Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte:
Form und Struktur
Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche Fixierung auf den Begriff wider.
Fragmentarische Kürze: Die kurzen, abgehackten Zeilen erinnern an ein Mantra oder eine Litanei, was die Unerbittlichkeit des Themas unterstreicht. Die Struktur wirkt absichtlich unvollendet, als könne die Aufzählung ewig weitergehen.
Thematische Deutung
Illusion der Lösung: Die Zeilen „nur einer noch / wirklich / dann wird alles / wieder gut“ suggerieren eine naive Hoffnung, dass mit dem letzten „Einzeltäter“ alle Probleme gelöst seien. Doch die ständige Wiederholung von „noch ein“ entlarvt dies als Trugschluss – die Ursachen liegen tiefer, neue Täter entstehen immer wieder.
Gesellschaftskritik: Der Begriff „Einzeltäter“ ist oft mit medialen Narrativen verknüpft, die komplexe soziale oder politische Probleme individualisieren. Das Gedicht könnte diese Vereinfachung kritisieren: Indem jede Tat als isoliert dargestellt wird, werden systemische Missstände unsichtbar gemacht.
Vereinsamung und Kollektiv: Obwohl jeder Täter „allein“ handelt, bildet ihre Häufung paradoxerweise ein Kollektiv. Die Wiederholung unterstreicht, dass Einzeltaten Teil eines größeren Musters sein können – eine Ambivalenz zwischen Individualität und Massenphänomen.
Ironie und Verzweiflung: Der scheinbar optimistische Schluss „dann wird alles / wieder gut“ wirkt ironisch, da die vorangehende Aufzählung keine Lösung, sondern eine Endlosschleife darstellt. Es bleibt offen, ob die Hoffnung naiv oder zynisch gemeint ist.
Sprachliche Besonderheiten
Aneinanderreihung/Parataxe: Die Reihung gleichwertiger Sätze ohne logische Verknüpfung („und noch ein“, „noch ein“) verstärkt den Eindruck von Beliebigkeit und Überforderung.
Bruch im Schluss: Die abrupte Zeilenwende „und noch ein aller / letzter Einzeltäter“ untergräbt die finale Behauptung – der „letzte“ ist nie wirklich der Letzte.
Meine Lesart
Das Gedicht stellt infrage, warum wir bei Problemen immer nur auf Einzelpersonen zeigen. Es sagt: Wenn wir immer nur „noch einen Einzeltäter“ suchen, vergessen wir die wahren Ursachen – wie Fehler im System oder in der Gesellschaft. Die ständige Wiederholung von „noch ein Einzeltäter“ wirkt wie ein Teufelskreis: Solange wir nicht die tieferen Gründe angehen, kommen immer neue Täter nach. Der Schluss „dann wird alles wieder gut“ klingt deshalb wie Hohn – denn das Gedicht zeigt gerade, dass es nie aufhört, wenn wir nichts ändern.
Kurz: Es geht nicht um einzelne Bösewichte, sondern darum, warum es sie immer wieder gibt. Dieses Gedicht enstammt dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiye Can.
In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den Körper zunächst als Träger biologischer Information ausweist. Doch diese Beobachtung allein greift zu kurz. Denn die Röte der Wangen ist nicht nur ein genetischer Code, sondern potenziell auch ein soziales Signal, aufgeladen mit erlernten Bedeutungen und kulturellen Interpretationen von Emotionen wie Scham oder Verlegenheit. So verschränkt sich das biologische Erbe unmerklich mit der sozialen Prägung.
Ein weiterer Zugang zur Bedeutung des Körpers als Speicher des Erbes findet sich in der bewussten sensorischen Abgrenzung des lyrischen Ichs. Das nächtliche Verschließen der Ohren, um sich auf die „eigenen Körpergeräusche“ zu konzentrieren, ist ein aktiver Akt der Autonomiesuche. Durch die Reduktion äußerer Sinnesreize schafft das Ich einen inneren Raum, der frei von den potenziellen Einflüssen der Familie ist. Dieser Wunsch nach sensorischer Selbstbestimmung steht in einem bemerkenswerten Kontrast zur fragmentierten Erinnerung an die Mutter, deren Präsenz auf die „Beine unter den hellgilben Laken“ reduziert erscheint. Während das Ich aktiv seine Wahrnehmung gestaltet, wird die Mutter in einer distanzierten, fast körperlosen Weise erinnert, was die emotionale Distanz und die unterschiedlichen Modi der Selbstwahrnehmung zwischen den Generationen andeutet.
