Kategorie: Weibliche Persepktiven

  • Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

    Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

    Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte:

    Form und Struktur

    Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche Fixierung auf den Begriff wider.

    Fragmentarische Kürze: Die kurzen, abgehackten Zeilen erinnern an ein Mantra oder eine Litanei, was die Unerbittlichkeit des Themas unterstreicht. Die Struktur wirkt absichtlich unvollendet, als könne die Aufzählung ewig weitergehen.

    Thematische Deutung

    Illusion der Lösung:
    Die Zeilen „nur einer noch / wirklich / dann wird alles / wieder gut“ suggerieren eine naive Hoffnung, dass mit dem letzten „Einzeltäter“ alle Probleme gelöst seien. Doch die ständige Wiederholung von „noch ein“ entlarvt dies als Trugschluss – die Ursachen liegen tiefer, neue Täter entstehen immer wieder.

    Gesellschaftskritik:
    Der Begriff „Einzeltäter“ ist oft mit medialen Narrativen verknüpft, die komplexe soziale oder politische Probleme individualisieren. Das Gedicht könnte diese Vereinfachung kritisieren: Indem jede Tat als isoliert dargestellt wird, werden systemische Missstände unsichtbar gemacht.

    Vereinsamung und Kollektiv:
    Obwohl jeder Täter „allein“ handelt, bildet ihre Häufung paradoxerweise ein Kollektiv. Die Wiederholung unterstreicht, dass Einzeltaten Teil eines größeren Musters sein können – eine Ambivalenz zwischen Individualität und Massenphänomen.

    Ironie und Verzweiflung:
    Der scheinbar optimistische Schluss „dann wird alles / wieder gut“ wirkt ironisch, da die vorangehende Aufzählung keine Lösung, sondern eine Endlosschleife darstellt. Es bleibt offen, ob die Hoffnung naiv oder zynisch gemeint ist.

    Sprachliche Besonderheiten

    Aneinanderreihung/Parataxe: Die Reihung gleichwertiger Sätze ohne logische Verknüpfung („und noch ein“, „noch ein“) verstärkt den Eindruck von Beliebigkeit und Überforderung.

    Bruch im Schluss: Die abrupte Zeilenwende „und noch ein aller / letzter Einzeltäter“ untergräbt die finale Behauptung – der „letzte“ ist nie wirklich der Letzte.

    Meine Lesart

    Das Gedicht stellt infrage, warum wir bei Problemen immer nur auf Einzelpersonen zeigen. Es sagt: Wenn wir immer nur „noch einen Einzeltäter“ suchen, vergessen wir die wahren Ursachen – wie Fehler im System oder in der Gesellschaft. Die ständige Wiederholung von „noch ein Einzeltäter“ wirkt wie ein Teufelskreis: Solange wir nicht die tieferen Gründe angehen, kommen immer neue Täter nach. Der Schluss „dann wird alles wieder gut“ klingt deshalb wie Hohn – denn das Gedicht zeigt gerade, dass es nie aufhört, wenn wir nichts ändern.

  • Körper als Archiv

    Körper als Archiv

    In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den Körper zunächst als Träger biologischer Information ausweist. Doch diese Beobachtung allein greift zu kurz. Denn die Röte der Wangen ist nicht nur ein genetischer Code, sondern potenziell auch ein soziales Signal, aufgeladen mit erlernten Bedeutungen und kulturellen Interpretationen von Emotionen wie Scham oder Verlegenheit. So verschränkt sich das biologische Erbe unmerklich mit der sozialen Prägung.

    Ein weiterer Zugang zur Bedeutung des Körpers als Speicher des Erbes findet sich in der bewussten sensorischen Abgrenzung des lyrischen Ichs. Das nächtliche Verschließen der Ohren, um sich auf die „eigenen Körpergeräusche“ zu konzentrieren, ist ein aktiver Akt der Autonomiesuche. Durch die Reduktion äußerer Sinnesreize schafft das Ich einen inneren Raum, der frei von den potenziellen Einflüssen der Familie ist. Dieser Wunsch nach sensorischer Selbstbestimmung steht in einem bemerkenswerten Kontrast zur fragmentierten Erinnerung an die Mutter, deren Präsenz auf die „Beine unter den hellgilben Laken“ reduziert erscheint. Während das Ich aktiv seine Wahrnehmung gestaltet, wird die Mutter in einer distanzierten, fast körperlosen Weise erinnert, was die emotionale Distanz und die unterschiedlichen Modi der Selbstwahrnehmung zwischen den Generationen andeutet.

