Mündliches Erzählen von Geschichten - Foto Willgard Krause

Die Kunst des mündlichen Erzählens

Am Anfang war das Wort – nicht geschrieben, sondern gesprochen. Lange bevor Gutenbergs Druckerpresse die Welt veränderte, lebten Geschichten in der Stimme, im Gedächtnis, in der unmittelbaren Begegnung zwischen Erzähler und Zuhörer. Das mündliche Erzählen ist die Urform aller Literatur, der Ausgangspunkt jeder kulturellen Überlieferung. Doch in einer Zeit, in der das gedruckte Wort dominiert und digitale Medien den Alltag bestimmen, scheint diese archaische Kunst ins Abseits gedrängt – zu Unrecht, wie ein Blick auf die lebendige Erzähltradition zeigt. (Bei der Recherche konzentriere ich mich auf mein aktuelles Wohnumfeld.)

Der lange Schatten der Nachkriegszeit

Nach 1945 herrschte in der deutschen Literatur zunächst ein anderer Ton vor. Die sogenannte Trümmer- oder Kahlschlagliteratur, geprägt von Autoren wie Wolfgang Borchert oder Heinrich Böll, suchte mit nüchterner, reduzierter Sprache die Ruinenlandschaften der Seele zu vermessen. Märchen und mündliche Erzählformen galten als überholt, als romantische Verklärung einer Vergangenheit, die man hinter sich lassen wollte. Die neue Zeit verlangte nach schonungsloser Wahrhaftigkeit, nicht nach verzauberten Welten.

Doch während sich die Hochliteratur von der oralen Tradition abwandte, blieb diese in ländlichen Regionen wie der Lüneburger Heide, dem Wendland oder Mecklenburg-Vorpommern lebendig. In den Spinnstuben der Heidmark widmete man sich weiterhin dem überlieferten Sagen- und Liedgut – eine eigenständige Form des mündlichen Erzählens, die fernab des literarischen Kanons ihre Vitalität behielt.

Renaissance des Erzählens in der Region

Heute erlebt das mündliche Erzählen eine bemerkenswerte Renaissance. In der Lüneburger Heide dokumentieren Sammlungen wie Günter Petschels „Sagen und Märchen aus der Lüneburger Heide“ und Matthias Ricklings „Sagenhafte Lüneburger Heide“ diese lebendige Tradition. Doch es bleibt nicht bei der Konservierung: Die bekannte Schauspielerin Janette Rauch, die durch ihre Rollen in „Rote Rosen“ und „Bei mir liegen Sie richtig“ einem größeren Publikum bekannt wurde, hat sich ganz dem mündlichen Erzählen verschrieben. Mit ihrem „Märchenkosmos“ verzaubert sie regelmäßig im Barfußpark Egestorf ihre Zuhörer – unter freiem Himmel, bei knisterndem Lagerfeuer, mit Geschichten aus der Region.

„Märchen sind ein so kraftvoller Weg, sich in eine andere Welt entführen zu lassen“, erklärt Rauch ihre Motivation. Ihre Märchenabende richten sich bewusst auch an Erwachsene, denn sie weiß: „Es ist Zeit, sich wieder berühren zu lassen.“ In ihren Programmen verbindet sie Sagen und Märchen aus der Lüneburger Heide mit kleinen Musikeinspielern, erzählt von Riesen, die einst in der Heide hausten, von Zwergen, seltsamen Geistern und dem Raubritter Hans Eidig.

Im benachbarten Wendland arbeitet der Wendländische Märchenkreis mit Erzählerinnen wie Maria Kassuhn, Petra Kallen, Angelika Brandt, Irma Weigel und Helga Felski, die „Märchen, Mythen und Legenden frei erzählen“ und dabei „Helden, Hexen und Zauberer, Arme und Reiche, Riesen und Trolle“ aus verschiedenen Kulturen der Welt lebendig werden lassen.

In Mecklenburg-Vorpommern hat sich seit 2008 die Sagen- und Märchenstraße etabliert, die Orte, Museen und Veranstaltungen entlang einer Route verbindet und regionalmythische Erzähltraditionen sichtbar macht. Der Kulturverein Sagenland M-V organisiert Sagensteine, -pfade, Publikationen und Aktionen für Schulen und bringt so das mündliche Erbe in die Öffentlichkeit.