Lyrische Tradition
Diese Auseinandersetzung mit dem Körper als Träger und als Grenze des Erbes findet Resonanz in der lyrischen Tradition. Denken wir an Sylvia Plaths intensive Körpermetaphorik, in der das Physische oft zum Schauplatz innerer Zerrissenheit und gesellschaftlicher Zwänge wird. Obwohl Hagemanns Ton leiser ist, teilt sie mit Plath das Interesse daran, wie sich Erfahrungen und Prägungen im Körper einschreiben. Auch Durs Grünbeins anatomische Lyrik, die wissenschaftliche Präzision mit existentiellen Fragen verbindet, mag hier anklingen. Beide Dichter betrachten den Körper nicht nur als biologische Gegebenheit, sondern auch als ein Archiv der Geschichte und individuellen Erfahrung.
Über die rein physischen Merkmale hinaus erweitert Hagemanns Gedicht das Konzept des „körperlichen“ Erbes subtil. Das vom Vater geerbte „Interesse an Zoologie“ und die „Bereitschaft, selbst in Tieren (wie meinem Vater) das Gute zu sehen“, verweisen auf die Weitergabe von Wahrnehmungsweisen und Verhaltensmustern, die durch Interaktion und Vorbild internalisiert werden. Selbst die ungewöhnlichen „Erbschaften“ wie die „verformte Jazzschallplatte“ und der „farblose, fast unsichtbare Koi-Fisch“ tragen auf ihre Weise zur Formung des lyrischen Ichs bei und sind über sinnliche Erfahrungen (Hören, Sehen) mit der elterlichen Welt verbunden.
Am Ende bleibt das lyrische Ich als die eigentliche „Erbschaft“ zurück – ein Individuum, geformt durch genetische Anlagen, soziale Prägungen und bewusste Abgrenzungsversuche. Der Körper wird so zum zentralen Medium, durch das sich das Erbe manifestiert, transformiert und letztendlich in der Einzigartigkeit des Einzelnen neu konstituiert. Hagemanns Gedicht lädt dazu ein, die oft unbemerkten Wege zu erkunden, auf denen körperliche Merkmale und Sinneswahrnehmungen unsere Identität prägen und uns mit unserer Herkunft verbinden.
Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch gerade in ihrer Banalität verdichten sie sich zu Metaphern für die unsichtbaren Übertragungen von Identität: die mütterliche Gabe, selbst in komplexen Beziehungen („wie meinem Vater“) das Verbindende zu bewahren, oder das väterliche Interesse an Zoologie als Brücke zur Welt des Lebendigen.
Dem gegenüber steht ein drängendes Bedürfnis nach Abgrenzung. Das nächtliche Verschließen der Ohren, um nur den eigenen Körper zu hören, und der spätere Auszug ins Selbstbestimmte werden nicht als Bruch, sondern als notwendige Prozedur des Werdens inszeniert. Selbst die Mutter reduziert sich in der Rückschau auf Fragmente – Beine unter der Wäscheleine –, als ob die Distanzierung auch ein Verlust der Ganzheitlichkeit bedeute.
Die Schlusszeile „und so bleibe am Ende / als Erbschaft nur ich“ fasst diesen Zwiespalt prägnant: Das Ich konstituiert sich zwar aus dem Erbe, doch im Akt der Selbstschöpfung wird dieses zugleich überschrieben. Die Melancholie liegt nicht im Fehlen der Elternspuren, sondern darin, dass ihre greifbaren Zeichen verblassen, sobald das Subjekt sich als eigenständige Summe begreift. Hagemann gelingt damit ein stilles Porträt der Reifung – als Balanceakt zwischen Annahme und Abschütteln, Erinnern und Entwachsen.
Gefunden habe ich das Gedicht im LiteraturMagazin WORTSCHAU. Ausgabe 31 – Menschen: Bilder – wortschau.com
Das Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ von Annette Hagemann aktiv gelesen:
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Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…
Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt, in Säcke gesteckt und mit Stöcken unter Wasser gedrückt.
Mangelnde Erinnerungskultur: Am Drekkingarhylur gibt es heute noch nicht einmal eine Gedenktafel für die Opfer.
Agnes Bernauer, Bayern
Am 12. Oktober 1435 wurde Agnes Bernauer auf Befehl von Herzog Ernst von Bayern von der Straubinger Brücke in die Donau gestürzt. Sie war die Geliebte und möglicherweise heimliche Ehefrau von Albrecht III. und wurde der Hexerei beschuldigt, um die politisch unbequeme Verbindung zu beenden.
