Sike – Kartographie

Kartographie ist die deutsche Erstveröffentlichung der 2019 in Argentinien erschienenen Graphic Novel Cartográfica des Illustrators und Comic-Künstlers Sike (Übersetzung: Lea Hübner, avant-Verlag, 128 Seiten, Hardcover).

Die Erzählung setzt ein, als ein junger Mann ins Buenos Aires der späten 2010er Jahre kommt – eine Stadt unter Inflationsdruck, geprägt von Protestbewegungen und wachsender sozialer Unsicherheit. Zunächst streift er scheinbar ziellos durch die Straßen, ohne Plan. Die Wanderung entpuppt sich jedoch als Suche nach Orientierung: der Wunsch, Koordinaten zu finden, die ihm helfen könnten, ein Leben zu strukturieren und einen Platz in der urbanen Gesellschaft zu besetzen.

Cover Sike – Kartographie – avant-verlag

Der Protagonist bleibt dabei konturenlos – kein psychologisches Porträt, sondern Wahrnehmungsinstanz. Er trifft Freunde, wird Teil sozialer Proteste, erlebt staatliche Gewalt gegen Demonstrierende, ist Zeuge, wie urbane Räume zu Konfliktzonen werden. Diese Erlebnisse sind als narrative Knotenpunkte angelegt: sie verbinden das Individuum mit gesellschaftlichen Phänomenen – Stadtplanung, digitale Überwachung, Cyberimplantate – und verknüpfen die innere Suche nach Orientierung mit der Materialität und Struktur der Stadt.

Buenos Aires fungiert nicht als Kulisse, sondern als lebendiger Organismus. Sike verortet die Handlung konkret: Viertel wie Abasto, Balvanera, Recoleta werden benannt, Orte wie Catalinas Sur und La Plata erscheinen. Das Straßengeflecht wird zur zweiten Haut der Hauptfigur. Die Stadt spiegelt topografische Komplexität ebenso wie soziale Beziehungen, politische Spannungen und psychische Zustände. Das urbane Gelände wird zur Metapher für innere und äußere Suchbewegungen.

Sike nähert sich den Themen – Identität, Zugehörigkeit, politische Mobilisierung, Überwachung – nicht über klassische Handlungsführung, sondern durch erzählerische Fragmente, essayistische Passagen und experimentelle Bildsequenzen. Traditionelle Panel-Layouts werden gesprengt. Die Panels wirken wie übereinandergelegte Schablonen, oft randlos, manchmal flächig wie Scherenschnitte. Formen überlagern sich, Konturen verschieben sich. Die Bildsprache wechselt zwischen dokumentarischer Genauigkeit und subjektiver Erinnerung – als würde der Protagonist seine eigene Landkarte der Stadt in Echtzeit erstellen.

Im Fokus stehen nicht nur geografische Karten, sondern auch metaphorische „Karten“ persönlicher Erlebnisse und sozialer Beziehungsnetzwerke. Elemente wie digitale Überwachung, politische Mobilisierung, Polizeigewalt oder Cybertechnologien werden ohne futuristische Überhöhung beschrieben – sie erscheinen als gegenwärtige gesellschaftliche Bedingungen, die bereits Teil des Alltags sind.

Kartographie ist autofiktional: eine Mischung aus eigenen Erfahrungen des Künstlers und Erlebnissen aus seinem Umfeld. Sike, der aus Illustration und Animation kommt und Erfahrung mit Straßenausstellungen und besetzten Häusern hat, verknüpft das Politische (Hausbesetzungen, Polizeigewalt, prekäre Arbeitsverhältnisse) mit dem Persönlichen (Freundschaft, Sex, Trauer, Ungewissheit). Das Buch ist kein klassischer Coming-of-Age-Comic, sondern ein soziokulturelles Porträt einer Generation, die sich in urbanen Räumen orientieren muss – inmitten politischer Unruhen und wirtschaftlicher Unsicherheit.

2022 wurde Cartográfica beim argentinischen Festival Crack, Bang, Boom! in der Kategorie „Bestes Werk für Erwachsene“ ausgezeichnet. Die deutsche Fassung wird als literarisch und stilistisch herausfordernd beschrieben – ein essayistisches urbanes Erkundungsprojekt in Bild und Text für Leser, die an komplexen Verknüpfungen von persönlicher Identität, sozialer Dynamik und städtischer Topografie interessiert sind.

Kartographie
Text & Zeichnungen: Sike
Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Lea Hübner
avant-verlag
Veröffentlichung: Dezember 2024
128 Seiten, Hardcover
19 x 27 cm, Sonderfarben
ISBN: 978-3-96445-126-2

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