Hansjörg Schertenleib führt in seiner Erzählung „Der Antiquar“ die Figur des Fabrikanten Hermann Hotz ein, der im Chor singt. Eine Randbemerkung, beiläufig. Dennoch: Zum ersten Mal begegnete mir in einem literarischen Text jemand, der singt – nicht allein, nicht als Solist, sondern in der Gemeinschaft eines Chores. Da ich selbst im Chor singe, habe ich mich gefragt: Spielt Chorsingen in der Literatur überhaupt eine Rolle? Und wenn ja, welche?
Bei der Recherche bin ich auf etwas gestoßen, das mich erschreckt hat: Im deutschsprachigen Raum wird der Chor fast ausschließlich negativ konnotiert. Chorsingen gilt als Disziplinierung, als Gleichschaltung, als nostalgisches Relikt bürgerlicher Selbstformierung. In der Literatur taucht der Chor entweder als Symbol gescheiterter Gemeinschaft auf oder als Groteske – bei Genazino die peinliche Reste-Sinnstiftung, bei Jelinek die entindividualisierte Masse, bei Bernhard der Zwang zur Harmonie als Gewalt.
Das hat mich irritiert. Nicht, weil ich diese historischen Zusammenhänge bestreite – Männergesangvereine, nationale Liederfeste, Gleichschaltung: Das ist dokumentiert, das ist real. Aber es erklärt nicht, was ich erlebe, wenn ich singe.
Ich singe in einem Chor. Seit Jahren. Und nichts von dem, was ich dort erfahre, hat mit Gleichschaltung zu tun. Im Gegenteil.
Die Praxis: Was im Chor geschieht
Chorsingen ist zunächst einmal körperlich. Man atmet. Man steht, manchmal stundenlang. Man spürt, wie der Brustkorb vibriert, wie sich der Kiefer lockern muss, wie die Zunge Raum braucht. Das hat nichts mit Metaphorik zu tun – das ist Technik. Atemstütze, Vokalausgleich, Resonanzräume. Man lernt etwas, man verbessert sich, man scheitert auch.
Aber Chorsingen ist nie nur individuell. Die eigene Stimme existiert nur in Relation zu anderen. Ich höre den Sopran über mir, den Bass neben mir, ich höre, wo jemand zu früh einsetzt, wo die Intonation kippt. Ich passe mich an, ich stütze, ich lasse mich tragen. Manchmal bin ich schwach, und die anderen halten den Klang. Manchmal bin ich präsent, und ich merke, wie sich jemand an meiner Stimme orientiert.
Das ist kein Verschmelzen. Es ist Aushandlung. Permanent.
Der Dirigent gibt eine Geste – aber wie ich sie umsetze, hängt davon ab, was um mich herum klingt. Ein Chor ist kein Befehlssystem. Er ist ein Geflecht aus Angeboten und Reaktionen. Man ist Teil eines Ganzen, aber nicht aufgelöst darin.
Und dann gibt es Momente, in denen es einfach trägt. Wo der Klang größer ist als die Summe der Einzelstimmen. Wo man sich nicht mehr anstrengen muss, sondern einfach drin ist. Das ist keine Euphorie, keine Ekstase. Es ist eher ein Zustand von Präsenz ohne Anstrengung.
Die Leerstelle: Wo ist diese Literatur?
Ich habe gesucht. Nach Romanen, in denen Chöre zentral sind. Nach Texten, die diese Praxis ernst nehmen – nicht als Symbol, nicht als Ideologie, sondern als das, was sie ist: eine soziale und körperliche Erfahrung.
Im deutschsprachigen Raum habe ich fast nichts gefunden.
Christoph Hein lässt in Der fremde Freund eine Figur im Chor singen – aber der Chor ist dort Teil des DDR-Milieus, ein Symptom von Disziplin und innerer Leere. Ernst Augustin verhandelt in Robinsons blaues Haus das Singen als zivilisatorische Geste, aber nicht als konkrete Praxis. Bei Genazino sind Gesangsvereine Orte der Peinlichkeit, bei Jelinek wird der Chor zur chorischen Rede, zur Entindividualisierung.
Überall wird der Chor bedeutet. Nirgendwo wird er einfach beschrieben.
Das ist bemerkenswert. Gerade in einem Land mit einer so reichen Chortradition – Kirchenchöre, Kammerchöre, Arbeiterchöre, Laienchöre. Die soziale Realität ist massiv vorhanden. Die literarische Verarbeitung fehlt.
Vielleicht liegt es an der historischen Belastung. Der Chor im deutschen Kontext ist so sehr mit Nationalismus, Ideologie, bürgerlicher Selbstdisziplinierung verbunden, dass er literarisch nicht mehr unschuldig erzählt werden kann. Man muss ihn brechen, ironisieren, dekonstruieren. Eine ernsthafte, nicht-ironische Auseinandersetzung mit dem Chorsingen als körperlicher und sozialer Praxis scheint nicht möglich.
Oder es liegt daran, dass Schriftsteller:innen selten selbst im Chor singen.
Der andere Blick: Anglo-amerikanische Literatur
Im anglo-amerikanischen Raum sieht es anders aus. Dort gibt es andere Traditionen: Gospel, Spiritual, community singing. Der Chor ist dort weniger historisch kontaminiert. Er kann einfach Chor sein.
Bei Toni Morrison ist der Kirchenchor selbstverständlicher Teil der Erzählwelt. Bei Barbara Kingsolver wird Gesang als soziale Praxis beschrieben, nicht als Ideologie. Ann Patchetts Bel Canto kreist um die Verbindung von Stimme, Körper und sozialer Bindung.
Es gibt dort eine Literatur, die das Singen ernst nimmt – nicht als Symbol, sondern als Erfahrung.
Was (mir) fehlt: Eine Sprache für diese Praxis
Was ich vermisse, ist eine Sprache für das, was im Chor tatsächlich geschieht. Für das Zuhören. Für das Getragensein. Für die Spannung zwischen Individuum und Klangkörper. Für die Hierarchien, die Reibungen, die Momente des Scheiterns und des Gelingens.
Chorsingen ist keine romantische Verschmelzung. Es ist auch kein Disziplinarapparat. Es ist eine Praxis, die funktioniert – körperlich, sozial, musikalisch. Eine Praxis, die Differenz braucht, nicht Gleichklang.
Ich kann nicht sagen, ob diese Literatur noch geschrieben wird. Aber ich kann sagen, dass sie fehlt.
Offene Fragen
Vielleicht liegt die Schwierigkeit darin, dass Chorsingen weder heroisch noch tragisch ist. Es ist eine alltägliche Praxis. Man trifft sich, man singt, man geht wieder. Es gibt keine großen Erzählungen, keine Durchbrüche, keine Katastrophen.
Aber gerade darin könnte die literarische Herausforderung liegen: Wie erzählt man etwas, das so grundnatürlich ist wie gemeinsames Singen? Wie macht man sichtbar, was nebenbei geschieht – das Hören, das Atmen, das Sich-Orientieren an anderen Stimmen?
Wie schreibt man über Gemeinschaft, ohne sie zu verklären oder zu verdächtigen?
Ich weiß es noch nicht. Aber ich suche danach.
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