Günter Herburger „Unter Glas“ | Manche Gedichte geben einem unmittelbar das Gefühl, einen Zugang zu haben. Dieses gehört nicht dazu. Beim ersten Lesen bleibt vor allem der Vater hängen, den man auf dem Dach „in den leeren Kanister gesperrt“ hat, „behaftet von Würmern, die waagerecht abstanden“. Man versucht, das aufzuschließen. Das Gedicht bleibt makaber, ohne dass sich hinter dem Makabren ein Sinn zeigt.
Irgendwann drängt sich eine Assoziation auf: ein Koan des Zen-Buddhismus. Nicht weil Herburger Zen-Lyrik geschrieben hätte – dafür gibt es keine Belege. Sondern weil das Gedicht ähnlich mit dem Lesen umgeht wie ein Koan mit dem Denken. Ein Koan führt den Verstand an einen Punkt, an dem logisches Auflösen nicht weiterhilft. Wer ihn analysieren will, entfernt sich von ihm.
Die Zeile „Schön war seine Angst mit einem gelben Rand“ funktioniert ähnlich. Der Verstand beginnt zu fragen: Wie kann Angst einen Rand haben? Warum gelb? Je länger man nach einer Erklärung sucht, desto rätselhafter wird der Vers. Lässt man die Frage ruhen, wirkt das Bild: Angst bekommt Form und Farbe, ohne erklärt zu werden.
Ein Koan leert den Geist, meist über äußerste Reduktion. Herburger überfüllt ihn – Bild reiht sich an Bild, ohne dem Lesen Zeit zur Einordnung zu lassen. Eher dichter Wald als geharkter Garten. Und doch führen beide an einen ähnlichen Punkt: Der Wunsch, alles logisch zu ordnen, erschöpft sich – beim Koan an der Kürze, bei Herburger an der Fülle.
Shunryū Suzuki hat das mit dem Begriff des Anfängergeists beschrieben: Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige. Unter Glas verlangt vielleicht genau diesen Anfängergeist – Steine, die zuhören, ein Gebirge, das schwimmt, Dinge, die ihre gewohnten Namen nicht behalten müssen.
Vielleicht ergibt sich, wenn man auf die Biografie des Autors schaut, ein etwas anderes Bild. Herburger wurde 1932 geboren, seine Kindheit fiel in die Jahre des Nationalsozialismus und des Krieges. Ich habe nachgesehen, was über seinen Vater bekannt ist – die Quellen nennen nur, dass er Tierarzt war, nichts zu jenen Jahren selbst. Eine Besprechung eines anderen Gedichtbands (Das Lager, planetlyrik.de) erwähnt allerdings, dass Herburgers Gedichte reale Familiengeschichte verarbeiten, darunter eine erzwungene Abnabelung vom Vater, den die Rezension als „Nazivater“ bezeichnet. Für Unter Glas selbst ist das kein Beleg, nur ein Fund am Rand. Losgelassen habe ich die Vermutung trotzdem nicht.
Vielleicht gehört das zur Erfahrung des Lesens dazu: Selbst wer die Koan-Haltung sucht, wer aufhören will, jedes Bild in eine Bedeutung zu übersetzen, reicht irgendwann die Hand nach einem Schlüssel. Auch wenn keiner da ist.
Beim Kupfergebirge selbst kommt mir eine andere Assoziation: Kupfer ist das Material alter Kessel und Töpfe. Was sich hebt, könnte ebenso ein Deckel sein, der zum Gebirge auswächst. Das lässt sich nicht behaupten, nur denken – eine kindliche Logik, die Dinge verbindet, ohne nach Kategorien zu fragen. Dieselbe Logik, die auch den Rest des Gedichts trägt.
Manchmal hebt sich das Kupfergebirge für Augenblicke, schwimmt, „darunter sitzen Buschfamilien“ und winken.
Günter Herburger (1932–2018) war deutscher Schriftsteller, unter anderem Lyriker, Romancier und Marathonläufer. „Unter Glas“ stammt aus dem Band Kinderreich Passmoré (1986), seinem siebten Gedichtband. Eine Besprechung einer späteren Auswahlausgabe (Das Lager, planetlyrik.de) nennt den Tod – offen oder verdeckt – als wiederkehrendes Thema dieses Bandes.
Das Gedicht „Unter Glas“ ist veröffentlicht in:
Günter Herburger – Kinderreich Passmoré
Gedichte
Luchterhand 1986
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Günter Herburger – Kinderreich Passmoré
Lesezeit:
1–2 MinutenGünter Herburger (1932–2018) war ein Autor, der aus der Bewegung heraus schrieb – als Langstreckenläufer durch Wüsten und Gebirge, als junger Mann auf Wanderschaft durch mehrere Länder. Er studierte Sanskrit und Philosophie in München und Paris. Zusammen mit Walter Höllerer belebte er das lange, prosanahe Gedicht neu. Als Kinderbuchautor löste er sich von einer Literatur,…
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Gedicht hinter Glas
Lesezeit:
2–3 MinutenGünter Herburger „Unter Glas“ | Manche Gedichte geben einem unmittelbar das Gefühl, einen Zugang zu haben. Dieses gehört nicht dazu. Beim ersten Lesen bleibt vor allem der Vater hängen, den man auf dem Dach „in den leeren Kanister gesperrt“ hat, „behaftet von Würmern, die waagerecht abstanden“. Man versucht, das aufzuschließen. Das Gedicht bleibt makaber, ohne…
