gerade noch außerhalb der Zeit war. Es datiert das Undatierbare.
Das hat Folgen. Die Mauer, das Schloss, der Riegel – sie wirken mit dem Adjektiv „heutig“ im Titel plötzlich anders. Nicht mehr wie Requisiten einer imaginierten Ewigkeit, sondern wie Elemente einer Ordnung, die gemacht wurde. Vielleicht sogar: die gemacht werden musste. Das „kein Widerspruch“ klingt weniger friedlich, wenn man weiß, dass es ein heutiges Paradies ist.
Borchers hat diesen Text selbst eingelesen, selbst mit dem neuen Titel versehen. Es war 1991 – das Jahr, in dem in Europa Mauern fallen und neue errichtet werden. Ob das eine Rolle spielt, lässt sich nicht sagen. Aber dass sie das Wort „heutig“ gewählt hat, obwohl der Text selbst das Heute stillstellt – das ist kein Versehen.
Vielleicht ist das die eigentliche Aussage der revidierten Fassung: Ein Paradies, das „heutig“ genannt werden muss, hat seine Zeitlosigkeit schon verloren. Es ist in die Gegenwart geholt worden – und die Gegenwart von 1991 gab dazu Anlass. Mauern fallen, neue entstehen. Europa sortiert sich. Der Zweite Golfkrieg beginnt. Borchers greift ein, wie sie es im Theaterfoyer getan hatte – nur diesmal nicht durch Weglassen, sondern durch Hinzufügen. Ein Wort, das das Gedicht erdet.
2026 ist die Gegenwart nicht ruhiger geworden. Eher das Gegenteil. Und genau deshalb stellt sich die Frage anders: Sollte „heutig“ wieder gestrichen werden – nicht weil die Gegenwart gleichgültig geworden ist, sondern weil das Paradies als Idee größer sein muss als jede Gegenwart?
Nicht der Garten Eden, nicht der Apfel, nicht die Vertreibung. Sondern Paradies als das, worauf man sich nicht einigen kann, aber worüber man sich nicht streiten sollte: Menschenwürde, Grundwerte, das Recht auf ein Leben ohne Plagen und Klagen – um Borchers‘ eigene Wörter zu benutzen. Dinge, die nicht verhandelbar sind. Die aber, je lauter die Gegenwart wird, mehr und mehr wie Utopie klingen.
Wenn das Paradies so verstanden wird, dann verträgt es kein Adjektiv. Nicht „heutig“, nicht „vergangen“, nicht „zukünftig“. Es steht über dem Datum – oder es steht nirgends.
Und dann ist da noch die Zeile, die im Gedicht selbst steht: „kein Ja kein Nein kein Widerspruch“. Was zunächst nach Stille klingt, nach Frieden, bekommt mit dieser Lesart einen anderen Ton. Ein Paradies ohne Widerspruch ist kein Ziel. Es ist ein Kontrollraum. Die Beunruhigung war immer schon im Gedicht – man musste nur lange genug hinschauen.
Borchers endet mit: „Wir werden es erfragen.“ Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Frage, was ein Paradies braucht. Nicht Gewissheit. Nicht Ankunft. Sondern das Unterwegs selbst – und die Bereitschaft, die Erfahrungen auf dem Weg zu teilen.
Anmerkung zu den Fassungen:
Die Fassung von 1986 enthält die Zeile „viel Immergrün und Nimmerschwarz“ und trägt den Titel „Was alles braucht’s zum Paradies“. Die Fassung von 1991, von Borchers selbst auf lyrikline.org eingelesen, lautet an dieser Stelle „viel Immergrün“ und trägt den Titel „Was alles braucht’s zum heutigen Paradies“. Alle anderen Zeilen sind identisch.
Elisabeth Borchers liest „Was alles brauchts zum heutigen Paradies“ (1991) – externer Link zu planet lyrik.
Aus: Elisabeth Borchers – Alles redet, schweigt und ruft
Gedichte – suhrkamp taschenbuch
