Der versiegelte Engel | Der Titel geht auf eine Erzählung des russischen Schriftstellers Nikolai Leskow (1831–1895) zurück. Sie erschien erstmals 1873.
Im Mittelpunkt steht eine Gruppe russischer Altgläubiger, die ihren Glauben trotz staatlicher und kirchlicher Repressionen bewahren will. Ihr kostbarster Besitz ist eine alte Ikone mit der Darstellung eines Engels.
Die Ikone wird von staatlichen Beamten beschlagnahmt. Das Gesicht des Engels wird mit einem Siegel aus heißem Lack überzogen – der Engel ist gewissermaßen geblendet und das Bild dadurch entweiht und unzugänglich gemacht.
Die Geschichte erzählt, wie die Gläubigen versuchen, ihre Ikone zurückzubekommen und das Bild zu retten. Es geht dabei nicht allein um den Besitz eines Kunstwerks. Für die Menschen ist die Ikone ein Gegenstand lebendiger religiöser Beziehung.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Die Ikone ist für sie nicht bloß ein Bild, das an etwas Heiliges erinnert. Sie ist Teil ihrer religiösen Wirklichkeit.
Das Spannende an der Auswahl ist, dass Ikonen hier nicht einfach als kunsthistorische Objekte erscheinen. Sie sind Schnittstellen zwischen Kunst, Religion, Geschichte und menschlicher Erfahrung. Drei Themen liegen dabei besonders nahe:
Das Bild und das Heilige: Was macht ein Bild zu mehr als einem Bild? Liegt seine Bedeutung in der Darstellung, in seiner Geschichte oder in der Beziehung der Menschen zu ihm?
Das Bewahren und das Verändern: Eine Ikone wird überliefert, kopiert, beschädigt, restauriert und verehrt. Was bleibt dabei erhalten – und was verändert sich?
Glaube und Institution: Die Erzählung von Leskow zeigt einen Konflikt zwischen einer religiösen Gemeinschaft und den staatlichen beziehungsweise kirchlichen Autoritäten, die über ihre Glaubenspraxis bestimmen wollen. Gerade dieser Aspekt macht Leskows Geschichte komplexer, als eine bloße Legende über ein wundertätiges Bild vermuten lässt.
Was ich an dem Buch besonders interessant finde
Wenn man das Buch nicht nur als Sammlung religiöser Geschichten liest, sondern als Zugang zu einer fremden Bild- und Vorstellungswelt, entstehen einige weiterführende Gedanken:
Ein Bild ist nicht nur das, was man sieht.
Eine Ikone besitzt eine materielle Gestalt, aber auch eine Geschichte, eine Verwendung und einen Platz im Leben einer Gemeinschaft. Wie verändert sich unser Blick, wenn wir all das mitsehen?
Kann eine Kopie dasselbe sein wie das Original?
Leskows Erzählung macht die Unterscheidung zwischen Original, Kopie und Wiederherstellung konkret. Für die Kunstgeschichte ist das eine Frage der Authentizität; für die Gläubigen steht zusätzlich die religiöse Bedeutung des Bildes auf dem Spiel.
Wem gehört ein überliefertes Bild?
Dem Eigentümer, der Kirche, der Gemeinschaft, die es verehrt, oder einer Institution, die es verwahrt? Der Konflikt um die Ikone ist auch ein Konflikt darüber, wer die Deutungshoheit besitzt.
Um die religiöse Bedeutung der Ikone in Nikolai Leskows Der versiegelte Engel zu verstehen, muss man drei Dinge zusammen betrachten: das orthodoxe Verständnis von Ikonen, die besondere Situation der Altgläubigen im Russland des 19. Jahrhunderts und die konkrete Rolle, die das Bild des Engels in der Erzählung spielt.
Der entscheidende Punkt ist: Für die Altgläubigen ist die Ikone nicht bloß eine Darstellung des Heiligen. Sie ist ein materieller Gegenstand, durch den sie sich in einer wirklichen Beziehung zum Heiligen wissen. Das bedeutet nicht, dass sie das Holz und die Farbe mit Gott gleichsetzen. Es bedeutet, dass das Bild für sie eine religiöse Gegenwart vermittelt, die über das Sichtbare hinausgeht.
