Katia Tangians Barsik

Katia Tangians Cover für diese Ausgabe zeigt ein Foto aus den Achtzigern: ein Mann, der grimassiert, im Hintergrund Teile einer Stereoanlage. Ein Schnappschuss, wie es ihn tausendfach gibt. Der Text, der das Bild umfließt, erzählt von Barsik – einem Kater, der in der Nachbarschaft als bösartiges Mistvieh galt und ständig mit den anderen Katern auf Kriegsfuß stand. Die Schwester hat ihn vor rund 40 Jahren mit einer Einwegkamera fotografiert.

Nur: Barsik ist nicht im Bild. Nicht angeschnitten, nicht unscharf im Hintergrund – einfach nicht da. Das Foto und die Geschichte haben nur den Moment gemeinsam, nicht das Motiv. Was blieb, ist dieser Mann mit seiner Grimasse, vielleicht der Bruder, vielleicht ein Nachbar. Ob das Bild nachträglich beschnitten wurde oder die Kamera einfach daneben zielte, bleibt offen. Das Eigentliche ist verschwunden oder war nie da.

Tangian zeigt, wie Erinnerung arbeitet: nicht dokumentarisch, sondern assoziativ. Das Foto ist der Anlass, nicht der Beweis. Die Geschichte von Barsik – seinem Temperament, seinen Revierkämpfen, seiner Präsenz in der sowjetischen Nachbarschaft – existiert parallel zum Bild, nicht in ihm. Was verblasst ist, sind nicht die Farben, sondern die Eindeutigkeit.

Tangian eröffnet diese Ausgabe mit einer Geste, die zugleich großzügig und präzise ist: Sie gibt das Motiv weiter. Das verfehlte Foto wird zur Methode. Was ein Bild nicht zeigt, kann der Anfang von allem sein.

Auch meine Fotos verhalten sich manchmal so. Das Bild hier zeigt eine Wiese in Paris, zwei Personen, eine davon liegt verrenkt am Boden. Was es nicht zeigt: Notre-Dame. Ich hatte versucht, die Kirche aus einer Perspektive zu fotografieren, die nicht schon tausendfach existiert – eine dieser typisch ehrgeizigen Fotografie-Gesten. Ein Klassenkamerad fand das komisch genug, um sich demonstrativ auf den Boden zu werfen und mich nachzuahmen. Die anderen lachten mit.

In dem Moment fotografierte ich nicht mehr die Kirche, sondern ihn. Das Bild zeigt seinen Spott, die Situation, den Moment, in dem das ursprüngliche Motiv irrelevant wurde. Notre-Dame ist nirgendwo zu sehen, nicht einmal im Hintergrund. Was blieb, ist dieser Mensch auf der Wiese, die Hecke dahinter, das Licht auf dem Gras. Und die Erinnerung daran, wie eine fotografische Ambition in eine Pointe kippte.

Das Foto dokumentiert sein eigenes Scheitern – oder seine eigene Wendung, je nachdem. Es zeigt nicht, was ich sehen wollte, sondern was dazwischenkam. Genau wie bei Barsik.

Bei der Lektüre fiel mir ein Buch ein, das länger nicht mehr gelesen habe: Eine andere Art zu erzählen von john Berger und Jean Mohr.

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