Wenn das Licht den Raum gibt

Am frühen Morgen sah ich im Garten eine vertrocknete Stockrose stehen, unbewegt, unbeirrt. Ein Zimmerlicht fiel schräg von außen auf ihr verblasstes Kleid, und plötzlich wirkte sie nicht mehr ausgebrannt, sondern strahlend. Dieses Strahlen entstand nicht aus der Pflanze selbst, sondern im Zusammenspiel von Körper, Licht und Blick: ein Raum wurde ihr gegeben, und sie nahm ihn an – oder musste ihn annehmen, ob sie wollte oder nicht.

In diesem Moment wurde mir bewusst, was die Literatur seit langem weiß: Strahlen ist keine Eigenschaft, sondern eine Relation. Und Relationen sind gefährlich.

In der DDR-Literatur war diese Gefahr besonders spürbar. Dort stand jede Figur, jede Autorin in einem Licht, das von außen kam: gesellschaftlich, politisch, ideologisch. Sichtbarkeit war nie neutral. Sie war Angebot und Zwang zugleich.

Christa Wolf hat das in Nachdenken über Christa T. bis ins Mark durchdacht. Christa T. ist eine Frau, die nicht strahlen will – nicht so, wie es von ihr erwartet wird. Sie entzieht sich, verstummt, verschwindet fast. Die Erzählerin kreist verzweifelt um diese Freundin, versucht sie ins Licht zu holen, sichtbar zu machen, zu verstehen. Aber vielleicht war gerade das Christa T.s Widerstand: sich dem Licht zu entziehen, das andere auf sie werfen wollten.

Wolf zeigt etwas Erschreckendes: dass es in einer Gesellschaft, die permanente Sichtbarkeit, Produktivität, gesellschaftliche Relevanz fordert, schon ein Akt des Widerstands sein kann, nicht zu strahlen. Christa T. stirbt jung. Man könnte sagen: Sie stirbt daran, dass sie das fremde Licht nicht ertragen konnte.

Aber Wolf lässt eine andere Lesart zu: Vielleicht hatte Christa T. ein eigenes, inneres Leuchten, das nur niemand sehen konnte, weil alle nach dem falschen Licht suchten.

Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand ist das Gegenteil. Franziska will strahlen. Sie will bauen, gestalten, sichtbar sein. Sie hat Kraft, Talent, Willen – alles, was Christa T. zu fehlen schien. Und doch scheitert auch sie.

Reimann zeigt, wie die Bedingungen der Sichtbarkeit von außen diktiert werden. Franziska darf strahlen, aber nur in einem bestimmten Licht, unter bestimmten Bedingungen. Ihre Architektur soll modern sein, aber nicht zu modern. Ihre Ideen sind willkommen, aber nur, wenn sie sich einfügen. Das Licht, das auf sie fällt, formt sie, bis sie nicht mehr erkennt, ob sie noch selbst leuchtet oder nur noch reflektiert.

Am Ende ist Franziska erschöpft – nicht, weil sie zu wenig Licht bekommen hätte, sondern weil das Licht, das sie bekam, das falsche war. Es hat sie ausgetrocknet, wie die Stockrose im Garten.

Reimanns Roman ist auch deshalb so brutal ehrlich, weil er autobiographisch durchtränkt ist. Sie selbst rang ihr Leben lang um dieses Strahlen-Dürfen, schrieb sich krank darüber, starb mit 39. Ihr Briefwechsel mit Christa Wolf dokumentiert diesen Kampf: zwei Frauen, die beide wissen, dass Sichtbarkeit in der DDR immer auch Kontrolle bedeutet, immer auch Zurichtung.

Sarah Kirsch hat eine dritte Antwort gefunden: die Flucht. Nicht ins Schweigen wie Christa T., nicht in den Kampf wie Franziska, sondern in die Bewegung. Kirsch ging 1977 in den Westen, entzog sich dem Licht der DDR – und fand sich in einem anderen Licht wieder, das auch nicht ihres war.

Ihre Gedichte aus dieser Zeit sprechen von Landschaften, Erinnerungen, Verschiebungen. Sie schreibt sich in Räume hinein, die niemand beleuchtet hat, Zwischenräume. Aber auch das ist keine Lösung, nur eine andere Form der Unruhe.

In einem Brief an Wolf schreibt sie später über das Gefühl, nirgends richtig gesehen zu werden – weder in der DDR, wo sie zu unangepasst war, noch im Westen, wo sie als DDR-Dichterin exotisiert wurde. Das Licht folgt ihr, aber es ist nie ihr eigenes.

Was also lehren diese Texte über das Strahlen?

Dass Sichtbarkeit niemals unschuldig ist. Dass das Licht, das andere auf uns werfen, formen kann und verformen. Dass manche daran zerbrechen, dass sie nicht strahlen dürfen, andere daran, dass sie es müssen. Dass es kein einfaches „Eigenes“ gibt, das sich vom „Fremden“ säuberlich trennen ließe.

Aber auch: Dass es einen Unterschied macht, wer das Licht hält. Ob es ein Licht ist, das wärmt oder eines, das seziert. Ob es Raum gibt oder ihn nimmt.

Die Stockrose im Garten steht noch immer dort. Das Licht ist längst ausgeschaltet, der Morgen bringt eigenes Licht. Jetzt steht sie wieder herum, vertrocknet, unspektakulär.

Hat sie je gestrahlt? Oder habe nur ich sie strahlen sehen?

Die Frage ist nicht zu beantworten. Aber sie ist zu stellen. Denn erst in dieser Frage wird sichtbar, was Sichtbarkeit bedeutet: dass wir nie allein sind in unserem Leuchten, dass wir immer auch das Licht der anderen brauchen – und dass wir nie ganz sicher sein können, ob dieses Licht uns zeigt oder verdeckt, ob es uns Raum gibt oder ihn nimmt.

Die Literatur weiß das. Die Stockrose schweigt dazu. Und wir stehen dazwischen, mit unseren Blicken und unserem Licht, verantwortlich für das, was wir sichtbar machen.

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