Renate Welsh veröffentlichte ihren Jugendroman „Besuch aus der Vergangenheit“ 1999. Das Buch erschien beim Arena Verlag, später auch in einer Textausgabe mit Unterrichtsmaterialien. Es umfasst etwa 144 Seiten und richtet sich an Leserinnen und Leser ab 12 Jahren.
Die Geschichte beginnt mit einer unerwarteten Begegnung: Als Lena nach Hause kommt, steht eine Frau vor der Tür. Eine von Mutters Klientinnen, denkt Lena und lässt sie ein. Doch Emma Greenburg möchte nur das Haus wieder sehen, in dem sie gelebt hat, als sie so alt wie Lena war. 13 war sie damals, fast 14, und sie hatte das Zimmer, das heute Lena gehört. An ihrem 14. Geburtstag war Emma bereits auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Sie ist aus Kanada angereist – es ist ihr erster Besuch seit damals.
Die heimkommende Mutter bietet der Besucherin Tee an. Als die Großmutter dazukommt, reagiert sie barsch: Einmal müsse Schluss sein. Warum benimmt sich die Oma, die sonst immer schrecklich höflich ist, Frau Greenburg gegenüber so schroff? Sie hätten die Wohnung erst 1963 gekauft, sagt sie. Schluss womit – das versucht Lena herauszufinden. Hat die Oma am Ende etwas zu verbergen?
Als Lena Emma zufällig im Museum trifft, entwickelt sich eine vorsichtige Annäherung zwischen den beiden. Emma ist für einige Tage in der Stadt. Durch die Gespräche beginnt Lena, sich mit Emmas Geschichte auseinanderzusetzen und zu verstehen, dass auch ihre Mutter und Großmutter vom Besuch aus der Vergangenheit nicht unberührt bleiben können.
Erzählstruktur
Welsh arbeitet mit mehreren Stimmen. Neben Lenas Perspektive kommen auch die Mutter, eine stets beschäftigte Alleinerzieherin, und die Großmutter zu Wort, die meist eher verbittert wirkt. Diese verschiedenen Generationen liefern unterschiedliche Blickwinkel darauf, was Erinnerung bedeutet und wie familiäre und gesellschaftliche Erfahrungen von Geschichte verarbeitet werden.
Themen
Das Buch verknüpft die historische Begegnung mit Gegenwartsfragen: Wie lange besteht Mitschuld? Wie geht eine jüngere Generation mit Erinnerung an Vertreibung, Verlust und Enteignung um? Lena, die zunächst wenig über die NS-Zeit weiß, beginnt durch den Kontakt zu Emma, ihre Umgebung wacher zu beobachten. Sie wird sensibler für kleine Ungerechtigkeiten und erlebt ein Stück persönlicher Politisierung.
Welsh hat um die Schuldfrage herum aktuelle Ereignisse platziert – eine zeitgenössische Rezension erwähnt, dass das Buch knapp vor einer neuen Regierung erschien, vermutlich bezogen auf die österreichische Regierungsbildung im Jahr 2000.
Rezeption
Eine zeitgenössische Besprechung würdigt die Charakterzeichnung Lenas als gelungen: ihr einsilbiges, mürrisches, unsicheres Verhalten mache die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit glaubhaft. Kritisiert werden hingegen einzelne sentimentale Formulierungen – etwa „tanzende Falten“ oder die Darstellung, dass gerade die jüdische Familie am fröhlichsten lache. Diese Stellen werden als „überflüssiges Gutschreiben“ bezeichnet, das die Geschichte nicht brauche.
Das Buch wurde als Diskussionsgrundlage für den Deutsch- und Geschichtsunterricht empfohlen und entsprechend in schulischen Kontexten eingesetzt.
Einordnung
„Besuch aus der Vergangenheit“ ist keine reine historische Nacherzählung, sondern schlägt über die Erfahrung einer Begegnung die Brücke zwischen historischen Ereignissen und individueller Gegenwart. Welsh arbeitet mit unterschiedlichen Generationen und Sichtweisen und stellt die Frage nach Verantwortung und Erinnerung in die Mitte der Erzählung.
Zur Autorin
Renate Welsh wurde 1937 in Wien geboren. Ihre Mutter starb, als Welsh vier Jahre alt war; sie wuchs bei den Großeltern auf. Die Autorin hat ihre Kindheit wiederholt als unglücklich bezeichnet – geprägt durch den frühen Verlust geliebter Bezugspersonen, diffuse Schuldgefühle und das Erleben des Zweiten Weltkriegs. Schon früh begann Welsh, Erlebtes durch Schreiben zu verarbeiten.
Seit 1975 arbeitet Welsh als freiberufliche Schriftstellerin. Sie hat über 80 Bücher publiziert, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. 1980 erhielt sie für den Jugendroman „Johanna“ den Deutschen Jugendliteraturpreis, mehrfach den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis (unter anderem 2003 für „Dieda oder Das fremde Kind“) und 1992 den Österreichischen Würdigungspreis für ihr Gesamtwerk.
Welsh ist vor allem für ihre realistische Kinder- und Jugendliteratur bekannt, die soziale Missstände hervorhebt und Tabuthemen angeht. Ihre Werke sind meist sozialkritisch und zeithistorisch ausgerichtet und stellen Kindheit nicht als Idyll, sondern als problembehaftete Zeit dar. Welsh bindet eigene Kindheitserfahrungen in ihre Literatur ein und bevorzugt es, über Bekanntes oder umfangreich Recherchiertes zu schreiben.
-

