Annie Dillard – Einen Stein zum Sprechen bringen – Naturkunden

Lesezeit:

3–5 Minuten

Einen Stein zum Sprechen bringen | Aufbrüche und Begegnungen (Teaching a Stone to Talk: Expeditions and Encounters) ist eine 1982 erstmals veröffentlichte Essay-Sammlung, in der Annie Dillard Naturbeobachtungen aus unterschiedlichsten Räumen (Nordamerika, Südamerika, Galápagos) mit spirituellen und philosophischen Fragen verknüpft. Im Zentrum steht ihre Erfahrung, dass die Natur zugleich faszinierend, fremd und oft grausam ist; Dillard sucht nach einer Sprache für das Heilige im Angesicht dieses Schweigens. Das Titelessay verdichtet diese Suche in der Figur eines Mannes, der einem Stein das Sprechen beibringen will – eine Praxis der Aufmerksamkeit, die Dillards eigenes Schreiben spiegelt. Einzelne Schlüsseltexte (Sonnenfinsternis, gefangener Hirsch, Wiesel, Kirchenbesuch, Polarexpeditions-Metapher) dienen als Fallstudien dafür, wie sich im Konkreten die großen Fragen nach Gott, Zeit, Erinnerung und menschlicher Verantwortung aufdrängen.

Die Essays

TitelÜberblick
Leben wie die Wiesel
Living Like Weasels
Begegnung mit einem Wiesel am Teich; Reflexion über ein „wildes“, bedürfnisloses Leben
Eine Expedition zum Pol
An Expedition to the Pole
Parallele zwischen dem Suchen nach Gott im katholischen Gottesdienst und Polarexpeditionen des 19. Jh.
Im Dschungel
In the Jungle
Reise zum Napo River in Ecuador; Erfahrungen von Frieden in der Wildnis
Der Hirsch in Providencia
The Deer at Providencia
Ein gefangener Hirsch in Ecuador als Anlass, über Leid nachzudenken
Einen Stein zum Sprechen bringen
Teaching a Stone to Talk
Im titelgebenden Essay begegnet Dillard einem Einzelgänger (oft „Larry“ genannt), der in einer Hütte lebt und einen Stein „sprechen lehren“ will – nicht im Sinne langer Dialoge, sondern als rituelle Praxis der Aufmerksamkeit und des Zuhörens gegenüber der stummen Welt. Die Geste steht metaphorisch für Dillards eigenes Suchen nach Antwort aus dem Universum.
Weit ab auf einem Berg
On a Hill Far Away
Begegnung mit einem einsamen Kind bei einem Spaziergang in Virginia
Sonnenfinsternis
Total Eclipse
Dillard schildert die Reise mit ihrem Mann nach Yakima (Washington) und die Erfahrung der Verdunkelung als existenzielle Erschütterung: Farben kippen, die Welt wirkt „falsch“, Menschen erscheinen wie Tote; das Ereignis wird zur Grenzerfahrung von Leben, Tod und Wahrnehmung.
Linsen
Lenses
Vergleich zwischen Mikroskop-Betrachtungen und Vogelbeobachtung mit Fernglas
Life on the Rocks: Die Galapagosinseln
Life on the Rocks: The Galápagos
Evolution von Ideen wie von Lebewesen auf den Galapagosinseln (dafür mit dem New York Women’s Press Club Award ausgezeichnet)
Ein Feld der Stille
A Field of Silence
Ein surrealer, von Engeln geprägter Morgen auf einem Hof
Gott an der Tür
God in the Doorway
Kindheitserinnerung an Santa Claus/Nachbarin Miss White, verwechselt mit Gott
Trugbilder
Mirages
Eine Luftspiegelung auf dem Wasser als Reflexion über Realität und Wahrnehmung
Zu Gast
Sojourner
Mangroven, die sich lösen und zu schwimmenden Inseln werden – als Bild der menschlichen Existenz
Asse und Achten
Aces and Eights
Ein Wochenende mit einem neunjährigen Kind (vermutlich Dillards jüngeres Ich) – über das Unvermeidliche des Älterwerdens

Buchinformationen
Annie Dillard – Einen Stein zum Sprechen bringen
Verlag:
Matthes & Seitz Berlin
Reihe: Naturkunden Bd. 086
Herausgeberin: Judith Schalansky
Nachwort & Übersetzung: Karen Nölle
Veröffentlicht: 2022
ISBN: 978-3-7518-0222-2
Originaltitel: Teaching a Stone to Talk: Expeditions and Encounters (1982)

