Das Rollengespräch – Wenn das Gedicht widerspricht

Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“

Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011

Ich beginne mit dem Titel. „Die namen der eisheiligen“ – kein Artikel, alles kleingeschrieben. Die Eisheiligen kennen wir: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius, die Kalte Sophie. Heilige, die im Mai für Kälte stehen, für letzte Fröste, bevor der Frühling wirklich kommt.
Aber das Gedicht will nicht über Bauernregeln sprechen.

Erste Runde: Die Seilbahn

Ich: Dieser Wind am Anfang – „auf der terrasse treibt der wind / blätter und kleine reste einer seilbahn“ – das ist doch ein Bild für Vergänglichkeit? Für etwas, das weggetragen wird?

Gedicht: Nein. Schau genauer hin. Es sind nicht die Blätter wichtig, sondern die „reste einer seilbahn“. Eine Seilbahn verbindet. Sie überwindet Distanzen. Hier sind nur noch Reste. Die Verbindung ist längst abgebrochen.

Ich: Also Sehnsucht nach Verbindung?

Gedicht: Sehnsucht wäre zu weich. Es sind Reste. Reste, die der Wind treibt „in unbestimmte ferne und an kalte geländer“. Das ist keine Sehnsucht – das ist das Danach. Nach dem Scheitern.

Ich: Die kalten Geländer – da steht jemand?

Gedicht: Da könnte jemand stehen. Oder nicht. Die Geländer sind kalt, das reicht. Sie bieten Halt, aber keine Wärme.

Zweite Runde: Der bittere Geschmack

Ich: „an deinen fingerspitzen der bittere geschmack / von tabak“ – das ist Intimität, oder? Nähe, die erinnert wird?

Gedicht: Ja, aber schau, was für eine Intimität das ist. Ein Geschmack, der bleibt. Wie Rauch in der Kleidung nach einer Feier – du bist längst weg, aber der Geruch haftet. Das ist keine schöne Erinnerung. Bitter.

Ich: Und dann der Mohn. „geöffnet ist der mohn“ – Mohn steht doch für Vergessen, für Schlaf, für…

Gedicht: Stop. Hör auf, Symbole aufzusagen. Der Mohn ist geöffnet. Nicht geschlossen, nicht verblüht. Geöffnet. Was macht ein geöffneter Mohn?

Ich: Er… zeigt sein Inneres?

Gedicht: Er ist verletzlich. Offen. Und er verweigert sich dem Vergessen – er öffnet sich, statt sich zu schließen. Das ist das Gegenteil von Trost.

Dritte Runde: Die Eisheiligen

Ich: Die Eisheiligen – „und die eisheiligen sich dunkel / verzogen haben“ – das heißt doch, die Kälte ist vorbei? Es wird Frühling?

Gedicht: Nein. Lies noch mal. Sie haben sich „dunkel“ verzogen. Nicht: sie sind weg. Sie haben sich verzogen – wie Wolken, die nicht verschwinden, sondern nur ihre Form ändern. Die Kälte ist nicht vorbei, sie ist nur woanders.

Ich: Also bleibt die Kälte?

Gedicht: Die Kälte bleibt als Möglichkeit. Als Drohung. Die Eisheiligen sind keine Erlösung, sie sind nur eine Phase, die durchlaufen wurde – aber nicht überwunden.

Ich: Und die Kinder? „es rufen sie die kinder / ihre stimmen hell und noch in strophen“ – das ist doch Hoffnung? Unschuld?

Gedicht: „Noch“ in Strophen. Merkst du das Wort? Noch. Sie sprechen noch in Versen, noch in Ordnung. Aber das „noch“ sagt: Das wird nicht bleiben. Auch diese Ordnung ist vorläufig.

Vierte Runde: Kaffeesatz und Licht

Ich: „kaffeesatz in deinen gedanken“ – das ist die Suche nach Sinn? Nach Deutung?

Gedicht: Ja, aber sieh dir an, wo du suchst. Im Kaffeesatz. Im Undeutbaren. Du suchst Zeichen in dem, was übrig bleibt, in Resten. Und was findest du?

Ich: Die Frage: „warum wachsen diese stauden nicht“?

Gedicht: Genau. Keine Antwort. Nur eine Frage. Das Wachstum verweigert sich. Und dann kommt das Zentrum:

Ich: „warum bricht / das festgebrannte licht das rauschen der / strasse das rauschen der häfen das / trampeln auf pfaden das donnern nicht“

Gedicht: Jetzt hör genau zu. Was bricht nicht?

Ich: Das Licht bricht nicht. Und das Rauschen bricht nicht. Das Trampeln, das Donnern – nichts davon bricht.

Gedicht: Das Licht ist festgebrannt. Es ist keine Erleuchtung, keine Erkenntnis, die durchdringt. Es ist fest. Starr. Und das Rauschen – das Rauschen der Straße, der Häfen, das Trampeln, das Donnern – all das ist der Lärm der Welt. Das Leben, das weitergeht. Und es bricht nicht. Es hört nicht auf.

Ich: Das ist… unerträglich?

Gedicht: Das ist die Erfahrung: Innerer Stillstand bei äußerer Bewegung. Du stehst still, aber die Welt rauscht weiter. Und nichts bricht. Nichts hält an.

Letzte Runde: Das Fortgewehte

Ich: „bitter auch dein letzter streit und / wie du hast fortwehen lassen was / noch zart und ohne worte war“

Gedicht: Jetzt kommt die Schuld.

Ich: Das lyrische Ich trägt Verantwortung?

Gedicht: Ja. „Wie du hast fortwehen lassen“ – nicht: wie es fortgeweht wurde. Du hast es zugelassen. Du hast nicht festgehalten.

Ich: Aber was war das, „was noch zart und ohne worte war“?

Gedicht: Das sage ich nicht. Das ist die Leerstelle. Es war zart. Es war ohne Worte. Es war noch im Werden. Und du hast es gehen lassen – wie der Wind die Reste der Seilbahn fortwehen lässt.

Ich: Das ist… hart.

Gedicht: Ja. Und es ist der Schluss. Der letzte Streit war bitter – wie der Tabak. Und was zart war, ist fort. Das ist das Ende.

Was das Gespräch mir gezeigt hat

Ich hatte am Anfang gedacht, dieses Gedicht sei eine Meditation über Verlust, über das Ende einer Beziehung vielleicht. Das stimmt auch – aber es ist härter, als ich dachte.

Das Gedicht lässt keine Versöhnung zu. Die Eisheiligen bringen keine Erlösung, der Mohn bietet kein Vergessen, das Licht bringt keine Klarheit. Und am Ende steht nicht der Verlust als Schicksal, sondern als Entscheidung: „wie du hast fortwehen lassen“.

Das Rollengespräch hat mich gezwungen, genau hinzuhören. Wo ich Trost suchte (der geöffnete Mohn, die Kinder), hat das Gedicht widersprochen. Wo ich Symbolik unterstellen wollte (Wind als Vergänglichkeit), hat es mich korrigiert: Das sind nicht Symbole, das sind Bilder mit ihrer eigenen Logik.

Was bleibt, ist eine Ahnung davon, wie dieses Gedicht arbeitet: In Resten, in Fragmenten, in Fragen ohne Antworten. Und in der Spannung zwischen dem, was der Wind fortträgt, und dem, was festgebrannt bleibt – unfähig zu brechen, unfähig zu enden.

Das Gedicht hat das letzte Wort. Ich lasse es stehen.

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