Ausgangspunkt ist das Gedicht Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung von Safiye Can
Warum der Kampf gegen das Patriarchat dominiert – und warum das nicht das Ende der Debatte sein muss
Der feministische Diskurs kreist heute unübersehbar um einen Begriff: das Patriarchat. Für viele Männer wirkt das wie ein Generalangriff – als würden sie pauschal zu Unterdrückern erklärt, obwohl sie sich selbst als Opfer desselben Systems erleben. Warum also dieser Fokus? Und wo bleibt die Anerkennung männlicher Verletzlichkeit?
Das Patriarchat ist kein Männerclub, sondern ein System
Das Missverständnis beginnt beim Wort selbst. „Patriarchat“ bedeutet nicht „alle Männer herrschen“, sondern beschreibt eine historisch gewachsene Struktur, die:
Männlichkeit als Norm setzt („Frauentechnikerin“, „Männerweinen nicht“),
Macht ungleich verteilt (Lohngefälle, politische Repräsentation),
Rollen zementiert (Frauen als Fürsorgerinnen, Männer als Ernährer).
Das Paradox: Auch Männer leiden darunter – etwa wenn sie als „unmännlich“ gelten, weil sie Elternzeit nehmen. Doch der Widerstand dagegen formiert sich oft unter feministischen Vorzeichen. Warum?
Die Asymmetrie der Betroffenheit
Frauen waren jahrhundertelang rechtlich benachteiligt (kein Wahlrecht, kein Konto, kein Körperrecht). Der feministische Kampf richtet sich daher zuerst gegen diese historische Schieflage. Männliches Leid wird sichtbarer, sobald das System bröckelt – etwa durch:
Väter, die um Sorgerecht kämpfen (weil Gerichte Mütter bevorzugen),
Jungs, die unter Leistungsdruck zerbrechen („Sei stark!“).
Doch diese Themen werden selten unter #PatriarchyIsOver diskutiert – nicht, weil sie unwichtig sind, sondern weil der Rahmen hier weibliche Perspektiven priorisiert.
Die Sprachlücke der Männer
Männer, die über patriarchale Verletzungen sprechen, stehen vor einem Dilemma:
Feministische Räume sind oft nicht der Ort dafür (zu Recht – es geht um marginalisierte Stimmen).
Männerbünde reproduzieren oft toxische Muster („Indianer weinen nicht!“).
Resultat: Eine Debatte, die polarisiert – zwischen „Männer sind Täter“ und „Männer sind auch Opfer“.
Wie wir aus der Falle herauskommen
Die Lösung liegt weder in Abwehr noch in Selbstbezichtigung, sondern in differenzierter Solidarität:
Anerkennen, dass das Patriarchat alle deformiert – aber auf unterschiedliche Weise.
Eigene Räume schaffen, um männliche Verletzlichkeit zu thematisieren – ohne Feminismus zu torpedieren.
Brücken bauen: Feministinnen wie Laurie Penny betonen längst, dass Befreiung nur gemeinsam geht.
Ein Gedankenexperiment zum Schluss:
Stell dir vor, das Patriarchat ist ein Haus, in dem wir alle wohnen. Die Frauen kämpfen dafür, die Mauern einzureißen, die sie im Keller einsperren. Du als Mann sitzt im ersten Stock – frei herumzulaufen, aber bei offenem Fenster erkältest du dich trotzdem. Anstatt dich über ihre Lärmbelästigung zu beschweren, könntest du fragen: „Wie reißen wir das ganze Haus gemeinsam ein – und bauen etwas Neues?“
„Wie können wir über das Patriarchat sprechen, ohne in die ‚Täter-Opfer‘-Falle zu tappen? Schreibt es mir in die Kommentare.“
Zitat zum Mitnehmen:
„Feminismus ist nicht da, um Männer zu entmachten – sondern um alle von engen Rollen zu befreien.“
– Chimamanda Ngozi Adichie
Aktiv:
Höre zu – etwa beim Podcast „Auf den Schultern von Gigantinnen“ (feministische Perspektiven).
Sprich dein Leid an – in Männergruppen oder Blogs wie „Männerdämmerung“.
Handele – unterstütze Initiativen, die Rollenbilder für alle aufbrechen (z. B. Pinkstinks).
„Patriarchat“ dominiert den Diskurs
Wissenschaftliche Definition
Soziologie (Connell, 1987): Das Patriarchat ist ein „Geflecht aus Machtbeziehungen“, das Männlichkeit als Norm setzt und Frauen strukturell benachteiligt (inkl. nicht-binärer Personen).
Historischer Fakt: Bis 1977 durften Ehemänner in der BRD ihre Frauen vergewaltigen (§177 StGB). Solche Gesetze prägen bis heute Machtverhältnisse.
Popkulturelle Verstärkung
Serien wie The Handmaid’s Tale zeigen patriarchale Unterdrückung drastisch – und lösen Debatten aus.
Gegenbewegung: Männerrechtler nutzen YouTube (z. B. „Die diskriminierten Männer“), was die Polarisierung verschärft.
Psychologische Wirkung
„Defensive Masculinity“ (Wissenschaftsjournal Men and Masculinities, 2019): Männer, die sich als „Opfer“ des Feminismus sehen, reagieren oft aggressiv – weil das System ihnen vormacht, dass Schwäche bedrohlich ist.
-
Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen
Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt, in Säcke gesteckt und mit Stöcken unter Wasser…
-
BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela
Annäherung an ein grausames Gedicht | Der Titel wirkt harmlos medizinisch: „Beckenendlage“. Ein Begriff aus der Geburtshilfe – das Kind liegt mit Füßen oder Gesäß voran im Mutterleib, eine riskante Position. Doch im Gedicht führt dieser Titel nicht in den Kreißsaal, sondern ins Wasser: zu einem „Ertränkungsbecken“ in Island. Dieses Gedicht habe ich der WORTSCHAU…
-
Jane Wels‘ Sandrine
Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…
-
Ille Chamier – Lied 76
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
-
Frauen lesen & schreiben anders
Das meint keine biologische Kategorie, sondern Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die Welt nicht als gegeben hinnehmen, sondern sie neu erzählen – mit Zärtlichkeit,…
-
Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid
Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…
-
Warum ich eine „vergessene“ Literatin & Künstlerin sichtbar machen möchte
Von meiner Tochter wurde ich gefragt, warum ich mich auf meinem Literaturblog einer Autorin widme, die der breiten Öffentlichkeit heute kaum noch bekannt ist: Ille Chamier. Eine Frau, die seit Jahrzehnten nicht mehr in Verlagen publiziert hat und deren gedruckte Werke rar sind. Abgesehen von zwei Verlagsbüchern hat Ille Chamier ihre Texte überwiegend im Selbstverlag…
-
Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.
Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…
-
Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…
3 Minuten—
Von
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…
-
Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Schreibe einen Kommentar