«Er liebte es, im Lichte von Tischlampe und Globus über Landkarten zu sitzen und mit dem Zeigefinger neue Routen abzufahren. Hatte er sich in einer Hochebene verirrt, brauchte er bloß den Blick zu heben, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. (…)”
Seine Trauer bewältigte er in den eigenen vier Wänden, über Landkarten sitzend, da ihn die Beschäftigung mit den vermessenen Landschaften rational denken ließ und davon abhielt, sich in seiner Trauer zu verlieren. Das Leben des Antiquars Arthur Dold verläuft ruhig und in geordneten Bahnen. In seinem kleinen Laden hat er sich seine ganz eigene, stille Welt aus Karten und alten Folianten errichtet, einen Ort ganz nach seinem Maß, übersichtlich und weltabgewandt.
Doch dann geraten die Dinge in Unordnung, bei einem Überfall wird Dold leicht verletzt, und vielleicht beginnt sich deswegen schrittweise die Vergangenheit zu melden, vor allem die Kindheit und Jugend mit der Schwester in der Fabrikantenvilla Italica am See, wo Arthur Dold als Sohn des Gärtners eine großbürgerliche Jugend als Zaungast erlebte.
Überall zeigen sich nun die Risse im Leben Arthur Dolds, die Wunden, über die dieser die sanfte Decke des Vergessens gelegt hatte, indem er sich eine zweite Welt, die Welt der Karten, der Bilder, der Aufzeichnungen errichtet hatte. Demütigungen und Verzweiflungen tauchen auf. Das Erlebnis der Hilflosigkeit gegenüber der Macht. Eine verunglückte Reise nach Peru mit seiner ersten Liebe, das Ende einer Schwangerschaft, das Leben seiner Eltern mit ihren kleinen, unerfüllten Träumen, alte Fotografien, die man nicht mehr versteht.
Hansjörg Schertenleib erzählt die Geschichte eines Mannes, den noch einmal die Vergangenheit erfasst und dem dadurch die Brüchigkeit seiner Existenz in den Blick gerät.
Autor: Hansjörg Schertenleib (*4. November 1957 in Zürich) ist ein Schweizer Schriftsteller und Übersetzer, der seit den frühen 1980er-Jahren Prosa, Gedichte, Theatertexte und Hörspiele veröffentlicht. Er lebt(te) längere Zeit in Irland, den USA und Frankreich und schreibt in einer klaren, nüchternen Sprache, die wiederholt als sachlich und präzise charakterisiert wird. Zu seinen bekanntesten Werken zählt Das Zimmer der Signora.
Roman/Erzählung – Ursprüngliche Veröffentlichung 1991, Taschenbuchausgabe u. a. Aufbau TB, 2007. ca. 188 – 192 Seiten. ISBN-13: 978-3-7466-2397-9 (Aufbau); weitere Ausgaben auch Fischer Taschenbuch ISBN-13: 978-3-596-11494-8.
Titelbild: RoySnyder
LektüreNotizen:
Arthur Dold findet in einem Atlas einen Portolan. Es verzeichnet in frühes Bild der afrikanischen Küste. Was ist das? (Seite 10)
Eine Portolankarte (ital. portolano, von porto = Hafen) ist ein mittelalterlicher Seekartentyp, der vom 13. bis 16. Jahrhundert vor allem im Mittelmeerraum verwendet wurde. Ihr charakteristisches Merkmal sind dichte Netze aus Rumbenlinien, die von mehreren Kompassrosen ausgehen und die Navigation nach Kursen ermöglichen. Im Gegensatz zu den zeitgenössischen, theologisch geprägten mappae mundi zeigen Portolankarten Küstenlinien mit erstaunlicher geometrischer Präzision, während das Binnenland meist leer bleibt oder nur schematisch angedeutet ist. Bis heute ist ungeklärt, nach welchem Verfahren die Kartographen diese Genauigkeit erreichten – ein Rätsel, das die Forschung seit über einem Jahrhundert beschäftigt. Der Name leitet sich von den schriftlichen Portolani ab, Handbüchern mit Hafenbeschreibungen und Kursangaben, aus denen die Karten vermutlich hervorgingen.
Aus der Recherche zu Portolankarten ist ein literarischer Essay entstanden: Portolankarten als literarische Rätsel
In Hansjörg Schertenleibs Erzählung Der Antiquar gibt es eine Stelle, an der der Protagonist als Kind einen See kartiert. Mit eigenen Mitteln, aus eigener Anschauung. Das möchte ich ausprobieren, zunächst im Gelände das ich glaube zu kennen: Karten zeichnen wie früher — ein Versuch
Kapitel 2 – Hansjörg Schertenleib führt die Figur des Fabrikanten Hermann Hotz ein, der im Chor singt. Eher beiläufig. Dennoch: Zum ersten Mal begegnete mir in einem literarischen Text jemand, der singt – nicht allein, nicht als Solist, sondern in der Gemeinschaft eines Chors. Da ich selbst im Chor singe, habe ich mich gefragt: Spielt Chorsingen in der Literatur überhaupt eine Rolle? Und wenn ja, welche? – Eine Recherche.
