Als Sabine Sommerkamps Dissertation „Der Einfluss des Haiku auf Imagismus und jüngere Moderne“ 1984 an der Universität Hamburg abgeschlossen wurde, war die Beschäftigung mit dem japanischen Haiku in der westlichen Literatur noch ein vergleichsweise junges Forschungsfeld. Sommerkamp untersucht darin, auf welchen Wegen das Haiku in die englischsprachige Literatur gelangte und welche Spuren es dort seit Beginn des 20. Jahrhunderts hinterließ.
Im Mittelpunkt steht zunächst der Imagismus. Ausgehend von Ezra Pound und anderen Vertretern dieser literarischen Bewegung verfolgt Sommerkamp die Begegnung westlicher Autoren mit japanischer Kurzlyrik. Dabei geht es nicht allein um die Übernahme einer bestimmten Gedichtform. Untersucht wird vielmehr, wie sich Verfahren wie sprachliche Konzentration, Bildlichkeit und die Darstellung eines einzelnen Augenblicks in der westlichen Moderne wiederfinden und dort weiterentwickeln.
Von Pound führt die Untersuchung zu weiteren Autoren der englischsprachigen Moderne und schließlich in die Literatur nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Einen eigenen Schwerpunkt bildet die Beat Generation. Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Gary Snyder und andere begegnen dem Haiku dabei unter unterschiedlichen Voraussetzungen und verbinden es unter anderem mit Fragen der Wahrnehmung, des Zen-Buddhismus und einer unmittelbaren Form des Schreibens.
Sommerkamp beschränkt sich nicht auf die Analyse gedruckter Texte. Für ihre zwischen 1980 und 1983 entstandene Arbeit recherchierte sie in Nordamerika und führte Gespräche mit Literaturwissenschaftlern und Dichtern. Zu den Gesprächspartnern gehörten unter anderem Earl Roy Miner, Makoto Ueda und Northrop Frye sowie Autoren aus dem Umfeld der Beat Generation. Die Dissertation verzeichnet mehr als 900 Literaturquellen.
Ein weiterer Teil der Arbeit widmet sich der Entwicklung des Haiku außerhalb des japanischen Sprachraums. Damit reicht die Untersuchung bis zu den frühen Formen einer eigenständigen Haiku-Dichtung in westlichen Sprachen. Auch die deutschsprachige Haiku-Szene jener Zeit gehört zu diesem Zusammenhang.
„Haiku-Spektrum“
Sommerkamp war dabei nicht nur als Literaturwissenschaftlerin mit dem Thema befasst. Sie selbst schreibt seit den 1970er Jahren Haiku und gehörte zu den frühen Akteurinnen der deutschsprachigen Haiku-Bewegung. 1979 nahm sie an einem frühen deutschsprachigen Haiku-Treffen in Bottrop teil. 1981 richtete sie in der Zeitschrift „apropos“ das „Haiku-Spektrum“ als Forum für deutschsprachige und internationale Haiku-Dichtung ein.
Die Dissertation entstand somit in einer Zeit, in der sich die westliche Haiku-Szene noch formierte. Sie dokumentiert nicht nur literaturwissenschaftliche Positionen, sondern führt zugleich zu Zeitschriften, Übersetzungen, Autoren, Herausgebern und persönlichen Kontakten, über die das Haiku in den westlichen Literaturbetrieb gelangte.
2023 wurde „Der Einfluss des Haiku auf Imagismus und jüngere Moderne“ beim Iudicium Verlag in einer durchgesehenen und um ein Nachwort erweiterten Ausgabe neu veröffentlicht. Die ursprüngliche Dissertation umfasst 549 Seiten; die Neuausgabe hat 427 Seiten.
Für die Geschichte des Haiku im deutschsprachigen Raum ist damit auch ein Zeitraum dokumentiert, der heute vor allem über einzelne Zeitschriften, Anthologien und Autorenbiografien greifbar ist. Sommerkamps Untersuchung setzt zeitlich vor vielen späteren Veröffentlichungen ein und macht dadurch sichtbar, aus welchen internationalen literarischen Zusammenhängen sich die deutschsprachige Haiku-Szene der 1970er und 1980er Jahre entwickelte.

Sabine Sommerkamp
Der Einfluss des Haiku auf Imagismus und jüngere Moderne
Studien zur englischen und amerikanischen Lyrik
Durchgesehener und um ein Nachwort erweiterter Neudruck der Ausgabe 1984
427 Seiten, 29 Abb., Hardcover,
geb., Format: 17 x 25 cm
Iudicium Verlag 2023
Erscheinungsdatum: 31.3.2023
ISBN 978-3-86205-603-3
E-Book / pdf: ISBN 978-3-86205-974-4 · 2023

