Mein Leben glich bis heute einer Partie Schach, die ich mit einem taktlosen Gegner spielte. Keinen Zug konnte ich tun, ohne dass er mir wegnahm, was er nehmen konnte – ohne eigenen Plan und ohne einen solchen bei mir zu erkennen. Und mir, dem es nicht auf das Gewinnen, sondern auf den Reiz des gefühlvollen Spiels ankam, war es nicht möglich, auf seine Spielart einzugehen.
Ich ließ ihm seine Figuren, und nahm sie im selben Grade weniger, als ich sie bequem schlagen konnte. Er aber hüpfte raublustig in meinem Spiel umher, auf meine Art bauend, und sie für unbegreifliche Dummheit haltend. So konnte ich keine Partie gewinnen. Zornig stieß ich mehr als einmal das Brett um, auf das nächste Spiel bauend. Bis heute, da fällte ich den Eröffnungsbaum.
Die Figur, die ich in den letzten Jahren verkörpert hatte, war nicht die meine gewesen. Ich hatte mich in einer Strategie verloren, die mir nicht lag, in einem System gefangen, dessen Regeln mir fremd geblieben waren. Doch mit jedem umgestoßenen Brett, mit jedem neuen Versuch war mir eine Erkenntnis gewachsen, die ich lange nicht greifen konnte: Das Spiel war nicht vorgegeben. Die Züge nicht unumstößlich. Und der Gegner? Vielleicht gab es ihn gar nicht.
Heute fällte ich den Eröffnungsbaum, nicht in Wut, sondern in Einsicht. Ich hatte es zugelassen, dass fremde Züge mein Spiel bestimmten. Doch nun stand ich da, die Axt noch in der Hand, und betrachtete das leere Brett. Kein Gegner mehr, keine gezwungenen Züge. Nur Möglichkeiten.
Langsam, beinahe zögerlich, setzte ich die Figuren neu. Dieses Mal würde ich sie so stellen, wie es mir gefiel. Vielleicht ein asymmetrisches Muster. Vielleicht mit eigenen Regeln. Vielleicht ganz ohne Schwarz und Weiß. Und während der Wind durch die Überreste des gefallenen Baumes strich, wusste ich: Mein Spiel begann erst jetzt.
Zum Beitragsbild: Der Künstler Sir John Lavery RA (1856 – 1941) war ein irischer Porträtist und Landschaftsmaler.
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