Historischer Widerstand
Frühe Kritiker der Hexenverfolgung (Zwei Beispiele.)
Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635)
Jesuit aus Westfalen, Verfasser der „Cautio Criminalis“ (1631)
Als Beichtvater von verurteilten „Hexen“ erlebte er deren Unschuld direkt
Seine Schrift war eine der ersten systematischen Kritiken an Folter und Hexenprozessen
Anton Praetorius (1560-1613)
Reformierter Pfarrer, kritisierte in „Von Zauberey und Zauberern“ (1602) die Folter
Setzte sich öffentlich gegen die Hexenverfolgung ein
Aktuelle Widerstandsbewegungen
Ni Una Menos – Internationale Dimension
Die Bewegung entstand im Juni 2015 in Argentinien und verbreitete sich über soziale Netzwerke in ganz Lateinamerika und Teilen Europas. Seit dem ersten Protest 2015 haben sich über 200 feministische Organisationen zusammengeschlossen und große Erfolge erzielt.
Entstehung: Der auslösende Tweet stammt von Marcela Ojeda am 11. Mai 2015 nach dem Femizid an Chiara Páez.
Deutschland: Aktuelle feministische Bewegungen gegen Femizide
Dokumentierte Initiativen:
Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff): Führt Statistiken zu Femiziden und koordiniert Präventionsarbeit
Frauen gegen Gewalt e.V.: Netzwerk mit über 160 Mitgliedsorganisationen
Jeden dritten Tag: Initiative, die jeden Femizid in Deutschland dokumentiert und auf Social Media sichtbar macht
Social Media Aktivismus:
#KeineMehr: Deutsche Variante von #NiUnaMenos
#JedenDrittenTag: Hashtag, der die Statistik „alle drei Tage wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet“ sichtbar macht
Instagram-Accounts wie @frauen_gegen_gewalt, @terre_des_femmes_menschenrechte dokumentieren aktuelle Fälle und Proteste
Internationale Vernetzung
Lateinamerika umfasst 5 der 12 Länder mit den höchsten Femizid-Raten weltweit, weshalb die Bewegung dort besonders stark ist, aber internationale Solidarität aufbaut.
Widerstand gegen das Schweigen
Historisch: Das Brechen des Schweigens
Chronisten wie Andreas von Regensburg dokumentierten kritisch die Hinrichtung der Agnes Bernauer
Literatur als Widerstand: Friedrich Hebbels Drama „Agnes Bernauer“ (1852) hinterfragte die Gewalt kritisch
Aktuell: Digitaler Feminismus
Strategien gegen das „Mund halten“:
Naming and Shaming: Öffentliche Benennung von Tätern und Strukturen
Storytelling: Opfer bekommen Namen und Geschichten statt nur Statistiken zu bleiben
Intersektionale Ansätze: Verbindung von Rassismus, Klassismus und Sexismus in der Gewaltanalyse
Besondere deutsche Kontexte
Seenotrettung als feministischer Akt
Die erwähnte Seebrücke-Bewegung hat auch explizit feministische Dimensionen:
Frauen und Kinder sind überproportional von Flucht betroffen
Schwangere Frauen ertrinken im Mittelmeer – direkter Bezug zum Gedicht
Mission Lifeline (Dresden) und andere deutsche NGOs setzen sich gezielt für diese Gruppe ein
Gedenkkulturen
Positive Entwicklungen:
Gedenkstätten für Hexenverfolgung entstehen (z.B. in Würzburg, Bamberg)
Straßenumbenennungen nach weiblichen Opfern historischer Gewalt
Stolpersteine auch für Frauen, die Opfer geschlechtsspezifischer Verfolgung wurden
Problematische Romantisierung:
Agnes-Bernauer-Festspiele in Straubing: Verklärung als „Liebestragödie“ statt Kritik an Femizid
Ähnlich der im Gedicht erwähnten „Buttercreme und Baiser“-Metapher
Ein vorläufiges Fazit
Das Gedicht verbindet drei Zeitebenen von Widerstand:
Vereinzelte historische Stimmen gegen Hexenwahn und Gewalt an Frauen
Ziviler Widerstand heute gegen das Ertrinkenlassen im Mittelmeer
Feministische Bewegungen, die das Schweigen über Femizide brechen
Die Kunst liegt darin, diese Verbindungen sichtbar zu machen, ohne die Gewalt zu romantisieren – genau das, was auch die zeitgenössische feministische Bewegung versucht. – Wie kann es jetzt weitergehen?
Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…
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Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
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Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…
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„kriegen kinder von / fremden Gedichten“ – dieser Satz aus einem Gedichtzyklus ‚die süße unterm marmeladenschimmel‘ in wenn ich asche bin,lerne ich kanji hat sich mir eingebrannt. Er wurde zum Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit ihren Texten. Kathrin Niemela wurde 1973 in Regensburg geboren. Nach Studien in Romanistik, Politologie und Jura absolvierte sie ein betriebswirtschaftliches Studium…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär in Portugal. Dazwischen: ein korrupter Journalist, ein gescheiterter Gigolo, ein Banker, der alles verliert.
Neun Monate, neun Städte, neun Leben
Szalay ordnet sein Buch streng: Jede Geschichte spielt in einem anderen Monat zwischen April und Dezember, in einer anderen europäischen Stadt, mit einem Protagonisten, der jeweils um einige Jahre gealtert ist. Von Kopenhagen nach Budapest, von Dänemark nach Ungarn – die Schauplätze wechseln, die Themen bleiben: Männer, die um Status ringen, um Anerkennung kämpfen, an Erwartungen scheitern.
Dabei geht es Szalay nicht um große Dramen. Seine Figuren stolpern durch Alltägliches: Ein Mann verliert seinen Job, ein anderer seine Selbstachtung beim Versuch, eine Frau zu beeindrucken. Ein Londoner Gigolo merkt plötzlich: „Er fühlte sich, als wäre er durch sein ganzes Leben gerast, ohne es jemals wirklich zu berühren.“
Der Titel spielt mit uns
Im Original heißt das Buch „All That Man Is“ – und „man“ bedeutet im Englischen schlicht „Mensch“. Die deutsche Übersetzung macht daraus bewusst etwas Doppeldeutiges. Szalay selbst findet das gelungen: Diese Mehrdeutigkeit durchzieht sein ganzes Werk. Es geht ihm weniger um Männer als Geschlecht, sondern um Menschen in ihrer Verletzlichkeit.
Ein Bankier, der sein Vermögen verspielt hat, erkennt: „Alles, wofür er gearbeitet hatte, war nur Luft. Er selbst war nur Luft.“ Diese Momente – wenn die Fassade bröckelt und der Mensch darunter zum Vorschein kommt – interessieren Szalay.
Warum dieses Buch noch immer wichtig ist
Der Guardian nannte Szalay einen „modernen Flaubert“ und lobte seine präzise Beobachtungsgabe. Die Zeit schrieb: „Szalay zeigt, dass die Midlife-Crisis kein Geschlecht kennt, nur die panische Erkenntnis der eigenen Endlichkeit.“
Genau das macht die Stärke des Buches aus: Es gibt keine durchgehende Handlung, keine Hauptfigur, der man folgt – und doch entsteht durch die Montage der Geschichten ein Sog. Man erkennt sich wieder in diesen Männern, egal welches Geschlecht man hat. Ihre Krisen sind universell: die Angst vor dem Scheitern, die Sehnsucht nach Bedeutung, die Erkenntnis, dass die Zeit verrinnt.
Eine weibliche Gegenstimme: Rachel Cusk
Wer nach einer Ergänzung zu Szalays nüchternem Blick sucht, sollte Rachel Cusks „Outline“ (2014) lesen. Auch Cusk arbeitet mit Fragmenten, auch sie interessiert sich für Menschen in Übergangsphasen. Doch während Szalay seine Protagonisten von außen beobachtet, lässt Cusk ihre Erzählerin fast verschwinden – sie wird zur Zuhörerin, zum Spiegel für andere.
In einem Essay für den New Yorker schreibt Cusk über das Schreiben nach persönlichen Krisen: „Ich wollte eine Form finden, die nicht auf dem Ich besteht, sondern Raum lässt für das, was zwischen Menschen geschieht.“ Diese Haltung ergänzt Szalays Ansatz perfekt: Wo er männliche Archetypen entromantisiert, löst Cusk das erzählende Subjekt selbst auf.
Beide Autoren zeigen: Das Leben ist flüchtig, tragikomisch, oft sinnlos – und gerade deshalb erzählenswert.
Zum Autor: David Szalay wurde in Montreal geboren und wuchs in London auf. In seinen früheren Werken wie „London and the South-East“ beschäftigte er sich bereits mit Arbeitswelten und brüchigen Identitäten. Seine Geschichten erscheinen in Zeitschriften wie dem New Yorker und der Paris Review.
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Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…
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