Sophia und die Eisheiligen: Zwischen Bauernregel und Heiligenlegende

Ausgangspunkt für diesen Text ist die Lektüre des Gedichtes die namen der eisheiligen von Nathalie Schmid.

Sophia: Ein Gedicht über verlorene Gewissheiten

Was uns diese Geschichten heute sagen

Man muss nicht an Heilige glauben, um in den Eisheiligen-Legenden etwas Berührendes zu finden. Sie erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen:

Vom Umgang mit Unsicherheit: Die Vermischung der beiden Sophias zeigt, wie Geschichte durch Erzählen entsteht – unscharf, widersprüchlich, vielschichtig. Wir leben immer mit unvollständigem Wissen. Die Frage „Welche Sophie war es wirklich?“ mag historisch wichtig sein, aber die Wirkung ihrer Geschichten war real, unabhängig von der Faktenlage.

Von symbolischer Wahrheit: Die Namen Glaube, Hoffnung, Liebe sind nicht deshalb bedeutungslos, weil die historische Sophie vielleicht nie existierte. Die Allegorie trägt eine Wahrheit in sich, die von historischer Beweisbarkeit unabhängig ist. Literatur und Mythos können tiefere Einsichten vermitteln als reine Faktographie.

Von der Weisheit der Beobachtung: Die Bauernregeln der Eisheiligen beruhen auf jahrhundertelanger geduldiger Naturbeobachtung. Sie zeigen, wie Menschen Wissen über Generationen weitergaben – in Geschichten, Namen, Merksprüchen. Die Form (Heiligennamen) mag religiös sein, die Substanz (meteorologisches Wissen) ist universell.

Von der Kraft der Verbindung: Die Eisheiligen verbinden Himmel und Erde, Kalender und Wetter, Tod und Jahreszeit, Märtyrer und Gemüsebeet. Sie zeigen, wie Menschen Sinn stiften, indem sie scheinbar Getrenntes in Beziehung setzen. Das ist eine zutiefst poetische – und zutiefst menschliche – Geste.

Von Vergänglichkeit und Kontinuität: Sophias Knochen wanderten durch Europa, ihre Geschichten vermischten sich, ihr Name überlebte in verschiedenen Sprachen. Was bleibt von einem Menschen? Vielleicht nicht die „wahre“ Geschichte, sondern die Art, wie spätere Generationen versuchen, ihr zu begegnen – mit Ehrfurcht, Verwirrung, Pragmatismus, Poesie.

Die Eisheiligen erinnern daran, dass Kultur immer ein Gewebe aus vielen Fäden ist: Glauben, Aberglauben, Erfahrung, Irrtum, Hoffnung und Pragmatismus. Und manchmal ist die kalte Sophie einfach die kalte Sophie – eine Eselsbrücke, die funktioniert, auch wenn wir die Heilige dahinter längst vergessen haben.

Jedes Jahr Mitte Mai warnen Gärtner vor den „Eisheiligen“ – jenen fünf Tagen, an denen noch einmal Frost drohen kann. Doch wer waren Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und die „Kalte Sophie“ eigentlich? Und warum wurden ausgerechnet diese katholischen Heiligen zu meteorologischen Mahnern?

Zum Titelbild: Eschau, Kirche Saint-Trophime, Die heilige Sophia mit ihren Töchtern, 1470. Foto: Ralph Hammann (CC BY-SA 4.0) wikimedia

Heilige als Eselsbrücken

Die Antwort ist pragmatisch: Die Eisheiligen wurden nicht wegen besonderer Eigenschaften oder frostiger Legenden ausgewählt. Der einzige Grund für ihre Verbindung zur Kälte ist ihr Gedenktag. Ihre Festtage fallen auf den 11. bis 15. Mai – genau in jene Zeit, in der meteorologisch häufig noch einmal Kälteeinbrüche auftreten.

Die katholische Kirche hatte für praktisch jeden Tag des Jahres Heiligengedenktage festgelegt. Als Bauern über Jahrhunderte beobachteten, dass Mitte Mai regelmäßig Spätfrost drohte, verknüpften sie diese Wetterphänomene einfach mit den Heiligen, deren Festtage in diese kritische Zeit fielen. Die Namen dienten als praktische Gedächtnisstütze – ein vorliterarisches Mnemotechnik-System für überlebenswichtiges Wetterwissen.

Die fünf Heiligen: Wer waren sie wirklich?

