St. Johannis, die älteste der drei großen Lüneburger Kirchen, war für mich vor allem eins: schmuddeliger Durchgangsort. Abfall in den Ecken, trunkene Menschen auf den Stufen, Tauben, die ihre Spuren hinterließen. Ich bin oft daran vorbeigegangen, ohne hinzusehen.
Dann las ich Renatus Deckerts Text über diese Kirche. Kennengelernt hatte ich ihn bei einem Schreibworkshop im Literaturbüro Lüneburg, wo er auch seinen Newsletter vorstellte. St. Johannis war der erste Beitrag, den ich las, und danach habe ich angefangen, genauer hinzuschauen. Die beiden anderen Hauptkirchen mag ich immer noch lieber, aber etwas ist hängengeblieben: seine Erzählweise, sein Blick auf die Umgebung. Tastende Herzlichkeit, so würde ich das nennen. Er schaut hin, ohne zu beschönigen, aber auch ohne abzuurteilen. Er nimmt sich Zeit.
So sind seine Texte. Man steigt irgendwo ein – bei einer Kirche, bei Kühen auf dem Weg zur Elbe, bei Kastanien im Großen Garten – und ist, ehe man es merkt, mittendrin in einer Geschichte, die größer ist als ihr Anlass. Deckert mäandert, aber nie beliebig. Seine Assoziationen haben eine innere Logik, die sich erst beim Lesen erschließt. Am Ende versteht man: Es ging nie nur um St. Johannis oder die Elbe. Es ging um Erinnerung, um das, was bleibt, um die Frage, wie man auf Dinge schaut.
Als ich seinen Text über die Elbe las – über Kühe, die zur Grenze liefen, über Kindheitsträume vom Fliehen und einen Fluss, der zwei Welten trennte –, verstand ich plötzlich etwas über meinen eigenen Ort. Ich lebe seit vierzehn Jahren hier, aber erst Deckerts Blick von außen zeigte mir, was es heißt, an einem Fluss zu leben, der einmal eine Grenze war. Manchmal braucht es das: jemanden, der fremd ist und trotzdem genau hinschaut.
„Wolken und Kastanien“ heißt der Newsletter, den Deckert monatlich über Steady verschickt. Der Titel ist Programm: das Konkrete und das Flüchtige, Kastanien, die man in der Hand hält, und Wolken, die vorüberziehen. Deckert schreibt über das Schreiben, über Bücher, die ihn beschäftigen, über Spaziergänge im Dresdner Großen Garten, wo er früher lebte. Aber vor allem schreibt er, wie jemand denkt – in Sprüngen, Wendungen, mit der Geduld für Umwege, die sich am Ende als notwendig erweisen.
Klemperers Stimme in Klassenzimmern
Seit über zwanzig Jahren trägt Deckert Victor Klemperers Tagebücher in Schulen. „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ – die Aufzeichnungen eines jüdischen Romanisten, der die NS-Zeit in Dresden überlebte, knapp, durch Zufall und durch seine „arische“ Frau Eva. Deckert liest daraus vor, nicht als Historiker, sondern als jemand, der die Orte kennt: die „Judenhäuser“, in denen Klemperer leben musste, die Straßen, durch die die Deportationen gingen. Er macht Lokalgeschichte greifbar, und er lässt die Schüler danach reden.
„Wie viele Freiheiten wurden Juden geraubt?“ fragt er. „Was tun gegen heutigen Extremismus?“ Die Antworten kommen nicht sofort. Eine Lehrerin beschrieb es so: „Stille im Raum und zahlreiche Fragen danach.“ Das ist das Gegenteil von Geschichtsunterricht als Pflichtprogramm. Deckert inszeniert nicht, er übersetzt – zwischen Archiv und Gegenwart, zwischen Klemperers Scham („Ich empfinde eigentlich mehr Scham als Angst“) und der Frage, was das heute bedeutet.
Seit 2022 macht er das auch digital, zu Holocaust-Gedenktagen, in Online-Lesungen. Parallel schreibt er über diese Arbeit – in seinem Newsletter, in Essays für die Süddeutsche Zeitung, in seinem Roman „Das Japanische Palais“, der die Bombennacht Dresdens 1945 erzählt. Die Themen kreisen um dasselbe: um Erinnerung, die übersetzt werden muss, damit sie nicht verstummt.
Warum das lesenswert ist
Deckerts Newsletter ist kein Newsfeed. Man abonniert ihn nicht, um auf dem Laufenden zu bleiben, sondern um begleitet zu werden – beim Nachdenken, beim Assoziieren, beim langsamen Verstehen von Dingen, die man schon zu kennen glaubte. Seine Texte öffnen (Denk)Räume. Literatur ist nicht Dekoration, sondern (s)eine Art, die Welt zu lesen.
Diese tastende Herzlichkeit, mit der Deckert schaut, das ist es, was hängen bleibt. Nicht nur bei St. Johannis, auch bei der Elbe, bei den Geschichten über Klemperer, bei den Kastanien im Großen Garten. Man lernt, genauer hinzusehen. Und manchmal versteht man dann auch etwas über den eigenen Ort, über das, was man täglich übersieht.
Den Newsletter kann man kostenlos über Steady abonnieren. Deckert bittet um freiwillige Unterstützung, weil er als freier Autor arbeitet. Aber eigentlich ist es umgekehrt: Man unterstützt ihn nicht, man wird unterstützt – beim Denken, beim Erinnern, beim Versuch, die Welt etwas genauer zu verstehen.
Wolken und Kastanien
Newsletter von Renatus Deckert
Erscheinungsweise: monatlich
Plattform: Steady
Preis: kostenlos (freiwillige Unterstützung möglich)
Link: steadyhq.com/de/renatus-deckert
Renatus Deckert, geboren 1972 in Dresden, ist Schriftsteller, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Er lebt in seiner Geburtsstadt und arbeitet als freier Autor. Zu seinen Veröffentlichungen gehören der Roman „Das Japanische Palais“ (2021) über die Bombardierung Dresdens sowie Essays und literaturwissenschaftliche Arbeiten. Seit über zwanzig Jahren liest Deckert in Schulen aus Victor Klemperers Tagebüchern „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ und leistet damit wichtige Erinnerungsarbeit zur NS-Zeit.is zum letzten“ und leistet damit wichtige Erinnerungsarbeit zur NS-Zeit.
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Das erste Buch: Eine Anthologie über literarische Debüts
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Wolken und Kastanien – Der Newsletter von Renatus Deckert
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Renatus Deckert
1–2 MinutenRenatus Deckert (*1. Mai 1977 in Dresden) ist ein deutscher Autor, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Er studierte Literatur und Philosophie in Hamburg, Berlin und Paris. 2009 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über das Motiv des zerstörten Dresden im Werk der Dichter Volker Braun, Heinz Czechowski und Durs Grünbein. Von 1997 bis…
