Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989
Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag
Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften. Es geht nicht um Randfiguren, sondern um ein systematisch erzeugtes literarisches Niemandsland: um Texte, Manuskripte und Autorinnen und Autoren, die aus politischen Gründen aus dem öffentlichen Literaturbetrieb ausgeschlossen wurden.
Der Titel ist programmatisch. Die „gesperrte Ablage“ bezeichnet sowohl einen administrativen Vorgang, als auch ein Verfahren kultureller Aussonderung. Literatur, die nicht den ästhetischen und ideologischen Vorgaben entsprach, wurde archiviert, beschlagnahmt oder schlicht zum Verschwinden gebracht. Damit verschwand nicht nur der Text, sondern auch seine Möglichkeit, Wirkung zu entfalten. Gesperrte Ablage macht sichtbar, wie umfassend dieser Mechanismus funktionierte – von den frühen Nachkriegsjahren bis zum Ende der DDR.
Das Buch ist dokumentarisch angelegt. Es verbindet historische Analyse mit biografischen Fallstudien und archivgestützter Recherche. Geipel und Walther greifen auf Stasi-Akten, Nachlässe, unveröffentlichte Manuskripte und Korrespondenzen zurück. Sichtbar wird eine literarische Parallelwelt: experimentelle Prosa, moderne Lyrik, politisch unbequeme Texte, ästhetische Entwürfe jenseits des sozialistischen Realismus. Viele dieser Texte existierten nur im Privaten, in Schubladen, in Abschriften oder als beschlagnahmte Aktenstücke.
Zugleich zeigt das Buch die biografischen Folgen dieser Ausgrenzung. Schreibverbote, Berufsverbote, Überwachung, Haft, erzwungene Anpassung oder innere Emigration prägten die Lebensläufe zahlreicher Autorinnen und Autoren. Literatur erscheint hier nicht als abstrakte Textproduktion, sondern als existenzielle Praxis unter repressiven Bedingungen.
Eine zentrale Stärke von Gesperrte Ablage liegt darin, dass es den etablierten Kanon der DDR-Literatur nicht ergänzt, sondern grundsätzlich infrage stellt. Der bekannte Literaturbetrieb – mit seinen Institutionen, Preisen und „kritischen“ Aushängeschildern – erscheint als selektives System, das Sichtbarkeit regulierte. Das Buch argumentiert implizit: Was wir heute als DDR-Literatur erinnern, ist nur ein genehmigter Ausschnitt. Die unterdrückte Literatur bildet keinen Rand, sondern ein verdrängtes Zentrum.
Besondere Bedeutung kommt dem Nachwort von Ines Geipel zu, das den Blick über die historische Darstellung hinaus öffnet. Hier geht es um die Zeit nach 1989 – und um die Frage, was mit dieser unterdrückten Literatur geschah, als die Zensur formal endete. Geipel macht deutlich, dass Sichtbarkeit nicht automatisch mit politischer Freiheit einsetzt. Viele Texte blieben weiterhin unbeachtet, viele Autorinnen und Autoren fanden kein Publikum, keine Verlage, keine Resonanz.
Exemplarisch verweist Geipel auf die späte Anerkennung von Helga Schubert, die 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Diese Auszeichnung markiert keinen individuellen Glücksfall, sondern verweist auf eine verschobene Rezeptionsgeschichte. Jahrzehntelang existierten diese Texte ohne Öffentlichkeit. Geipel formuliert das pointiert: Texte existieren erst dort, wo sie gelesen werden. Schreiben braucht Publikum. Die Unveröffentlichten hatten Texte, aber kein Publikum.
Das Nachwort schärft damit den Blick für Rezeption als historischen Prozess. Es reicht nicht, Archive zu öffnen oder Manuskripte zugänglich zu machen. Literatur muss gelesen, eingeordnet, diskutiert werden. Die „gesperrte Ablage“ wirkt nach – auch im vereinten Deutschland, auch im kulturellen Gedächtnis der Gegenwart. Geipel versteht das Buch deshalb nicht als Abschluss, sondern als Intervention: als Aufforderung, Literaturgeschichte neu zu denken und Verantwortung für das Überlieferte wie für das Verdrängte zu übernehmen.
Diese Haltung spiegelt sich auch in Interviews und Gesprächen, die Geipel zum Projekt geführt hat. Immer wieder betont sie, dass unterdrückte Literatur kein Randphänomen war, sondern ein strukturelles Ergebnis staatlicher Kulturpolitik. Das von ihr und Joachim Walther aufgebaute Archiv unterdrückter Literatur in der DDR bildet die Grundlage dieses Buches – und zugleich einen Arbeitsraum, der bis heute nicht ausgeschöpft ist.
Gesperrte Ablage sehe ich als Gegenentwurf zu einer glatten, versöhnten Erinnerungskultur. Das Buch insistiert darauf, dass Literaturgeschichte nicht nur aus veröffentlichten Texten besteht, sondern auch aus verhinderten, blockierten, zum Schweigen gebrachten Stimmen. Wer sich mit DDR-Literatur, mit Kanonbildung oder mit der politischen Dimension von Öffentlichkeit beschäftigt, kommt an diesem Buch nicht vorbei.
LektüreNotizen
Quellen und weiterführende Hinweise
- Geipel, Ines / Walther, Joachim: Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf.
- Ines Geipel: Nachwort zu Gesperrte Ablage, veröffentlicht im Bereich „Werkstätte“ auf der Website der Autorin.
- Archiv unterdrückter Literatur in der DDR (Begründet von Ines Geipel und Joachim Walther).
- Interviews mit Ines Geipel, u. a. Deutschlandfunk / Deutschlandfunk Kultur, Bundesstiftung Aufarbeitung.
- Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Studien zur Beziehung von Literatur und Staatssicherheit in der DDR.
…wird fortgesetzt
