Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • Hansjörg Schertenleib – Das Regenorchester

    Hansjörg Schertenleib – Das Regenorchester

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    2–3 Minuten

    Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, lebt ein Schriftsteller um die fünfzig allein in seinem Haus in Irland. Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch ist er aus seinem bisherigen Arbeits- und Lebensrhythmus gefallen. Körperlich eingeschränkt, verbringt er seine Tage mit Spaziergängen, Beobachtungen und Erinnerungen. In dieser Situation begegnet er Niamh, einer sechzigjährigen Irin, die ihn bittet, zum…

  • Am Zweig

    Am Zweig

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    1–2 Minuten

    Am Zweig die Feder, klein, wiegt sich. Wildschweinschwärze aus dem Erdreich, beißt in die Nase. Mein weißer Hund im Schnee – fast weg. Foto: Oliver Simon

  • Karen Roßki – Austausch

    Karen Roßki – Austausch

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    1–2 Minuten

    Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich.Linien steigen auf, andere sinken zurück.Was sich verdichtet, gibt ab.Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund.Bewegung geht in beide Richtungen.Austausch heißt hier nicht Ausgleich.Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück.Der Grund bleibt beteiligt.Austausch ist kein Gespräch, sondern Durchlässigkeit. Lange wirkt…

  • Karen Roßki – Durchdringen

    Karen Roßki – Durchdringen

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    1–2 Minuten

    Nichts greift hier ineinander.Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt.Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig.Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen.Was durchdringt, verbindet nicht.Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest.Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht.Nähe entsteht hier nicht aus Übergang, sondern aus Druck. In Bezug auf: Karen…

  • Karen Roßki – Weit

    Karen Roßki – Weit

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    1–2 Minuten

    Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…

  • Udo Degener – Miklós Radnóti (1909–1944)

    Udo Degener – Miklós Radnóti (1909–1944)

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    2–3 Minuten

    Wer war Miklós Radnóti. Miklós Radnóti wurde 1909 in Budapest geboren, jüdischer Herkunft, ungarischer Dichter. Er schrieb früh, studierte Literatur, bewegte sich bewusst in der ungarischen Sprach- und Formtradition. In den 1930er Jahren wurde sein Leben zunehmend durch antisemitische Gesetze bestimmt. Er durfte nicht mehr regulär publizieren, wurde zu sogenannten Arbeitsdiensten eingezogen, also Zwangsarbeit ohne…

  • Udo Degener – Meine Gedichte sind

    Udo Degener – Meine Gedichte sind

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    1–2 Minuten

    Der Text setzt mit einer Wiederholung ein. Jede Zeile beginnt gleich, und doch verschiebt sich der Gegenstand fortlaufend. „Meine Gedichte sind“ markiert keinen festen Besitz, sondern einen Ort, an dem immer wieder neu angesetzt wird. Die Gedichte werden nicht erklärt, sondern in Umlauf gebracht. Zunächst tauchen sie als Material auf: Schreibmaschinenpapier, eine genaue Sorte, versehen…

  • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

    Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

    Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

  • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

    Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

    Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

  • Elisabeth Wesuls – Geschichte

    Elisabeth Wesuls – Geschichte

    Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

  • Michael Krüger – 02. Mai 2025

    Michael Krüger – 02. Mai 2025

    Warum müssen Tiere immer für uns herhalten? Michael Krüger hat in die horen #299 ein neues Gedicht veröffentlicht (datiert/betitelt 2. Mai 2025), und ich hab mich beim Lesen gefragt: Schwalben, Kuckuck, Gras, Wiese – sind das wieder Metaphern für Menschliches? Müssen die wirklich immer für was herhalten, womit sie nichts zu tun haben? Krüger, Jahrgang…

  • Klaus Johannes Thies: Eine Kerze für mich – Und ich gehe hinaus

    Klaus Johannes Thies: Eine Kerze für mich – Und ich gehe hinaus

    Klaus Johannes Thies hat eine Miniatur geschrieben, die von Tauben ausgeht und beim Sitzen endet. Der Text zeigt eine Beobachtung, die ins Stocken gerät. Tauben auf Zweigen, Fragen ohne Antworten. Dann kippt der Blick nach innen: Das Ich merkt, dass es selbst nur dasitzt. Am Ende ein kleines Ritual – Amen, Kerze – eine Markierung,…

  • Wenn das Licht den Raum gibt

    Wenn das Licht den Raum gibt

    Am frühen Morgen sah ich im Garten eine vertrocknete Stockrose stehen, unbewegt, unbeirrt. Ein Zimmerlicht fiel schräg von außen auf ihr verblasstes Kleid, und plötzlich wirkte sie nicht mehr ausgebrannt, sondern strahlend. Dieses Strahlen entstand nicht aus der Pflanze selbst, sondern im Zusammenspiel von Körper, Licht und Blick: ein Raum wurde ihr gegeben, und sie…

  • Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

    Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

    Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…

  • Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

    Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

    Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…

  • Sophia und die Eisheiligen: Zwischen Bauernregel und Heiligenlegende

    Sophia und die Eisheiligen: Zwischen Bauernregel und Heiligenlegende

    Ausgangspunkt für diesen Text ist die Lektüre des Gedichtes die namen der eisheiligen von Nathalie Schmid. Sophia: Ein Gedicht über verlorene Gewissheiten War sie jung oder alt, aus Rom oder Mailand?Starb sie unter Diokletian oder früher, unbekannt?Hatte sie drei Töchter mit Namen wie Gebet –Pistis, Elpis, Agape – oder war das eine, die daneben steht?…

  • Brief ans Ungesagte – An die Leerstellen schreiben

    Brief ans Ungesagte – An die Leerstellen schreiben

    Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“ Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011 Gedichte leben von dem, was sie verschweigen. Von den Figuren, die keinen Namen bekommen. Von den Bewegungen, die abbrechen. Von dem, was „noch zart und ohne worte war“ und dann fort ist. Die dritte Methode richtet sich an diese Leerstellen. Ich…

  • Fragmentarische Re-Inszenierung – Mit fremden Worten antworten

    Fragmentarische Re-Inszenierung – Mit fremden Worten antworten

    Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“ Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011 Es gibt Gedichte, bei denen reicht es nicht, über sie zu sprechen. Man muss durch sie hindurch. Man muss ihre Wörter durch die eigenen Hände gehen lassen, sie neu zusammensetzen, ihren Rhythmus im eigenen Körper spüren. Die fragmentarische Re-Inszenierung ist keine…

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