Dieser Band kam aus dem Antiquariat. Dabei läuft die horen seit einiger Zeit im Abo — das aktuelle Heft liegt neben dem Schreibtisch. Aber dieser hier, der 250., ist ein anderes Ding: eine Ausgabe, die innegehalten hat. Die sich umgedreht und auf das geschaut hat, was sie selbst ist.
Seit 1955 erscheint die Zeitschrift — der Titel in bewusster Anlehnung an Schillers „Die Horen“ von 1795, aber ohne Großschreibung, ohne den pathetischen Gestus. Kurt Morawietz gründete sie mit dem Ziel, ein „Sammelbecken der unterschiedlichsten Zeitströmungen“ zu schaffen. Heft 250 erschien 2013, Jahrgang 58. Es ist der Moment, in dem eine Publikation alt genug ist, um auf sich selbst zurückzublicken — und jung genug, um noch nicht fertig zu sein.
die horen, Nr. 250 — Pressкöter und Tintenstrolche! LiteraturZeitSchriften Hg. Sascha Feuchert / Jürgen Krätzer — Wallstein Verlag Göttingen, 2013 — über 300 Seiten
Was der Band versammelt
52 Beiträge auf über 300 Seiten. Autorinnen und Autoren, Herausgeber, Redakteurinnen, Kritiker. Kein einheitlicher Ton, keine Apologie des Mediums — eher eine Bestandsaufnahme, die ihre eigene Unvollständigkeit in Kauf nimmt. Die acht Rubriken folgen einer groben historischen Linie: von der Jahrhundertwende bis zu digitalen Gegenwartsprojekten, von deutschsprachigen Heften bis zu Magazinen aus Korea, Island, Bulgarien.
Uwe Kolbe schreibt über Zeitschriften als Zeitdokumente: Publikationen, die ihre Entstehungszeit in Sprache und Themen tragen und später selbst zu Chroniken literarischer Gegenwart werden. Das ist ein Gedanke, der sich über den Band legt wie ein stilles Thema — nicht ausgesprochen, aber durchgehend spürbar.
Inoffizielle Szenen, stille Kanäle
Kerstin Hensel und Matthias Biskupek erinnern sich an Zeitschriften der inoffiziellen literarischen Szene in der DDR. Diese Passagen gehören zu den dichtesten des Bandes — nicht weil sie Vergangenheit dokumentieren, sondern weil sie zeigen, was eine Zeitschrift sein kann, wenn sie nicht auf institutionelle Unterstützung zählen kann: ein Ort des Durchhaltens, ein Medium des Lesens-trotzdem.
Daneben stehen Exilzeitschriften, die während des Zweiten Weltkriegs in Amsterdam, Prag, Peking erschienen — die „Dschunke“ wird erwähnt. Auch das: Zeitschriften als Form des Weiterexistierens unter Bedingungen, die das nicht vorsehen.
Eine Zeitschrift über Zeitschriften
Was diesen Band von einem Handbuch unterscheidet: Er ist selbst eine Ausgabe der horen. Er unterliegt denselben Bedingungen wie jedes andere Heft — begrenzter Platz, Auswahl, Redaktion, die Position der Herausgeber. Das Selbstreflexive hier ist kein Meta-Kommentar von außen, sondern findet innerhalb des Mediums statt, das untersucht wird.
Michael Braun, Martin Lüdke und Kurt Drawert schreiben über begrenzte Leserschaften, finanzielle Rahmenbedingungen, neue Formen der Distribution. Ulla Hahn schickt einen fiktiven Brief an Friedrich Schiller. Am Ende des Bandes stehen zeitgenössische Stimmen aus Schillers Umfeld, die dessen „Horen“ kritisch kommentieren — ein historisches Echo, rückwärts eingeblendet.