    Lyrische Tradition

    Diese Auseinandersetzung mit dem Körper als Träger und als Grenze des Erbes findet Resonanz in der lyrischen Tradition. Denken wir an Sylvia Plaths intensive Körpermetaphorik, in der das Physische oft zum Schauplatz innerer Zerrissenheit und gesellschaftlicher Zwänge wird. Obwohl Hagemanns Ton leiser ist, teilt sie mit Plath das Interesse daran, wie sich Erfahrungen und Prägungen im Körper einschreiben. Auch Durs Grünbeins anatomische Lyrik, die wissenschaftliche Präzision mit existentiellen Fragen verbindet, mag hier anklingen. Beide Dichter betrachten den Körper nicht nur als biologische Gegebenheit, sondern auch als ein Archiv der Geschichte und individuellen Erfahrung.

    Über die rein physischen Merkmale hinaus erweitert Hagemanns Gedicht das Konzept des „körperlichen“ Erbes subtil. Das vom Vater geerbte „Interesse an Zoologie“ und die „Bereitschaft, selbst in Tieren (wie meinem Vater) das Gute zu sehen“, verweisen auf die Weitergabe von Wahrnehmungsweisen und Verhaltensmustern, die durch Interaktion und Vorbild internalisiert werden. Selbst die ungewöhnlichen „Erbschaften“ wie die „verformte Jazzschallplatte“ und der „farblose, fast unsichtbare Koi-Fisch“ tragen auf ihre Weise zur Formung des lyrischen Ichs bei und sind über sinnliche Erfahrungen (Hören, Sehen) mit der elterlichen Welt verbunden.

    Am Ende bleibt das lyrische Ich als die eigentliche „Erbschaft“ zurück – ein Individuum, geformt durch genetische Anlagen, soziale Prägungen und bewusste Abgrenzungsversuche. Der Körper wird so zum zentralen Medium, durch das sich das Erbe manifestiert, transformiert und letztendlich in der Einzigartigkeit des Einzelnen neu konstituiert. Hagemanns Gedicht lädt dazu ein, die oft unbemerkten Wege zu erkunden, auf denen körperliche Merkmale und Sinneswahrnehmungen unsere Identität prägen und uns mit unserer Herkunft verbinden.

  • Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

    Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

    Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch gerade in ihrer Banalität verdichten sie sich zu Metaphern für die unsichtbaren Übertragungen von Identität: die mütterliche Gabe, selbst in komplexen Beziehungen („wie meinem Vater“) das Verbindende zu bewahren, oder das väterliche Interesse an Zoologie als Brücke zur Welt des Lebendigen.

    Dem gegenüber steht ein drängendes Bedürfnis nach Abgrenzung. Das nächtliche Verschließen der Ohren, um nur den eigenen Körper zu hören, und der spätere Auszug ins Selbstbestimmte werden nicht als Bruch, sondern als notwendige Prozedur des Werdens inszeniert. Selbst die Mutter reduziert sich in der Rückschau auf Fragmente – Beine unter der Wäscheleine –, als ob die Distanzierung auch ein Verlust der Ganzheitlichkeit bedeute.

    Die Schlusszeile „und so bleibe am Ende / als Erbschaft nur ich“ fasst diesen Zwiespalt prägnant: Das Ich konstituiert sich zwar aus dem Erbe, doch im Akt der Selbstschöpfung wird dieses zugleich überschrieben. Die Melancholie liegt nicht im Fehlen der Elternspuren, sondern darin, dass ihre greifbaren Zeichen verblassen, sobald das Subjekt sich als eigenständige Summe begreift. Hagemann gelingt damit ein stilles Porträt der Reifung – als Balanceakt zwischen Annahme und Abschütteln, Erinnern und Entwachsen.

    Das Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE von Annette Hagemann aktiv gelesen:

    • Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…

    • Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…

    • Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…

    • Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…

    • Körper als Archiv

      Körper als Archiv

      In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…

    • Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…

    • Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…

    • David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…

  • Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

    Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

    Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela.

    Drekkingarhylur, Island

    Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt, in Säcke gesteckt und mit Stöcken unter Wasser gedrückt.

    Mangelnde Erinnerungskultur: Am Drekkingarhylur gibt es heute noch nicht einmal eine Gedenktafel für die Opfer.

    Agnes Bernauer, Bayern

    Am 12. Oktober 1435 wurde Agnes Bernauer auf Befehl von Herzog Ernst von Bayern von der Straubinger Brücke in die Donau gestürzt. Sie war die Geliebte und möglicherweise heimliche Ehefrau von Albrecht III. und wurde der Hexerei beschuldigt, um die politisch unbequeme Verbindung zu beenden.