Einige Zitate rundum das Kartenzeichnen und -lesen Arthur Dolds:
«Arthur Dold sass den ganzen Tag über Karten und Atlanten (…). (…) (er) war in die stille und geordnete Welt der Karten zurückgekehrt. (…) Er liebte es, im Lichte von Tischlampe und Globus über Landkarten zu sitzen und mit dem Zeigefinger neue Routen abzufahren. Hatte er sich in einer Hochebene verirrt, brauchte er bloss den Blick zu heben, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. (…) Seine Trauer bewältigte er in den eigenen vier Wänden, über Landkarten sitzend, da ihn die Beschäftigung mit den vermessenen Landschaften rational denken liess und davon abhielt, sich in seiner Trauer zu verlieren.» (…)
«Hatte er in der Tat ein schlechtes Gedächtnis? Ging er zu systematisch vor, weil er überzeugt war, dass sich auch für die Vergangenheit eine Karte anlegen liess, ein Plan, der nach logischen Gesichtspunkten aufgebaut war?» (…)
«(Er machte) sich nichts aus Gärten. Ging er seinem Vater zur Hand, tat er dies mit Widerwillen, weil er die Pflanzen, die Natur überhaupt, nur als Kulisse sah, als Gegenstand, den es zu kartographieren galt. Mit einem Grundrissplan des Gartens der ‚Italica‘, sorgfältig beschriftet und koloriert, hatte er seinem Vater seinerzeit die grösste Freude gemacht. Sein Vater hatte den Bogen, 90 Zentimeter im Quadrat, rahmen lassen und ins Wohnzimmer gehängt, um ihn jedem Besucher zu zeigen und zu erläutern.» (…)
«Ach ja: Der Geometer hatte die Waldung vor Einbruch der Dämmerung verlassen und sich dann auf die Klippen gelegt, um die Nacht am Wasser zu verbringen. In der Früh sass er im Wind, der landwärts blies, und wusste mit einem Mal, dass er nichts besass, mit dem er gegen die Welt hätte antreten können. So nahm er Stift, Papier und ging daran, sie neu zu zeichnen, seine Welt.»
Aus der Lektüre entstandene Beiträge:
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Karten zeichnen wie früher — ein Versuch
Lesezeit:
1–2 MinutenIn Hansjörg Schertenleibs Erzählung Der Antiquar gibt es eine Stelle, an der der Protagonist als Kind einen See kartiert. Mit eigenen Mitteln, aus eigener Anschauung. Diese Stelle hat mich nicht losgelassen.Vor Satelliten und Luftbildern kannte man Gelände nur von unten. Man ist es abgegangen, hat gezählt, geschätzt, gezeichnet. Die Karte war kein Abbild — sie…
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Portolankarten als literarische Rätsel
Lesezeit:
8–12 Minuten„Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ – diese Frage W.G. Sebalds steht über jeder Portolankarte. Die mittelalterlichen Seekarten zeigen Küsten und Häfen mit einer Genauigkeit, deren Verfahren bis heute ungeklärt ist. Der Essay erkundet dieses Rätsel…
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Shōbōgenzō bei Hansjörg Schertenleib
Lesezeit:
3–5 Minuten„Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Hansjörg Schertenleib | Der Antiquar Ich dachte erst, das sei ein Haiku. Die Kürze, das Naturbild, diese Ruhe – es wirkte wie ein dreizeiliges japanisches Gedicht. Aber etwas stimmte nicht. Die Form passte nicht, und der…
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Über das Chorsingen
Lesezeit:
4–6 MinutenHansjörg Schertenleib führt in seiner Erzählung „Der Antiquar“ die Figur des Fabrikanten Hermann Hotz ein, der im Chor singt. Eine Randbemerkung, beiläufig. Dennoch: Zum ersten Mal begegnete mir in einem literarischen Text jemand, der singt – nicht allein, nicht als Solist, sondern in der Gemeinschaft eines Chores. Da ich selbst im Chor singe, habe ich…
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Hansjörg Schertenleib – Der Antiquar
Lesezeit:
4–6 Minuten«Er liebte es, im Lichte von Tischlampe und Globus über Landkarten zu sitzen und mit dem Zeigefinger neue Routen abzufahren. Hatte er sich in einer Hochebene verirrt, brauchte er bloß den Blick zu heben, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. (…)” Seine Trauer bewältigte er in den eigenen vier Wänden, über Landkarten sitzend, da ihn die…
