Das Zündblättchen, Heft 115 | In der Elbtalaue, wo ich wohne, brütet seit Jahren ein Krähenpaar in einer alten Eiche. Die Vögel kommen täglich — zum Hühnerfutter, zum Teich, einfach so. Sie haben keine Angst. Es ist kein Zähmen, kein Vertrautmachen. Es ist ein Nebeneinander, das sich langsam, ohne Absprache, eingespielt hat. Man kennt sich.
Das fällt mir ein, wenn ich Carla Schwiegks Gedicht „Außerhaustier“ lese. Nicht weil es dasselbe beschreibt. Sondern weil ich beim Lesen etwas spüre, das ich aus dem Garten kenne: eine Nähe, die einen verändert, ohne dass man es bemerkt hat.
„Ich zog den kleinen Raben groß in mir, der war ins Herz gefallen, war aus dem Horst gefallen in mein von Wurzeln fest umschloss’nes Herz.“
Der Rabe erscheint nicht als äußeres Tier, nicht als Symbol von außen. Er ist ins Innere gefallen — ins Herz, das Schwiegk als Raum beschreibt: mit Kammern, Gängen, einem Nest in der Brust. Eine ungewohnte Perspektive, die ich fast körperlich spüre. Als würde der Text von innen her beschreiben, was Verwandlung eigentlich ist: nicht Drama, sondern Einwohnung.

Das Ich beherrscht diesen Prozess zunächst nicht. Die Lippen verformen sich, vergrauen. Die Stimme versagt — nicht als Versagen, sondern als Umformung: „ich wollte / was sagen, aber meine Stimme war: / ein Kolken!“ An die Stelle kontrollierter Sprache tritt ein roher, tierischer Laut. Das ist kein Verlust. Das ist eine andere Sprachfähigkeit.
Der entscheidende Moment: „Wir wurden Zwiegestalt: ein Wipfeltroll.“ Von hier an spricht das Gedicht im Wir. Ich und Rabe, nicht verschmolzen, aber untrennbar. Diese Doppelgestalt bewegt sich zwischen Welten — als Poltergeist auf Dächern, als Bewohner der Höhe, als Grenzgänger. Zäune sind ihr fremd. Besitzverhältnisse interessieren sie nicht. Die Neugier ist ihr eigentliches Wesen: „Wir hakten nach. Ein Raubtier waren wir — die Neugier auf zwei Krallenbeinen.“
Schwiegk arbeitet hier mit einer Logik, die ich aus Märchen kenne: Dinge bergen ein Inneres, das zugänglich gemacht werden will — notfalls gewaltsam. Kapseln, Knospen, Kerne werden zerhackt. Es geht nicht um Zerstörung. Es geht um das Klingen, das darin steckt.
Dann, irgendwann, endet die gemeinsame Zeit. „Ich weiß nicht, wie ich aus der Sache kam.“ Kein Bruch, keine Erklärung. Der Rabe bleibt als Spur — akustisch, körperlich, unter der Haut. Wenn es draußen stürmt, strömen die Wege auf der Haut. Wenn der Rabensruf kommt, singt die eigene Stimme in hohen Wipfeln mit. Der Vogel hat das Herz gestohlen — und das ist kein Schmerz: „ist’s mein Herz, das fliegt!“
Das Ende des Gedichts macht mich am meisten neugierig. Nach allem — der Verwandlung, der Zwiegestalt, dem Verlust und der Befreiung — heißt es schlicht: „Marotte mir, auf einem Narrenstab.“ Das klingt nicht nach Distanzierung. Eher nach einem schelmenhaften Zwick von innen: na ja, da bin ich mal wieder. Da haben mich die Pferde durchgegangen. Der Narrenstab — halb Hexenbesen, halb Narrenkappe — trägt dieses wilde Reittier als liebste Eigenheit weiter. Man reitet drauf herum und weiß es.
Schwiegk schreibt in einer Sprache, die selbst etwas von diesem Gefieder hat — archaische Formen neben Wortschöpfungen, Märchenton neben zoologischer Präzision. „Weiß, dass er mich mit einem Auge schaut“ — das ist beobachtet, nicht erfunden. Corviden schauen so. Dieses seitliche, abwägende Schauen, das mehr zu denken scheint als es sollte.
Das Nebeneinander mit den Krähen im Garten hat mich, glaube ich, für diesen Text empfänglich gemacht. Nicht Verschmelzung. Nicht Domestizierung. Ein Nebeneinander, das einen verändert — ohne dass man sagen könnte, wann genau.
Außerhaustier von Carla Schwiegk ist erschienen in:
DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 115 / 2024
Überelbische Blätter für Kunst und Literatur
EDITION DREIZEICHEN MEIßEN
Mit Zeichnungen von Matthias Jackisch
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