Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in Kontakt zu kommen.
Was, wenn wir Gedichte nicht sezieren, sondern mit ihnen sprechen?
Diese Frage hat mich in den letzten Monaten beschäftigt. Nicht aus theoretischem Interesse, sondern aus praktischer Not: Manche Gedichte lassen sich nicht durch Analyse erschließen. Sie brauchen eine andere Art der Begegnung – eine, die dem Text Raum gibt, zurückzusprechen, die eigene Unsicherheiten zulässt und das Ungesagte ernst nimmt.
Drei Wege des Gesprächs
Ich habe drei Methoden ausprobiert, die ich hier vorstellen möchte. Keine davon ist neu oder originell – aber sie haben mir geholfen, Gedichte anders zu lesen. Weniger als Objekte der Deutung, mehr als Gesprächspartner, die etwas von mir wollen.
1. Das Rollengespräch: Dem Text widersprechen dürfen
Die erste Methode behandelt das Gedicht nicht als stummes Objekt, sondern als jemanden, der eine eigene Meinung hat. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber der Trick ist einfach: Ich formuliere eine steile These zu einem Bild oder Motiv – und lasse dann das Gedicht in seiner eigenen Bildsprache widersprechen.
Ein Beispiel: Ich sage: „Dieser Wind in deinem Gedicht – das ist doch Sehnsucht nach Veränderung?“ Das Gedicht antwortet: „Nein. Der Wind trägt Reste fort. Er nimmt, er bringt nichts.“
Natürlich spricht das Gedicht nicht wirklich. Aber indem ich ihm eine Stimme gebe, zwinge ich mich, genauer hinzuhören. Ich kann nicht einfach meine Deutung durchdrücken – ich muss auf die Bilder achten, auf das, was der Text tatsächlich sagt (und was er verschweigt).
Diese Methode verhindert vorschnelle Interpretationen. Sie macht sichtbar, wo ich dem Gedicht meine eigenen Wünsche unterschiebe – und wo der Text sich dagegen wehrt.
2. Fragmentarische Re-Inszenierung: Mit fremden Worten antworten
Die zweite Methode ist weniger Interpretation als Übersetzung. Statt über das Gedicht zu schreiben, schreibe ich aus ihm heraus. Ich entnehme dem Original einzelne Wörter und Wendungen und füge sie zu einem neuen, kürzeren Text zusammen – wie ein Musiker, der ein Thema variiert.
Die Technik:
- Ich wähle 7-8 Schlüsselwörter aus dem Gedicht
- Ich baue sie in einen eigenen Text von etwa 6 Zeilen ein
- Ich halte mich an die rhythmische und sprachliche Struktur des Originals
Das Ergebnis ist kein neues Gedicht, sondern eine Art Echo. Es geht nicht darum, das Original zu verbessern oder zu ersetzen, sondern seine emotionale Struktur körperlich spürbar zu machen. Wenn ich die Wörter eines Gedichts durch meine eigenen Hände gehen lasse, verstehe ich etwas, das keine Analyse mir zeigen kann: den Rhythmus der Bilder, die Logik der Sprünge, die Dichte der Auslassungen.
3. Der Brief ans Ungesagte: Empathie als Erkenntnisweg
Die dritte Methode richtet sich an die Leerstellen des Gedichts. Ich schreibe Briefe an das, was im Text fehlt oder nur angedeutet wird: an die namenlos bleibenden Figuren, an die abgebrochenen Bewegungen, an das, was verloren gegangen ist.
Ein Beispiel: „Liebes ‚was noch zart und ohne worte war‘, wo bist du jetzt? Bist du das Rauschen unter den Schritten? Oder bist du längst fort, vom Wind getragen?“
Diese Briefe sind keine Analyse. Sie sind Versuche, das Ungesagte anzusprechen – nicht um es zu füllen, sondern um seine Abwesenheit präsent zu machen. Gedichte leben oft von dem, was sie verschweigen. Ein Brief ans Ungesagte ist eine Möglichkeit, diesem Schweigen zu begegnen, ohne es zu zerstören.
Warum dialogisch lesen?
Diese drei Methoden haben einen gemeinsamen Kern: Sie behandeln Gedichte nicht als fertige Bedeutungsträger, sondern als offene Gesprächsangebote. Paul Celan nannte Lyrik ein „Gegenwort“, das erwidert werden will. Gedichte sind grundsätzlich unabgeschlossen – sie warten auf Antwort.
Der praktische Nutzen liegt auf der Hand: Dialogisches Lesen beugt der Versuchung vor, dem Text von außen eine Bedeutung überzustülpen. Es hält mich näher am Material und macht mich aufmerksamer für die Eigenart des jeweiligen Gedichts.
Aber es gibt noch einen anderen Grund: Diese Art des Lesens macht Spaß. Sie ist spielerisch, riskant, manchmal unbeholfen – aber sie bringt mich in Bewegung. Statt vor dem Gedicht zu sitzen und nach der „richtigen“ Deutung zu suchen, kann ich ins Gespräch kommen, Thesen ausprobieren, scheitern, neu ansetzen.
Ein einfacher Test
Ich lese meine Antwort auf ein Gedicht laut vor. Wenn sie eine produktive Stille öffnet, statt nur zu erklären, bin ich auf dem richtigen Weg. Echter Dialog gibt dem Gedicht das letzte Wort – auch wenn es schweigt.
In den folgenden Beiträgen zeige ich, wie das konkret aussehen kann – am Beispiel von Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“. Drei Methoden, drei verschiedene Annäherungen an denselben Text. Nicht um ihn zu erklären, sondern um mit ihm ins Gespräch zu kommen.