Was ist eine Ikone im orthodoxen Glauben?
Das deutsche Wort „Bild“ führt leicht in die Irre. Wenn wir ein gemaltes Porträt betrachten, unterscheiden wir selbstverständlich zwischen dem Bild und der dargestellten Person. Das Bild ist deren Abbild, aber nicht die Person selbst.
In der orthodoxen Tradition ist diese Unterscheidung ebenfalls vorhanden. Allerdings wird sie durch eine besondere Vorstellung von religiöser Beziehung ergänzt: Die Ikone ist ein Ort, an dem sich der Gläubige dem Dargestellten zuwendet und dessen Heiligkeit vergegenwärtigt.
Diese Auffassung beruht auf einer zentralen theologischen Überlegung: Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden und damit sichtbar in die materielle Welt eingetreten.
Wenn Gott sich in menschlicher Gestalt zeigen konnte, so die Argumentation der orthodoxen Ikonentheologie, ist es nicht grundsätzlich falsch, Christus bildlich darzustellen. Die Ikone bezeugt vielmehr die Menschwerdung Gottes.
Diese Frage war in der christlichen Geschichte heftig umstritten. Im Jahr 787 bestätigte das Zweite Konzil von Nicäa die Verehrung von Ikonen und unterschied dabei zwischen der Verehrung eines Bildes und der Anbetung, die allein Gott gebührt.
Der Theologe Johannes von Damaskus formulierte den Gedanken, dass die dem Bild erwiesene Verehrung auf das Urbild übergeht. Das heißt: Die Verehrung gilt nicht dem Holz als Holz, sondern Christus, Maria oder dem Heiligen, der auf der Ikone dargestellt ist. Eine grundlegende Unterscheidung:
Das Material: Holz, Grundierung, Pigmente und gegebenenfalls Metallbeschläge.
Das Bild: die Darstellung einer heiligen Person oder eines Engels.
Der religiöse Bezug: die Hinwendung des Betrachters zu dem Dargestellten und damit zu einer Wirklichkeit, die über das Bild hinausgeht.
Die Ikone ist also weder bloße Illustration noch ein Gegenstand, dem unabhängig von seinem religiösen Bezug magische Kräfte zugeschrieben werden müssen. Ihre Bedeutung entsteht aus dem Zusammenspiel von Darstellung, Überlieferung, Glauben und Verehrung.
Warum gerade die Altgläubigen so eng an ihren Ikonen festhalten
Die Altgläubigen – russisch Staroobrjadzy – sind keine eigene Religion, sondern Gemeinschaften, die sich im 17. Jahrhundert von der russisch-orthodoxen Kirche trennten. Auslöser waren die Kirchenreformen des Patriarchen Nikon, durch die überlieferte liturgische Bräuche und Texte verändert wurden.
Für die Altgläubigen ging es dabei nicht einfach um die Frage, ob man ein Gebet auf die eine oder andere Weise sprechen sollte. Sie sahen in den überlieferten Riten einen Teil des wahren Glaubens. Wenn die Kirche diese Tradition veränderte, stand für sie die Verlässlichkeit der religiösen Überlieferung insgesamt auf dem Spiel. Die Altgläubigen hielten deshalb an älteren Gebetsformen, liturgischen Praktiken und einer traditionellen Ikonenmalerei fest. Sie wurden über lange Zeit von Staat und offizieller Kirche verfolgt.
Das erklärt, warum eine alte Ikone für sie einen anderen Stellenwert haben konnte als für einen Kunstsammler. Sie verkörperte mehrere Dinge zugleich:
Erstens: die Kontinuität des Glaubens. Die Ikone stammte aus einer als zuverlässig angesehenen religiösen Vergangenheit. Ihre Bildsprache und ihre handwerkliche Ausführung waren Zeugnisse einer Tradition, die man nicht beliebig verändern durfte.
Zweitens: die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Die Altgläubigen in Leskows Erzählung sind wandernde Handwerker. Sie nehmen ihre Ikonen mit, wohin ihre Arbeit sie führt. Die Bilder gehören damit nicht nur zu einem festen Kirchenraum, sondern begleiten die Gemeinschaft durch ihren Alltag. Sie sind Teil ihrer gemeinsamen religiösen Identität.