Als Nachschlagewerk und Fundstelle
Der Band funktioniert als Einstieg in eine Landschaft, die sonst schwer zu überblicken ist. Wer sich für Literaturzeitschriften interessiert — ihre Geschichte, ihre Bedingungen, ihre geographische Streuung — findet hier viele Ansätze für weiteres Lesen und Recherchieren. Hans Thill über das französisch-maghrebinische Magazin „Intersignes“. Ein Gespräch mit Klaus Wagenbach über den „Freibeuter“. Helmut Böttiger erinnert sich an das Freiburger „Das Nachtcafé“.
Dass die Momentaufnahme von 2013 stammt — also bereits gut zehn Jahre alt ist — macht sie nicht weniger brauchbar. Was sich verändert hat (Digitalisierung, Plattformen, Finanzierungsmodelle), ist dokumentiert als damaliger Stand. Was sich nicht verändert hat, zeigt sich umso deutlicher.
LektüreNotizen
Ich habe mit einer Recherche angefangen. Bibliographische Daten, Struktur der Ausgabe, wer hat was geschrieben. Das Ergebnis war ordentlich und klang nach gar nichts. Dann kam Nadja Küchenmeister.
Sie schätzt W.G. Sebald. Das war der erste Anknüpfungspunkt. Und dann: Sie erzählt. Sie erklärt nicht, was eine Literaturzeitschrift ist oder sein soll — sie zeigt, was eine Zeitschrift mit ihr gemacht hat, in einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort. Der Beginn der Literaturen fiel mit ihrer Ausbildungszeit am Literaturinstitut Leipzig zusammen. Das ist kein Zufall als Einstieg, das ist eine Haltung.
Drei Stimmen — eine Frage
Die Ausgabe 250 der horen versammelt 52 Beiträge — ausschließlich von Menschen aus dem Literaturbetrieb. Das war Absicht, das ist auch Nabelschau. Der Betrieb befragt sich selbst. Stimmen von außen, Lesende ohne Branchenausweis, kommen nicht vor.
Küchenmeister, Marko Martin, Uwe Kolbe — drei Beiträge, die ich bisher am genauesten gelesen habe, mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Kolbe hätte aus seiner DDR-Erfahrung schöpfen können. Er bleibt farblos. Martin schreibt über eine Zeitschrift, die nicht seine eigene Zeit war — Der Monat, Westberlin, Kalter Krieg — und trotzdem trägt es. Er plaudert, niveauvoll, bringt so viele Informationen ein, dass ich beim Lesen kaum hinterherkomme. Aber der Rhythmus hält mich. Bei Küchenmeister ist es etwas anderes: Sie zeigt, dass Literatur im realen Leben bewegt. Sie behauptet das nicht. Sie zeigt es. Und nicht schwarz-weiß, sondern im Sowohl-als-auch.
Was macht einen Text über eine Zeitschrift tragfähig? Die biografische Nähe zum Stoff ist es offenbar nicht. Kolbe ist der Beweis.
Offene Fäden
— Noch nicht alle Beiträge gelesen. Was kommt noch?
— Die internationale Rubrik: Zeitschriften aus Griechenland, Russland, Polen, Bulgarien, Island, Korea, China. Das interessiert mich mehr als die deutschen Binnenschau.
— Exilzeitschriften im Zweiten Weltkrieg — Amsterdam, Prag, Peking. Was bedeutet eine Literaturzeitschrift unter diesen Bedingungen?
— Der fiktive Brief von Ulla Hahn an Schiller am Ende der Ausgabe. Lesen.
Literaturen, die Zeitschrift die Küchenmeister vorstellt, werde ich trotzdem nicht lesen. 2009 eingestellt, und was ich höre: zu glatt, zu Feuilleton, zu Mainstream-Betrieb. Küchenmeister sagt das selbst — Mainstream, manchmal seicht. Sie hat darüber hinweggesehen, eine ganze Weile, wegen Sebald. Das ist ein ehrlicher Grund. Und ein guter Satz.
— Weiterlesen, dann weiterdenken.