Ebenfalls bei Matthes & Seitz Berlin erschienen: Pilger am Tinker Creek (Naturkunden Bd. 28, 2016) als deutsche Ausgabe von Pilgrim at Tinker Creek (1974) – Dillards mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes, buchlanges Naturbuch über ein Jahr am Tinker Creek in Virginia, das in der Nachfolge von Thoreaus Walden steht. Übersetzerin: Karen Nölle, Nachwort: William Deresiewicz

Zur Autorin | Annie Dillard, geboren 1945 in Pittsburgh, ist eine amerikanische Essayistin, die sich nur schwer einer literarischen Schublade zuordnen lässt. Ihre Texte beginnen häufig mit etwas Konkretem: einem Tier, einer Landschaft, einem Wetterphänomen, einer Begegnung. Von dort aus entwickelt sich ihr Schreiben in andere Richtungen – zu Fragen nach Wahrnehmung, Vergänglichkeit, Bewusstsein und der eigenen Art zu leben.

Bekannt wurde Dillard mit Pilgrim at Tinker Creek (1974), einem literarischen Naturbuch über ihre Beobachtungen an einem Bach in Virginia, für das sie 1975 den Pulitzerpreis erhielt. Sie schaut dabei sehr genau hin, aber ihre Texte erschöpfen sich nicht in Naturbeobachtungen. Ein Tier, eine Landschaft oder ein unscheinbares Ereignis können bei ihr zum Ausgangspunkt für Überlegungen werden, die weit über den beobachteten Augenblick hinausführen. Natur ist dabei keineswegs idyllisch: Sie ist ebenso von Schönheit wie von Gewalt, Sterben und Zufall geprägt.

Auch in „Leben wie die Wiesel“ beginnt alles mit einer solchen Beobachtung. Dillard begegnet einem Wiesel, und aus diesem kurzen, intensiven Blickkontakt entwickelt sich die Frage, wie ein Mensch eigentlich leben kann. Das Tier wird dabei nicht einfach zum Vorbild. Vielmehr bringt die Begegnung Dillard dazu, über die eigene Art zu leben nachzudenken: über das menschliche Bedürfnis, ständig zu überlegen, zu planen und Möglichkeiten offenzuhalten – und über die Sehnsucht nach einer unmittelbareren Form des Daseins.

Vielleicht lässt sich Dillard deshalb am besten als eine Autorin beschreiben, bei der das Beobachten eine Bewegung auslöst. Sie beginnt bei der Welt, die vor ihr liegt, und gelangt von dort zu den Fragen, die sie selbst betreffen.

Bisher erschienene Beiträge zum Buch:

  • Essay – Einen Stein zum Sprechen bringen – Annie Dillard

    Essay – Einen Stein zum Sprechen bringen – Annie Dillard

    Lesezeit:

    5–8 Minuten

    Der Mensch sucht ständig nach Resonanz, nach einer sprechenden Welt, die ihn bestätigt oder anspricht. Annie Dillards Essay „Teaching a Stone to Talk“ (dt. „Einen Stein zum Sprechen bringen“) – ein dichter, meditativer Text, der sich in sechs Abschnitten von einer skurrilen Anekdote zu einer kosmologischen Meditation über Schweigen und Zeugenschaft entwickelt. Ausgangsbild (I): Ein…

  • Leben wie die Wiesel – Annie Dillard

    Leben wie die Wiesel – Annie Dillard

    Lesezeit:

    4–5 Minuten

    Das Wiesel ist bei Dillard eher ein Gegenbild zum menschlichen Bewusstsein: Es führt ihr vor, was verloren geht, wenn wir ständig über unser Leben nachdenken, es bewerten, planen und uns von Möglichkeiten zerstreuen lassen. Begegnung → Erschütterung → Sehnsucht nach einer anderen Art zu leben. Dillard beginnt mit dem Wiesel als Tier. Sie beschreibt es…

  • Annie Dillard – Einen Stein zum Sprechen bringen – Naturkunden

    Annie Dillard – Einen Stein zum Sprechen bringen – Naturkunden

    Lesezeit:

    3–5 Minuten

    Einen Stein zum Sprechen bringen | Aufbrüche und Begegnungen (Teaching a Stone to Talk: Expeditions and Encounters) ist eine 1982 erstmals veröffentlichte Essay-Sammlung, in der Annie Dillard Naturbeobachtungen aus unterschiedlichsten Räumen (Nordamerika, Südamerika, Galápagos) mit spirituellen und philosophischen Fragen verknüpft. Im Zentrum steht ihre Erfahrung, dass die Natur zugleich faszinierend, fremd und oft grausam ist;…

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