    Historischer Widerstand

    Frühe Kritiker der Hexenverfolgung (Zwei Beispiele.)

    Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635)

    • Jesuit aus Westfalen, Verfasser der „Cautio Criminalis“ (1631)
    • Als Beichtvater von verurteilten „Hexen“ erlebte er deren Unschuld direkt
    • Seine Schrift war eine der ersten systematischen Kritiken an Folter und Hexenprozessen

    Anton Praetorius (1560-1613)

    • Reformierter Pfarrer, kritisierte in „Von Zauberey und Zauberern“ (1602) die Folter
    • Setzte sich öffentlich gegen die Hexenverfolgung ein

    Aktuelle Widerstandsbewegungen

    Ni Una Menos – Internationale Dimension

    Die Bewegung entstand im Juni 2015 in Argentinien und verbreitete sich über soziale Netzwerke in ganz Lateinamerika und Teilen Europas. Seit dem ersten Protest 2015 haben sich über 200 feministische Organisationen zusammengeschlossen und große Erfolge erzielt.

    Entstehung: Der auslösende Tweet stammt von Marcela Ojeda am 11. Mai 2015 nach dem Femizid an Chiara Páez.

    Deutschland: Aktuelle feministische Bewegungen gegen Femizide

    Dokumentierte Initiativen:

    • Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff): Führt Statistiken zu Femiziden und koordiniert Präventionsarbeit
    • Frauen gegen Gewalt e.V.: Netzwerk mit über 160 Mitgliedsorganisationen
    • Jeden dritten Tag: Initiative, die jeden Femizid in Deutschland dokumentiert und auf Social Media sichtbar macht

    Social Media Aktivismus:

    • #KeineMehr: Deutsche Variante von #NiUnaMenos
    • #JedenDrittenTag: Hashtag, der die Statistik „alle drei Tage wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet“ sichtbar macht
    • Instagram-Accounts wie @frauen_gegen_gewalt, @terre_des_femmes_menschenrechte dokumentieren aktuelle Fälle und Proteste

    Internationale Vernetzung

    Lateinamerika umfasst 5 der 12 Länder mit den höchsten Femizid-Raten weltweit, weshalb die Bewegung dort besonders stark ist, aber internationale Solidarität aufbaut.

    Widerstand gegen das Schweigen

    Historisch: Das Brechen des Schweigens

    • Chronisten wie Andreas von Regensburg dokumentierten kritisch die Hinrichtung der Agnes Bernauer
    • Literatur als Widerstand: Friedrich Hebbels Drama „Agnes Bernauer“ (1852) hinterfragte die Gewalt kritisch

    Aktuell: Digitaler Feminismus

    Strategien gegen das „Mund halten“:

    • Naming and Shaming: Öffentliche Benennung von Tätern und Strukturen
    • Storytelling: Opfer bekommen Namen und Geschichten statt nur Statistiken zu bleiben
    • Intersektionale Ansätze: Verbindung von Rassismus, Klassismus und Sexismus in der Gewaltanalyse

    Besondere deutsche Kontexte

    Seenotrettung als feministischer Akt

    Die erwähnte Seebrücke-Bewegung hat auch explizit feministische Dimensionen:

    • Frauen und Kinder sind überproportional von Flucht betroffen
    • Schwangere Frauen ertrinken im Mittelmeer – direkter Bezug zum Gedicht
    • Mission Lifeline (Dresden) und andere deutsche NGOs setzen sich gezielt für diese Gruppe ein

    Gedenkkulturen

    Positive Entwicklungen:

    • Gedenkstätten für Hexenverfolgung entstehen (z.B. in Würzburg, Bamberg)
    • Straßenumbenennungen nach weiblichen Opfern historischer Gewalt
    • Stolpersteine auch für Frauen, die Opfer geschlechtsspezifischer Verfolgung wurden

    Problematische Romantisierung:

    • Agnes-Bernauer-Festspiele in Straubing: Verklärung als „Liebestragödie“ statt Kritik an Femizid
    • Ähnlich der im Gedicht erwähnten „Buttercreme und Baiser“-Metapher

    Ein vorläufiges Fazit

    Das Gedicht verbindet drei Zeitebenen von Widerstand:

    1. Vereinzelte historische Stimmen gegen Hexenwahn und Gewalt an Frauen
    2. Ziviler Widerstand heute gegen das Ertrinkenlassen im Mittelmeer
    3. Feministische Bewegungen, die das Schweigen über Femizide brechen

    Die Kunst liegt darin, diese Verbindungen sichtbar zu machen, ohne die Gewalt zu romantisieren – genau das, was auch die zeitgenössische feministische Bewegung versucht. – Wie kann es jetzt weitergehen?

    • Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…

    • David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…

  • David Szalays „Was ein Mann ist“

    David Szalays „Was ein Mann ist“

    David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär in Portugal. Dazwischen: ein korrupter Journalist, ein gescheiterter Gigolo, ein Banker, der alles verliert.

    Neun Monate, neun Städte, neun Leben

    Szalay ordnet sein Buch streng: Jede Geschichte spielt in einem anderen Monat zwischen April und Dezember, in einer anderen europäischen Stadt, mit einem Protagonisten, der jeweils um einige Jahre gealtert ist. Von Kopenhagen nach Budapest, von Dänemark nach Ungarn – die Schauplätze wechseln, die Themen bleiben: Männer, die um Status ringen, um Anerkennung kämpfen, an Erwartungen scheitern.

    Dabei geht es Szalay nicht um große Dramen. Seine Figuren stolpern durch Alltägliches: Ein Mann verliert seinen Job, ein anderer seine Selbstachtung beim Versuch, eine Frau zu beeindrucken. Ein Londoner Gigolo merkt plötzlich: „Er fühlte sich, als wäre er durch sein ganzes Leben gerast, ohne es jemals wirklich zu berühren.“

    Der Titel spielt mit uns

    Im Original heißt das Buch „All That Man Is“ – und „man“ bedeutet im Englischen schlicht „Mensch“. Die deutsche Übersetzung macht daraus bewusst etwas Doppeldeutiges. Szalay selbst findet das gelungen: Diese Mehrdeutigkeit durchzieht sein ganzes Werk. Es geht ihm weniger um Männer als Geschlecht, sondern um Menschen in ihrer Verletzlichkeit.

    Ein Bankier, der sein Vermögen verspielt hat, erkennt: „Alles, wofür er gearbeitet hatte, war nur Luft. Er selbst war nur Luft.“ Diese Momente – wenn die Fassade bröckelt und der Mensch darunter zum Vorschein kommt – interessieren Szalay.

    Warum dieses Buch noch immer wichtig ist

    Der Guardian nannte Szalay einen „modernen Flaubert“ und lobte seine präzise Beobachtungsgabe. Die Zeit schrieb: „Szalay zeigt, dass die Midlife-Crisis kein Geschlecht kennt, nur die panische Erkenntnis der eigenen Endlichkeit.“

    Genau das macht die Stärke des Buches aus: Es gibt keine durchgehende Handlung, keine Hauptfigur, der man folgt – und doch entsteht durch die Montage der Geschichten ein Sog. Man erkennt sich wieder in diesen Männern, egal welches Geschlecht man hat. Ihre Krisen sind universell: die Angst vor dem Scheitern, die Sehnsucht nach Bedeutung, die Erkenntnis, dass die Zeit verrinnt.

    Eine weibliche Gegenstimme: Rachel Cusk

    Wer nach einer Ergänzung zu Szalays nüchternem Blick sucht, sollte Rachel Cusks „Outline“ (2014) lesen. Auch Cusk arbeitet mit Fragmenten, auch sie interessiert sich für Menschen in Übergangsphasen. Doch während Szalay seine Protagonisten von außen beobachtet, lässt Cusk ihre Erzählerin fast verschwinden – sie wird zur Zuhörerin, zum Spiegel für andere.

    In einem Essay für den New Yorker schreibt Cusk über das Schreiben nach persönlichen Krisen: „Ich wollte eine Form finden, die nicht auf dem Ich besteht, sondern Raum lässt für das, was zwischen Menschen geschieht.“ Diese Haltung ergänzt Szalays Ansatz perfekt: Wo er männliche Archetypen entromantisiert, löst Cusk das erzählende Subjekt selbst auf.

    Beide Autoren zeigen: Das Leben ist flüchtig, tragikomisch, oft sinnlos – und gerade deshalb erzählenswert.


    Zum Autor: David Szalay wurde in Montreal geboren und wuchs in London auf. In seinen früheren Werken wie „London and the South-East“ beschäftigte er sich bereits mit Arbeitswelten und brüchigen Identitäten. Seine Geschichten erscheinen in Zeitschriften wie dem New Yorker und der Paris Review.

error: Content is protected !!