Drittens: die Erfahrung von Schutz und Beistand. Die Ikone des Schutzengels wird als Begleiterin der Gruppe verstanden. Die Handwerker sehen ihre Arbeit und ihren Zusammenhalt in einer Beziehung zu diesem Engel. Die Ikone erinnert also nicht nur an einen Glaubensinhalt; sie ist für sie ein konkreter Bezugspunkt ihres Vertrauens.
Daraus entsteht eine Verbindung zwischen Religion und Alltag, die aus heutiger Perspektive leicht missverstanden wird. Die Handwerker können ihre Ikone mit sich führen, vor ihr beten und sie verehren, ohne zwischen einem vermeintlich „weltlichen“ Arbeitsleben und einem davon getrennten religiösen Leben scharf zu unterscheiden.
Was bedeutet es, dass der Engel versiegelt wird?
Hier liegt das Zentrum der Erzählung.
Die Handwerker besitzen eine besonders geschätzte Ikone des Schutzengels. Als sie von den Behörden beschlagnahmt wird, wird ein Lacksiegel auf das Gesicht des Engels gesetzt. Das Bild wird dadurch nicht einfach beschädigt: Das Siegel verdeckt ausgerechnet den Teil, über den die dargestellte Person erkennbar wird und dem sich der Betrachter zuwendet. Hier gibt es mehrere Bedeutungsebenen:
Die religiöse Beziehung wird unterbrochen
Die Altgläubigen können die Ikone nicht mehr in der gewohnten Weise verehren. Der Engel ist zwar materiell noch vorhanden, aber sein Antlitz ist verdeckt.
Man kann sich das anhand eines Vergleichs verdeutlichen: Ein Mensch besitzt ein altes Porträt eines geliebten Verstorbenen. Wenn jemand das Gesicht auf diesem Porträt absichtlich übermalt, ist das nicht dasselbe, wie wenn er einen beliebigen Fleck auf der Rückseite des Rahmens anbringt. Der Eingriff trifft den Kern der Beziehung, die das Bild trägt.
Bei der Ikone reicht diese Bedeutung noch weiter, weil der Dargestellte nicht nur eine Person aus der eigenen Vergangenheit ist. Der Engel gehört zur geistlichen Wirklichkeit, auf die sich die Gläubigen verlassen.
Das Siegel wird zum Zeichen staatlicher Macht
Die Beschlagnahmung zeigt, dass eine Behörde darüber bestimmen kann, wo sich die Ikone befindet und wie sie verwendet werden darf. Eine religiöse Gemeinschaft verliert damit die Verfügung über einen Gegenstand, der ihr heilig ist.
Das ist besonders folgenreich, weil die Altgläubigen ohnehin in einem Konflikt mit den religiösen und staatlichen Autoritäten stehen. Die staatliche Verfügung über das Bild berührt damit zugleich ihre Freiheit, ihren Glauben nach der eigenen Überlieferung zu praktizieren.
Die Ikone wird zum Bild der eigenen Lage
Die Altgläubigen erleben sich selbst als Bewahrer einer bedrohten Tradition. Nun wird auch ihr Engel, der sie begleitet, versiegelt und damit ihrer unmittelbaren Verfügung entzogen.
Man kann deshalb eine symbolische Parallele erkennen: Nicht nur das Gesicht des Engels ist verdeckt. Auch die religiöse Tradition der Gemeinschaft wird von außen eingeschränkt und in ihrer Sichtbarkeit behindert.
Diese Parallele ist eine Interpretation der Erzählung, nicht einfach eine wörtliche Aussage der Figuren.
Warum kann man die Ikone nicht einfach durch ein anderes Bild ersetzen?
Wenn eine Ikone nur eine Darstellung wäre, müsste es genügen, ein neues Bild desselben Engels anzufertigen. Die Figuren der Erzählung bemühen sich tatsächlich darum, eine möglichst genaue Kopie herstellen zu lassen. Doch gerade der Aufwand, den sie dafür betreiben, macht deutlich, dass die Sache nicht so einfach ist.
Dabei müssen wir zwei Aspekte auseinanderhalten.