Gesperrte Ablage – Ines Geipel & Joachim Walther
Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften.…
-

Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee
3–4 MinutenAnnähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
-

Olga Benario Prestes: Literarisches Porträt und Nachleben
4–6 MinutenTätigkeit als Autorin | Olga Benario verfasste 1929 in Moskau die Schrift „Berlinskaja komsomolija“ (Der Berliner kommunistische Jugendverband), die auf Russisch erschien. 2023 erschien dieser Text erstmals auf Deutsch unter dem Titel „Berliner Kommunistische Jugend“ in deutscher Übersetzung von Kristine Listau beim Verbrecher Verlag. Das Werk beschreibt den Alltag der Kommunistischen Jugend in Berlin-Neukölln mit…
-

Ille Chamier und Stella Avni
2–3 MinutenIm Zentrum von Ille Chamiers Gedicht steht die Figur der Schauspielerin Stella Avni – eine heute nahezu vergessene Künstlerin, deren Lebensspuren sich nur rudimentär rekonstruieren lassen. Gesichert ist: Sie wurde 1921 im damals rumänischen Czernowitz (Bukowina) geboren, jener multikulturellen Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer hervorgingen. Stella Avni war jüdischer Herkunft und…
-

Unbeirrt subjektiv sein
4–6 MinutenEin literarischer Essay zu Kurt Martis Subjektivität „Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.“ – Kurt Marti Was soll das heißen – „unbeirrt subjektiv sein“? Ist Subjektivität nicht genau das, was wir in rationalen Diskursen zu überwinden suchen? Je länger ich über Martis Worte nachdenke, desto…
-

Heil
2–3 MinutenAnnähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten. Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht Schon…
-

Das erste Buch: Eine Anthologie über literarische Debüts
2–3 MinutenRenatus Deckerts „Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt“, erschienen 2007 im Suhrkamp Verlag, ist eine Anthologie, die sich der Bedeutung des ersten veröffentlichten Werks von Autoren widmet. Für dieses Projekt bat Deckert fast einhundert deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Gedanken und Erfahrungen zu ihrem Debüt in einem Text zu formulieren, oft Jahrzehnte nach…
-

Ein rotes Kreuz, das sein Schicksal besiegelt.
3–4 MinutenSasha Filipenko | Rote Kreuze. Ein Roman Sachbücher mag ich eher selten. Lieber ist es mir, Wissen aus fundiert recherchierten Romanen zu sammeln. Da geschieht meist eher unbewusst, leicht und nachhaltiger, weil ich für dieses dann eine Verknüpfung habe. Wie viel man für sich mitnehmen kann, hängt vom Lesestoff ab. Das Buch, welches ich hier…
-