Die Eisheiligen waren historische Personen aus dem 4. bis 6. Jahrhundert:

  • Mamertus (11. Mai) – Bischof von Vienne, führte die Bitttage ein
  • Pankratius (12. Mai) – jugendlicher Märtyrer aus Rom
  • Servatius (13. Mai) – Bischof von Tongeren, Schutzpatron gegen Mäuseplagen
  • Bonifatius (14. Mai) – römischer Märtyrer (nicht zu verwechseln mit dem „Apostel der Deutschen“)
  • Sophia (15. Mai) – frühchristliche Märtyrerin, die „Kalte Sophie“

Ihre eigentlichen Lebensgeschichten haben nichts mit Wetter, Kälte oder Landwirtschaft zu tun. Sie wurden zu „Eisheiligen“ allein durch den Zufall ihrer Position im liturgischen Kalender.

Merkverse: Die Poesie der Bauernweisheit

Diese Heiligennamen wurden in eingängigen Reimen konserviert, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden:

Pankraz, Servaz, Bonifaz
machen erst dem Sommer Platz.

Oder der warnende Schlussvers:

Vor Nachtfrost du nie sicher bist,
bis Sophie vorüber ist.

Diese Merksprüche sind keine Kinderlieder im eigentlichen Sinne, sondern mnemotechnische Verse – praktische Alltagspoesie, die Wissen tradierte. Sie gehören zu jener reichen Tradition volkstümlicher Bauernregeln, die Wetterbeobachtung in rhythmische Sprache kleideten.

Die rätselhafte Sophia: Geschichte oder Allegorie?

Besonders interessant – und verwirrend – ist die Legende der heiligen Sophia. Die Überlieferung ist widersprüchlich, denn es gab zwei heilige Sophias, deren Geschichten im Laufe der Zeit miteinander vermischt wurden:

Sophia von Rom, eine junge Märtyrin, starb 304 während der Diokletianischen Christenverfolgung und wurde auf dem Friedhof der Heiligen Gordianus und Epimachus an der Via Latina in Rom bestattet. Diese frühchristliche Begräbnisstätte existiert noch heute als Katakombe, ist allerdings nicht öffentlich zugänglich. Um 845 übertrug Papst Sergius II. Teile ihrer Reliquien unter den Hochaltar der Basilika Santi Silvestro e Martino ai Monti. Bereits 778 hatte Bischof Remigius von Straßburg Reliquien dieser Sophia in das elsässische Frauenkloster Eschau überführen lassen. Von dieser jugendlichen Märtyrin finden sich kaum bildliche Darstellungen.

Sophia von Mailand ist die Protagonistin der berühmteren, symbolträchtigeren Legende: Sie stammte aus Mailand und war eine Witwe mit drei Töchtern, die im Griechischen Pistis (Glaube), Elpis (Hoffnung) und Agape (Liebe) hießen – die drei theologischen Tugenden aus 1 Kor 13,13. Um das Jahr 130 starben sie alle durch Enthauptung. In der lateinischen Tradition wurden die Namen der Töchter zu Fides, Spes und Caritas. Diese Namen sind bis heute in verschiedenen Sprachen populär: als Vera, Nadeshda und Lyubov in Russland, als Faith, Hope und Love im englischsprachigen Raum.

Während die römische Sophia kaum Darstellungen erlebte, sind Ikonen und Bildnisse der Sophia von Mailand mit ihren drei Töchtern vor allem im ostkirchlichen Raum sehr verbreitet. Im Elsass jedoch, wo Reliquien der römischen Sophia verehrt wurden, finden sich seit dem Mittelalter Abbildungen der Mailänder Sophia – ein anschauliches Beispiel für die Vermischung beider Legenden.

Der Name „Sophia“ bedeutet „Weisheit“ auf Griechisch und verweist auf die göttliche Weisheit (Hagia Sophia), der die weltberühmte Kirche im heutigen Istanbul geweiht ist. Zusammen mit den allegorischen Namen der Töchter deutet dies darauf hin, dass die Mailänder Legende möglicherweise eher didaktischen als dokumentarischen Charakter hatte – eine Lehrerzählung über christliche Tugenden in Märtyrergestalt.

Im Volksmund wird die zum 15. Mai verehrte Märtyrin die „kalte Sophie“ genannt, auf Bayerisch auch derber „’s bsoachte Sopherl“ (das besoakte Sophierl). Nach ihrem Gedenktag könne man, so die Bauernregel, empfindliche Pflanzen bedenkenlos ins Freie stellen. Die Mailänder Sophia hingegen wurde als Schutzpatronin der Witwen und Helferin in Not und Bedrängnis verehrt, zu deren Ehren im Mittelalter sogenannte Sophien-Messen gefeiert wurden. Mancherorts hat sich für sie ein eigener Gedenktag am 1. August oder 30. September erhalten.

