Walter Benjamin schreibt, jede Leidenschaft grenze an Chaos, das sammlerische aber an das der Erinnerungen. Ich habe lange nicht gewusst, was das bedeutet. Inzwischen glaube ich, ich kenne es — nicht weil ich es verstanden habe, sondern weil ich es erkenne.
Im Schieringer Forst, nicht weit von Hünengräbern aus der Trichterbecherzeit, lag ein Stein. Ich bin wochenlang immer wieder an ihm vorbeigegangen. Er war groß, schwerer als er aussah, unspektakulär. An einem Tag, den ich nicht mehr rekonstruieren kann, habe ich ihn angefasst. Mir wurde heiß und kalt. Schwindel. Gänsehaut. Der Körper hat entschieden, bevor ich irgendetwas denken konnte.
Den Stein habe ich mitgenommen. Er steht auf der Fensterbank.
Ich bestimme Steine nicht. Ich ordne sie keinem System ein, schlage nichts nach. Das wäre die Geste der Klassifikation — einen Gegenstand in etwas bereits Bekanntes einordnen. Was mich interessiert, ist das Gegenteil: der Moment, wo etwas mich trifft, bevor ich weiß warum. Resonanz, nicht Erkenntnis.
Das Wort kommt mir vom Singen. Ich lese keine Noten. Aber wenn mir jemand einen Ton vorspielt, kann ich ihn aufgreifen — und manchmal entsteht daraus ein Dreiklang. Etwas in mir schwingt schon, das Außen trifft genau diese Frequenz. Erkannt werden und erkennen gleichzeitig.
Die kleineren Steine liegen bei mir in alten Druckersetzkästen — Holzkästen mit vielen Fächern, in denen früher Buchstaben aufbewahrt wurden. Objekte ohne Sprache, in Behältern für Sprache. Das ist nicht geplant so entstanden.
Irgendwann in meiner Kindheit wurde mir ein Buch geschenkt. Jack London, Das Mondtal, eine gebundene Ausgabe vom Südwest Verlag. Meine Mutter nahm es mir weg. Das sei nichts für mich, sagte sie. Keine weitere Erklärung. Das Buch habe ich nie wiedergesehen.
Vor einiger Zeit bin ich zufällig auf dieselbe Ausgabe gestoßen. Ich habe sie bestellt. Ich kann damit nichts anfangen — das hat sich bestätigt. Aber das war nicht der Punkt. Ich habe mir nicht das Buch zurückgeholt. Ich habe mir die Geste zurückgeholt. Das Recht, selbst zu entscheiden, was für mich ist.
Vielleicht liegt darin der Ursprung — des Blogs, der Steine auf der Fensterbank, der Bücher, die ich nicht nach Kanon auswähle. Ich bin mir nicht sicher. Es gibt keinen Kippmoment, an den ich mich erinnern könnte. In der Schule stellte ich die falschen Fragen an Texte — nicht die vorgesehenen, sondern meine. Das wurde nicht als Stärke gelesen. Ich habe es mir trotzdem nicht vollständig abgewöhnt.
Benjamin hat das Passagenwerk nie fertiggestellt. Es ist ein riesiger Setzkasten geblieben — Zitate, Fragmente, Verbindungen ohne abschließende Ordnung. Vielleicht ist das keine Schwäche. Vielleicht ist das Erinnerungschaos, von dem er spricht: nicht Auflösung, sondern eine andere Form von Genauigkeit.
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