Kurt Marti | Zärtlichkeit und Schmerz
4–6 Minuten«Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.» Kurt Marti Dieses Buch von Kurt Marti aus dem Jahre 1979 trägt den Titel : Zärtlichkeit und Schmerz | Notizen. Die Formulierung wirkt auf eine überraschende, fast provokative Art emotional und subjektiv, was umso mehr auffällt, als der Autor sonst…
-

Otto F. Walter – Wie wird Beton zu Gras
3–5 MinutenOtto F. Walters Roman Wie wird Beton zu Gras? (erstmals 1979 erschienen, hier in der Rororo-Taschenbuchausgabe von 1988 vorliegend) wird zur ökologischen Literaturbewegung der späten 1970er Jahre gezählt. Im Zentrum steht der Stadtplaner Viktor B., ein zerrissener Antiheld, der täglich an der Transformation natürlicher Landschaften in betonierte Stadt- und Industrieflächen mitwirkt. Sein Beruf steht im fundamentalen Konflikt mit seinem wachsenden…
-

Wenn die Hände denken.
4–6 MinutenDu musst deinem Leben Hände geben. Das Gedicht „RATLOS„von Jürgen Völkert-Marten schlägt mir entgegen wie eine kalte Wand. Eine Litanei des Erstickens: Strick. Pistole. Schlaftabletten. Eine Aufzählung von Auswegen, die keine sind, sondern Sackgassen, Abgründe. Ausreißen. Neu anfangen. Schluß machen. Leben fortwerfen. Die Verzweiflung ist greifbar in ihrer sprachlichen Kargheit. Keine Bilder, nur nackte Substantive, Verben des Endens oder…
-

Kurt Schumacher – Fallender
6–8 MinutenDer Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942) schuf eine männliche Figur im Moment des Falls. (Im Stil des Expressionismus?) aufgerichtet und die Arme emporreißend, zeigt die Skulptur eine tiefe Wunde in Herzhöhe. Aus ihr strömt Blut, das sich wie ein stilisiertes Gewand um die Hüften legt, die Scham des nackten Körpers bedeckt und an den Beinen hinunterfließt.…
-

Widerstand als ethische Grammatik
in Bodenhaftung2–3 MinutenErgänzung zu Kurt Schumachers Fallender | Einige zeitgenössische Texte und künstlerische Positionen, die Kurt Schumachers Skulptur und den Widerstandsgedanken neu reflektieren. Hier eine Auswahl mit Schwerpunkt auf jüngeren Werken (ab 2000): Widerstand als ethische Grammatik Uwe Kolbe: „Der Gott der Frechheit“ (2021)Kolbes Gedichtzyklus verbindet historische Widerstandsfiguren mit aktuellen Protestformen. Die Zeile „Die aufrechte Krümmung des…
-

Fast verlorene Stimmen
in Bodenhaftung2–3 MinutenImmer wieder beschäftigt mich: Wie kann ich als Blogger einen wirklich essenziellen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten? Mein Weg führt mich dahin, das künstlerische Potential der Ermordeten sichtbar zu machen. Kurt Schumacher ist für mich dabei mehr als ein Beispiel – er ist ein Schlüssel. Ich möchte verlorene Kunstwerke als kulturelle Leerstellen begreifbar machen. Nehmen wir Schumachers „Der Stürzende“ (1935).…
-

Im Gedenken auf Distanz
in Bodenhaftung2–3 MinutenGedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus und anderer Verbrechen verwenden vielfältige, oft mehrschichtige Methoden des Erinnerns, die sich aus ihrer Funktion als Orte der Trauer, Bildung und historischen Dokumentation ergeben. Die folgenden Ansätze basieren auf aktuellen Konzepten der Gedenkkultur und dienen mir als Orientierung, mich mit diesem komplexen Materielle Spuren und bauliche Zeugnisse Authentische Relikte: Konservierte…
-

Renatus Deckert – Plötzensee
2–4 MinutenDas Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch.…

