Kein Einzelfall

Bezug nehmend auf das Gedicht Einzeltäter von Safiye Can versuche ich mich in einer kritischen Reflexion das Originalgedicht in konkrete Handlungsimpulse zu übersetzen – weg von Ohnmacht hin zu Empowerment. Hier ein Vorschlag, wie sich Fragestellungen und Aktionsmöglichkeiten ableiten lassen:

Fragestellungen für den Einzelnen

Warnzeichen erkennen:
„Sehe ich die ‚Risse in der Wand‘ – also Drohungen, Gewaltfantasien oder Machtmissbrauch in meinem Umfeld?
„Wann habe ich etwas bewusst ignoriert, weil es unbequem war?“

Schweigen brechen:
„Wem vertraue ich mich an, wenn ich Unsicherheit spüre? Könnte mein Schweigen Täter:innen schützen?“
„Wie reagiere ich, wenn jemand sagt: ‚Das ist doch nur ein Einzelfall‘?“

Systeme hinterfragen:
„Welche Institutionen (Polizei, Schule, Arbeitsplatz) haben Mechanismen, um Gewalt früh zu stoppen? Nutze ich sie?“
„Unterstütze ich Initiativen, die strukturelle Prävention fördern – z. B. Frauenhäuser, Antidiskriminierungsstellen?“

Eigenes Handeln reflektieren:
„Bin ich Teil des Problems, wenn ich wegsehe – oder Teil der Lösung, wenn ich zuhöre und handele?“
„Wie kann ich Betroffenen signalisieren: Ich glaube dir – selbst wenn das System sie im Stich lässt?“


Ein Gedicht als Handlungsappell

„Kein Einzelfall“

Du siehst das Grau,
du hörst den Schrei –
ein Atemzug
zwischen Vielleicht und Jetzt.

Frag die Wand nach ihren Rissen,
frag das Schweigen nach dem Grund.
Ein Formular ist kein Schutz –
doch deine Stimme kann es sein.

Nimm den Stift,
der keine Antworten erfindet,
sondern Fragen stellt:
Warum?
Wer sah es?
Wer schaute weg?

Es gibt kein Unvorhersehbar
nur Augen, die sich weigern,
zu sehen.

Was ich vermitteln möchte:

Vom Passiven zum Aktivem: Die Zeilen „ein Atemzug / zwischen Vielleicht und Jetzt“ betonen den Moment der Entscheidung: Handeln oder Schweigen.

Konkrete Schritte: „Frag die Wand“ / „Nimm den Stift“ – Metaphern für proaktives Hinterfragen und Dokumentieren.

Kollektive Verantwortung: Das „du“ wird zum Akteur, der Systeme durch kleine Taten unterläuft (z. B. Betroffene unterstützen, Vorfälle melden).


Macht das Sinn?:
Das Originalgedicht entlarvt die Illusion, Einzeltäter seien isolierte Phänomene. Die Ableitung von Handlungsfragen zeigt: Prävention beginnt im Kleinen – beim Wahrnehmen von Warnsignalen, beim Infragestellen von Plattitüden („Einzelfall“) und beim Nutzen vorhandener Strukturen. Jede und jeder Einzelne kann ein „Riss“ im Schweigen sein, der verhindert, dass Täter, Täterinnen ungestört agieren.

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