Hansjörg Schertenleib – Das Regenorchester

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2–3 Minuten

Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, lebt ein Schriftsteller um die fünfzig allein in seinem Haus in Irland. Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch ist er aus seinem bisherigen Arbeits- und Lebensrhythmus gefallen. Körperlich eingeschränkt, verbringt er seine Tage mit Spaziergängen, Beobachtungen und Erinnerungen.

In dieser Situation begegnet er Niamh, einer sechzigjährigen Irin, die ihn bittet, zum Chronisten ihres Lebens zu werden. In Gesprächen erzählt sie von ihrer verlorenen Liebe und von einem Irland, das in dieser Form nicht mehr existiert. Daneben prägen Begegnungen mit Freunden und Menschen aus seinem Umfeld den Alltag des Erzählers.

Der Roman bewegt sich zwischen Gegenwart und Rückblick. Erinnerungen an Kindheit, frühere Beziehungen und Lebensentscheidungen stehen neben alltäglichen Situationen sowie Gedanken über den eigenen Körper, das Älterwerden und das Schreiben. Reisen und Ortswechsel strukturieren den Text lose.

Der Roman ist episodisch angelegt und folgt der Wahrnehmung und dem Denken des Erzählers. Er entwickelt sich aus Momenten, Beobachtungen und Gesprächen und verzichtet auf eine durchgehende äußere Handlung.


LektüreNotizen

Dieses Zitat hat der Autor dem Roman vorangestellt:

„You ain’t gonna miss your water until your well runs dry.“ – Bob Marley

Man kann den Satz „You don’t miss your water till your well runs dry“ leicht als Lebensweisheit abtun. Gerade deshalb lohnt es sich, ihn ernst zu nehmen – nicht als Spruch, sondern als Denkfigur. Denn was hier verhandelt wird, ist kein moralischer Appell, sondern eine Erfahrung von Zeit: Bedeutung entsteht verzögert.

In der Lyrik von Wisława Szymborska – sie ist mir dazu in den Sinn gekommen, weil ich derzeit ihre Gedichte lese – lässt sich diese Bewegung präzise beobachten. In Ende und Anfang setzt das Gedicht dort ein, wo das Eigentliche bereits vorbei ist. Der Krieg ist geschehen, die Zerstörung abgeschlossen. Übrig bleibt das Aufräumen. Straßen werden freigeräumt, Trümmer beiseitegeschafft, jemand muss wissen, „wie man einen Körper schiebt“. Das Gedicht verweigert das Ereignis und richtet den Blick auf das Danach. Genau dadurch wird sichtbar, was zuvor selbstverständlich war: Gehen, Wohnen, Ordnung, Alltag. Bedeutung entsteht nicht im Moment der Anwesenheit, sondern im Nachhall ihres Entzugs.

Noch deutlicher wird diese Logik im Gedicht Museum. Hier ist das Leben vollständig abwesend. Übrig geblieben sind Gegenstände: Schuhe, Teller, Schmuck, Alltagsreste. Sie liegen hinter Glas, katalogisiert, konserviert. Was sie bedeuten, entsteht erst dadurch, dass diejenigen fehlen, die sie benutzt haben. Die Dinge tragen plötzlich Gewicht, nicht weil sie besonders wären, sondern weil das Leben, das sie getragen hat, verschwunden ist. Das Museum ist der trockene Brunnen: ein Ort, an dem Bedeutung nur noch als Spur existiert.

Szymborska formuliert diese Einsicht nicht explizit. Sie baut sie. Ihre Gedichte funktionieren wie Versuchsanordnungen, in denen Abwesenheit Wahrnehmung erzwingt. Das unterscheidet sie grundlegend vom Sprichwort, obwohl beide dieselbe Bewegung vollziehen. Das Sprichwort benennt eine Erkenntnis. Das Gedicht erzeugt sie.

Hansjörg Schertenleib stellt diesen Satz an den Anfang seines Romans. Warum? Vielleicht markiert er einen Lesezustand. Nicht: Hier kommt eine Lehre. Sondern: Lies so, als sei etwas bereits verloren. Und prüfe, was dadurch sichtbar wird. Ob der Roman diese Struktur tatsächlich durchhält, ob er mit Verzögerung und Abwesenheit arbeitet – das wird sich zeigen.

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