Annie Dillard – Einen Stein zum Sprechen bringen

Lesezeit:

1–2 Minuten

Seit Wochen nehme ich ihn wahr. Hunderunde im Winter, die Megalithgräber im Rücken, und am Wegesrand liegt er — ein Fels im Kleinformat, mehrere Kilo schwer, verdreckt. Ich gehe vorbei. Immer wieder. Aber er fällt mir auf, jedes Mal.
Dann eines Tages bleibe ich stehen. Es kribbelt im Bauch. Ich gehe hin, fasse ihn an — und meine Hände glühen. Schlagartig. Als hätte der Stein auf mich gewartet.
Ich trage ihn heim. Er steht jetzt auf meiner Fensterbank. Täglich betrachte ich ihn. Er strahlt.

Annie Dillard sagt, Steine können nicht sprechen. Vielleicht. Aber dieser hier sendet. Er war schon dabei, als hier Gräber gebaut wurden, die älter sind als jede Sprache, die wir für ihn haben. Was er sagt, braucht keine Worte. Es braucht nur Zeit — und jemanden, der stehen bleibt.

Der Band versammelt Essays Annie Dillards, die zugleich Erzählungen sind. Dillard schreibt über eine totale Sonnenfinsternis im Osten Washingtons, einen Besuch im Dschungel Ecuadors, die Begegnung mit einem wilden Wiesel, Polarexpeditionen, die sie bei einem Gottesdienstbesuch rekapituliert, und von einem Mann, der allein mit einem Stein in einer Hütte lebt, um ihm das Sprechen beizubringen. Ausgangspunkt sind jeweils Beobachtungen aus der natürlichen Welt oder dem Alltag; die Essays bewegen sich von dort aus in Richtung grundlegender Fragen. »Wir sind nur einmal hier auf dem Planeten, und es lohnt sich vielleicht, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo wir sind. Es lohnt sich vielleicht, ein Gefühl für die Randgebiete und Nischen zu entwickeln, in denen das Leben stattfindet.«

Buchinformationen
Annie Dillard – Einen Stein zum Sprechen bringen
Verlag:
Matthes & Seitz Berlin
Reihe:Naturkunden Bd. 086
Nachwort:Karen Nölle
Veröffentlicht:2022
ISBN:978-3-7518-0222-2
Originaltitel:Teaching a Stone to Talk (Englisch)

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