Die religiöse Bedeutung des dargestellten Engels hängt nicht allein davon ab, ob man ein bestimmtes Stück Holz besitzt. Auch eine andere Ikone kann den Schutzengel darstellen und Gegenstand der Verehrung sein.
Die Bedeutung dieser konkreten Ikone ergibt sich jedoch aus ihrer Geschichte, ihrer überlieferten Gestalt und ihrer Rolle im Leben der Gemeinschaft. Sie ist das Bild, mit dem die Handwerker unterwegs waren, vor dem sie gebetet haben und mit dem sie ihre Erfahrungen verbinden.
Eine Kopie kann die Darstellung wiedergeben. Sie besitzt aber zunächst nicht dieselbe materielle Geschichte.
Hinzu kommt in Leskows Erzählung die Frage nach der Qualität der Malerei. Die Herstellung einer Ikone ist keine beliebige Reproduktion. Die traditionelle Ikonenmalerei folgt überlieferten Bildformen und handwerklichen Regeln. Die religiöse Haltung des Malers, seine Sorgfalt und sein Können sind für Leskow eng mit der Herstellung des Bildes verbunden. Die Forschung zu seiner Erzählung hebt gerade diesen Zusammenhang von Glauben und handwerklicher Arbeit hervor.
Das bedeutet nicht, dass eine Ikone allein durch die Frömmigkeit ihres Malers heilig wird. Es bedeutet vielmehr, dass die Herstellung des Bildes selbst Teil einer religiösen Tradition ist.
Leskow führt damit eine Unterscheidung ein, die über die Frage nach dem Original hinausgeht: Was macht ein Bild zu einem angemessenen Träger religiöser Bedeutung? Seine Antwort liegt nicht allein im Motiv. Sie umfasst auch die Art seiner Herstellung, seine Überlieferung und den Umgang mit ihm.
Ist die Ikone tatsächlich wundertätig?
Die Handwerker erleben den Engel als Begleiter und Beschützer. Im Verlauf der Geschichte scheinen Ereignisse diese Vorstellung zu bestätigen. Zugleich zeigt Leskow, wie Menschen religiöse Überzeugungen für eigene Interessen ausnutzen können. Eine Figur versucht, die vermeintliche Verbindung der Gemeinschaft zum Himmel für Geschäfte und persönlichen Gewinn zu verwenden.
Dadurch entsteht eine Frage, die Leskow nicht auf eine simple Formel reduziert: Wie unterscheidet man echte Frömmigkeit von Täuschung, und wie erkennt man den Unterschied zwischen einem religiösen Ereignis und einer menschlich erklärbaren Begebenheit?
Die Ikone ist dabei ein Prüfstein.
Würde man jede ungewöhnliche Erfahrung automatisch als Wunder verstehen, könnte man sich leicht täuschen lassen. Würde man umgekehrt jede religiöse Erfahrung auf bloßen Aberglauben reduzieren, hätte man das Selbstverständnis der Figuren ebenfalls verfehlt.
Die Erzählung hält diese Spannung aufrecht. Die Ikone besitzt für die Handwerker eine religiöse Bedeutung, aber die Ereignisse um sie herum müssen interpretiert werden. Nicht jede Behauptung über ihre Macht ist deshalb glaubwürdig.
Das ist auch der Grund, weshalb die Forschung die Erzählung nicht nur als Verteidigung des Ikonenglaubens liest, sondern auch als Auseinandersetzung mit falschen religiösen Objekten, Täuschung und dem Verhältnis zwischen sichtbaren Dingen und unsichtbarem Glauben.
Der Engel ist mehr als die Ikone
Eine weitere Ebene entsteht durch die Figur des Engels außerhalb des gemalten Bildes.
Die Erzählung führt die Handwerker nicht nur mit ihrer Ikone, sondern auch mit Menschen zusammen, die ihnen auf ihrer Reise begegnen. Besonders wichtig ist der Mönch Pamva. Er verkörpert eine Form christlicher Frömmigkeit, die sich durch Demut, Sanftmut und Liebe auszeichnet.