Heiligenlegenden als Literatur

Dies führt zu einer grundsätzlichen Frage: Warum wurde Sophia überhaupt als Heilige verehrt? In den ersten Jahrhunderten des Christentums gab es keinen formalen Kanonisierungsprozess. Heilige wurden nicht von Rom „aufgenommen“, sondern entstanden durch lokale Verehrung. Erst ab dem 10. Jahrhundert entwickelte sich ein zentralisiertes päpstliches Verfahren.

Viele frühe Heiligenlegenden – besonders aus dem 2. bis 4. Jahrhundert – dienten primär der Glaubensverkündigung, nicht der historischen Dokumentation. Sie waren:

  • Vorbilder für Standhaftigkeit im Glauben
  • Trostgeschichten für verfolgte Christen
  • Lehrerzählungen über christliche Tugenden

Die mittelalterliche Kirche unterschied oft nicht streng zwischen Historie und Legende, solange die Geschichte zur Erbauung diente. Heiligenlegenden gehören damit zu jener faszinierenden Grauzone zwischen religiöser Literatur, Geschichtsschreibung und volkstümlicher Erzähltradition.

Stimmen die Eisheiligen heute noch?

Überraschende Kälteeinbrüche im Mai sind nach wie vor häufig – doch die alte Bauernregel hat zwei Probleme: das Klima und den Kalender.

Das klimatische Problem: Deutschland ist meteorologisch vielfältig. Was an der Nordseeküste gilt, trifft am Alpenrand oder in Weinbaugebieten oft nicht zu. Pauschale Regeln können dieser regionalen Variabilität kaum gerecht werden. Hinzu kommt der Klimawandel, der traditionelle Wettermuster verschiebt.

Das kalendarische Problem: 1582 veranlasste Papst Gregor XIII. eine Kalenderreform, die den Julianischen Kalender mit dem Sonnenjahr in Einklang brachte. Dabei wurden zehn Tage „übersprungen“. Der 15. Mai (Tag der Kalten Sophie) lag vor der Reform auf dem Tag, der heute dem 22. Mai entspricht.

Tatsächlich zeigen langjährige Wetterbeobachtungen, dass Kälteeinbrüche häufig erst um den 19. bis 22. Mai auftreten – also genau dann, wenn die Eisheiligen nach altem Kalender lägen. Die Bauernregel stimmt also noch, nur das Datum hat sich verschoben.

Interessant auch die regionalen Unterschiede: In Norddeutschland beginnen die Eisheiligen traditionell mit Mamertus (11. Mai), in Süddeutschland wird Sophia stärker betont. Diese Variationen spiegeln lokale Wetterbeobachtungen und unterschiedliche Schwerpunkte in der regionalen Heiligenverehrung.

Von der Legende zur Bauernregel

Die Geschichte der Eisheiligen zeigt exemplarisch, wie verschiedene kulturelle Schichten – liturgischer Kalender, meteorologische Beobachtung, mündliche Überlieferung, Kalenderreform – sich zu einem lebendigen Kulturgut verweben. Was als Märtyrerlegende begann, wurde zur praktischen Wetterregel. Was als theologische Allegorie gedacht war, wurde zur Gärtnerweisheit.

Und noch heute, in Zeiten präziser Wettervorhersagen, warnen Hobbygärtner: „Pflanz‘ die Tomaten erst nach der Kalten Sophie!“ – oder besser: eine Woche später.


Zur Hagiographie und Heiligenverehrung:

  • Arnold Angenendt: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 1994.
  • Peter Brown: Die Heiligenverehrung. Ihre Entstehung und Funktion in der lateinischen Christenheit. Insel Verlag, Leipzig 1991.
  • Jacques Le Goff: Kultur des europäischen Mittelalters. Siedler Verlag, München 1970. (Enthält wichtige Kapitel zur Funktion von Heiligenlegenden)

Zu Bauernregeln und Volksweisheit:

  • Helga und Othmar Lorenz: Das große Buch der Bauernregeln. BLV Buchverlag, München 2010.
  • Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. C.H. Beck, München 2007. (Kontextualisiert Wetterregeln historisch)

Zur Legenda Aurea (grundlegendes mittelalterliches Heiligenlexikon):

  • Jacobus de Voragine: Legenda Aurea. Übersetzt von Richard Benz. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014.

Zur literarischen Dimension von Heiligenlegenden:

  • Hans-Jörg Spitz: Die Metaphorik des geistigen Schriftsinns. Ein Beitrag zur allegorischen Bibelauslegung des ersten christlichen Jahrtausends. Wilhelm Fink Verlag, München 1972.
  • Alois M. Haas: Sermo mysticus. Studien zu Theologie und Sprache der deutschen Mystik. Academic Press, Fribourg 1979.

Online-Ressourcen:

  • Ökumenisches Heiligenlexikon: www.heiligenlexikon.de
  • Artikel zu einzelnen Heiligen mit historisch-kritischen Einordnungen

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