Loulou Omers Gedicht „EINS UND NOCH EINS“ verbindet introspektive Reflexionen mit metaphorischer Sprache, um Themen wie Identität, menschliche Verbindungen und die Suche nach Authentizität zu erkunden.
Aus: Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland – parasitenpresse 2019 – S.100
Annähernd gelesen
- Titel: „Eins und noch eins“ (mathematisch nüchtern, aber symbolisch für Wiederholung, Addition von Erfahrungen oder Fragmenten des Selbst).
- Bruch mit Konventionen: Keine Reime, fragmentarische Sätze, abrupte Gedankensprünge – spiegeln möglicherweise die Zerbrechlichkeit oder Zersplitterung von Identität.
- Bildsprache: Teddybär, Herz, mathematische Gleichungen – vermischen Kindliches mit Rationalem, um emotionale Schutzmechanismen und Abstraktion zu kontrastieren.
Thematische Schwerpunkte
Identität und Fremdwahrnehmung
- Der Name der Sprecherin existiert unabhängig von ihr („mein Name kommt, zweifellos, ohne mich voran„), was auf eine Diskrepanz zwischen Selbstbild und äußerer Zuschreibung hinweist.
- „etwas woran niemand rüttelt – eine Art Wahrheit“ könnte auf gesellschaftliche Projektionen oder stereotype Zuordnungen anspielen (z. B. jüdische Identität in Deutschland als „unantastbare“ Kategorie).
Kontakt und Isolation
- Das „Knüpfen von Kontakten“ als erlernte, fast mechanische Fähigkeit („Selbstverständlichkeit“) deutet auf Oberflächlichkeit oder das Gefühl, Beziehungen performen zu müssen.
- Gleichzeitig schützt sich die Sprecherin durch das „Ausblenden der Anderen“ und die Umarmung des Teddys – Symbole für kindliche Sicherheit und emotionale Abgrenzung.
Wahrheit vs. Schutzmechanismen
- Die mathematischen Formeln („zwei und noch mal zwei sind fast vier„) stehen für rationale Klarheit, die jedoch ohne emotionale Elemente („ohne Umarmung„) kalt und unvollständig wirkt.
- Die „Wahrheit, die für sich steht“ könnte eine nackte, schmerzhafte Realität meinen, die ohne tröstende Illusionen existiert.
Kontext: Loulou Omer und jüdisches Leben in Deutschland
- Als jüdische Autorin in Deutschland schreibt Omer aus einer Position, die von historischer Traumaverarbeitung, aber auch von gegenwärtigen Fragen der Zugehörigkeit geprägt ist.
- Das Gedicht lässt sich als Auseinandersetzung mit diasporischer Identität lesen:
- Der Name, der „sich verbreitet“ und „niemanden stört“, könnte auf die Sichtbarkeit von Juden & Jüdinnen in Deutschland verweisen, die oft als „Symboltragende“ wahrgenommen werden, während ihr individuelles Selbst komplexer ist.
- Die Ambivalenz zwischen Kontaktsuche („Teil interessiert sich für mich“) und Rückzug („Anderen ausblende“) spiegelt möglicherweise den Spagat zwischen Integration und Selbstschutz in einer Gesellschaft mit antisemitischen Untertönen.
- Der Teddybär als Trostobjekt könnte auch auf generationenübergreifende Traumata anspielen – ein Verweis auf kindliche Unschuld, die durch historische Lasten überschattet wird.
So verstehe ich das:
- Existenzielle Selbstbehauptung: Die Zeilen „gar nicht so üble Existenz / sogar mehr als das, echt“ lesen sich wie ein mantrahafter Versuch, das eigene Dasein zu validieren – vielleicht gegen äußere Abwertung oder innere Zweifel.
- Kreativität als Widerstand: „Schöpferisch bin“ könnte auf künstlerisches Schaffen als Mittel der Selbstbehauptung deuten, besonders in marginalisierten Positionen.
- Mathematik vs. Emotion: Die nüchternen Rechenbeispiele kontrastieren mit der Teddy-Umarmung – ein Spiel mit der Spannung zwischen Rationalität (gesellschaftliche Erwartungen) und emotionaler Vulnerabilität (privates Selbst).
Fazit
Omers Gedicht oszilliert zwischen Verletzlichkeit und analytischer Distanz. Es verhandelt, wie Identität in einem Spannungsfeld von äußerer Zuschreibung und innerem Erleben konstruiert wird – ein Thema, das für jüdische Autor:innen in Deutschland besonders relevant ist. Der Teddybär steht dabei sowohl für Trost als auch für die Notwendigkeit, Schutzräume zu schaffen, während die mathematischen Metaphern die Sehnsucht nach Eindeutigkeit in einer komplexen Welt spiegeln.
Schreibe einen Kommentar