Das Dilemma der Märchenschublade

Trotz dieser lebendigen Szene haben Geschichtenerzähler heute mit einem Imageproblem zu kämpfen. Sie werden oft automatisch mit Märchen gleichgesetzt – und Märchen gelten in unserer auf Rationalität bedachten Zeit nicht als seriös. Diese Einschätzung ist jedoch zu kurz gedacht. Die Qualität einer Erzählung macht den Unterschied, nicht ihr Genre. In poetischer Tiefe, regionaler Verwurzelung und der unmittelbaren Präsenz einer lebendigen Stimme liegt der Reichtum des mündlichen Erzählens.

War das früher anders? Historisch betrachtet genossen Geschichtenerzähler durchaus gesellschaftliches Ansehen. Die Sänger der Antike, die mittelalterlichen Minnesänger oder die Märchensammler der Romantik standen nicht am Rand der Gesellschaft, sondern waren anerkannte Kulturvermittler. Erst die Dominanz der Schriftkultur und später die elektronischen Medien drängten das mündliche Erzählen an den Rand.

Die einzigartige Kraft der lebendigen Stimme

Dabei besitzt das mündliche Erzählen Qualitäten, die kein geschriebenes Wort erreichen kann. Es ist sichtbar, hörbar, gemeinschaftsstiftend. Die Stimme trägt Emotionen, die auf dem Papier verloren gehen. Der Erzähler kann auf sein Publikum reagieren, den Rhythmus der Geschichte dem Atem der Zuhörer anpassen, mit Blicken und Gesten die Spannung modulieren. „Erzählen wirkt Wunder, schenkt Freude, verbindet Menschen, lässt staunen, öffnet Welten, weckt Phantasie“ – so beschreibt es der Wendländische Märchenkreis treffend.

Diese unmittelbare, leibliche Präsenz macht Erzählungen oft berührender als geschriebene Texte. Sie schaffen eine Intimität, die in unserer digitalisierten Welt kostbar geworden ist. Wenn Janette Rauch im Barfußpark von den Geheimnissen der Heide erzählt oder die Erzählerinnen des Wendländischen Märchenkreises ihre Zuhörer in fremde Welten entführen, dann entsteht etwas, was kein Buch, kein E-Reader, keine Hörbuch-App bieten kann: die magische Verbindung zwischen Erzähler und Publikum in einem gemeinsam geteilten Moment.

Zukunftsperspektiven

Das Engagement von Erzählerinnen wie Janette Rauch, von Vereinen wie dem Wendländischen Märchenkreis oder von Kulturprojekten wie der Sagen- und Märchenstraße in Mecklenburg-Vorpommern zeigt: Das mündliche Erzählen ist keineswegs tot. Es findet neue Formen, neue Räume, neue Zuhörer. Die Corona-Pandemie hat paradoxerweise diese Entwicklung noch verstärkt – plötzlich suchten Menschen wieder nach authentischen, unmittelbaren Erfahrungen.

Die Rückbesinnung auf mündliche Erzählformen könnte die Kulturvermittlung bereichern – lokal und persönlich, verwurzelt in der Region und doch universal in ihrer Ausstrahlung. Geschichtenerzähler verdienen dieselbe Anerkennung wie Buchautoren, denn sie bewahren nicht nur kulturelles Erbe, sondern schaffen auch neue, lebendige Kunst.

Am Ende kehrt alles zum Ursprung zurück: zum gesprochenen Wort, zur geteilten Geschichte, zur Gemeinschaft der Zuhörenden. In einer Zeit der Vereinzelung und digitalen Überreizung könnte die alte Kunst des Erzählens aktueller sein denn je. Sie erinnert uns daran, dass Literatur ursprünglich nicht gelesen, sondern gehört wurde – und dass in dieser Urform eine Kraft liegt, die kein technischer Fortschritt ersetzen kann.

Quellen und weiterführende Literatur

Titelbild: Willgard Krause


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