Gedanken zur „WORTSCHAU“ #43 (Es hört nie auf) – oder: Warum ich beim Lesen ins Stolpern kam
Beim Lesen dieser Ausgabe drängte sich mir eine Frage auf: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht, weil die Sprache unzugänglich wäre – im Gegenteil, Satzbau und Wortwahl sind oft klar –, sondern weil viele Gedichte in einer Dichte von Metaphern, Anspielungen und intertextuellen Bezügen arbeiten, die ohne erhebliches Vorwissen kaum zu entschlüsseln sind.
Ich schätze Lyrik, die herausfordert und gewohnte Denkbahnen verlässt. Doch hier stand ich oft vor einem unsichtbaren Zaun: Wer die Referenzen nicht kennt, bleibt vor verschlossenen Toren. Besonders irritierend ist das Fehlen jeder Kontextualisierung – kein Vorwort, keine Anmerkungen. So entsteht leicht der Eindruck, es gehe nicht nur um ästhetische Erfahrung, sondern auch um eine implizite Prüfung: „Wer das nicht versteht, gehört nicht dazu.“
Dabei könnte selbst hermetische Lyrik Brücken bauen – ohne ihren Anspruch aufzugeben. Ein kurzes Nachwort, das Themen oder Traditionen andeutet? Ein Gespräch mit Autoren und Autorinnen über ihre Quellen? Oder, als Experiment: Ein Gedicht mit und ohne Erläuterungen abdrucken, um zu zeigen, wie Wissen die Lektüre prägt?


Zwei Illustrationen aus der WORTSCHAU 43 – Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers Jörn Peter Budesheim.
Mich würde interessieren: Geht es anderen Lesern Leserinnen ähnlich? Gibt es bereits interne Debatten oder eine bewusste Haltung der Redaktion zu dieser Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit? Oder ist das ein Tabu – die Angst, ’schwierige‘ Lyrik zu erklären, könnte sie banalisieren?
Meine Fragen an die Redaktion Johanna Hansen & Wolfgang Allinger und Autoren und Autorinnen:
Zaun oder Tür? Ist die Hermetik bewusstes Programm – oder gäbe es Wege, den Zaun mit einer Tür zu versehen, die Neugierigen offensteht?
Kuration & Haltung: Nach welchen Kriterien werden die Gedichte ausgewählt? Welche Leserschaft stellt ihr euch vor?
Kontext als Angebot: Wie ließe sich das Spannungsfeld zwischen Tiefe und Zugänglichkeit produktiv denken?
Ich schreibe das nicht aus Frust, sondern aus Neugier: Wie halten Sie es mit dieser Balance?
Ich könnte einzelne Zeilen zitieren, um meine Irritation zu belegen – doch das würde dem Anspruch der Gedichte kaum gerecht. Mein Punkt ist strukturell: Wenn Lyrik so dicht referiert, aber keine Leser-/Leserinnenführung anbietet, bleibt sie in meiner Lesart ein Monolog. Und das finde ich schade.
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