Pamva stellt die Selbstgewissheit der Altgläubigen infrage. Er warnt davor, sich auf die eigene Wahrheit etwas einzubilden, und verbindet die Vorstellung des Engels mit einer inneren Haltung des Menschen. In seiner Rede wird das Siegel zu einem Bild für etwas, das auch im Menschen selbst verschlossen sein kann: Die Liebe kann dieses Siegel aufbrechen.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Erzählung. Am Anfang steht die Frage, wie die Gemeinschaft ihre Ikone zurückerlangen kann. Im weiteren Verlauf geht es zunehmend auch darum, was es heißt, dem Engel tatsächlich zu folgen.
Ein Mensch kann ein heiliges Bild besitzen und dennoch hochmütig, eigennützig oder lieblos handeln. Umgekehrt kann einem Menschen eine religiöse Einsicht durch eine Begegnung mit jemandem zuteilwerden, der gar nicht als Engel erscheint.
Die Ikone und der lebendige Mensch stehen deshalb nicht einfach in Konkurrenz. Vielmehr stellt Leskow die Frage, ob sich die religiöse Bedeutung des Bildes auch in der Lebensführung derjenigen zeigt, die es verehren.
Was bedeutet der Titel auf einer tieferen Ebene?
Der Titel Der versiegelte Engel lässt sich auf mindestens drei Ebenen lesen.
Die sichtbare Ebene
Das Gesicht des Engels auf der Ikone wird durch das Lacksiegel verdeckt. Ein heiliger Gegenstand wird gewaltsam seiner gewohnten Verwendung entzogen.
Die geschichtliche Ebene
Die Versiegelung steht für die Einschränkung einer Gemeinschaft, die an ihrer religiösen Überlieferung festhält. Das Bild wird zum Gegenstand eines Konflikts um Glauben, Autorität und Selbstbestimmung.
Die geistliche Ebene
Das Siegel kann auch für die Verschlossenheit des Menschen stehen. Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur, ob das Bild wieder sichtbar wird, sondern ob die Menschen lernen, dem Engel in einem tieferen Sinn zu folgen – durch Demut, Liebe und Vertrauen.
Diese letzte Ebene verändert auch den Blick auf den Schluss der Erzählung. Die Rückkehr der Gemeinschaft in die offizielle orthodoxe Kirche ist Teil von Leskows literarischer Gestaltung und sollte nicht einfach mit der historischen Wirklichkeit aller Altgläubigen gleichgesetzt werden. Der Text stellt die Überwindung des Konflikts in eine bestimmte religiöse Richtung dar. Seine Vorstellung von Versöhnung ist deshalb auch eine Aussage über Leskows eigenes Verhältnis zur orthodoxen Kirche.
Die Ikone ist in Der versiegelte Engel kein austauschbares religiöses Dekor. Sie bündelt den Glauben, die Erinnerung, die handwerkliche Tradition und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Ihre Beschlagnahmung trifft deshalb nicht nur einen Gegenstand, sondern eine ganze Lebensordnung.
Gleichzeitig lässt Leskow es nicht dabei bewenden, die Verehrung der Ikone als solche zu bestätigen. Er fragt auch, was aus dem Glauben wird, wenn Menschen ihn für sich beanspruchen, mit ihm prahlen oder ihn für eigene Zwecke benutzen.
Die vielleicht wichtigste Unterscheidung lautet daher für mich: Ein heiliger Gegenstand zu besitzen ist nicht dasselbe, wie in seinem Sinn zu leben. Der Engel kann auf einem Bild dargestellt sein – aber ob seine Gegenwart im Leben der Menschen wirksam wird, entscheidet sich in der Erzählung auch daran, wie sie miteinander umgehen. (Was mich daran erinnert, dass ich auf einem Flohmarkt eine Menora erstanden habe.)
Bibliographischer Angaben
Der versiegelte Engel
Erzählungen zu Ikonen | Mit farbigen Abbildungen
Herausgegeben von Angela Martini-Wonde
insel taschenbuch 1988
Die Erzählungen im Band:
Legende zur: Nicht von Menschenhand gemachten Christusikone
Die Taufe Wladímirs des Heiligen und des Volkes von Kiew
Vom Ikonenmaler Alimpij
Awwakum, Vierte Unterweisung: Über die Ikonenmalerei
Nikolai Leskow, Der versiegelte Engel

