Die Buchreihe „Erkundungen“ – Ein Fenster zur Weltliteratur von der DDR aus gesehen | Zwischen 1966 und 1996 erschienen im Ost-Berliner Verlag Volk und Welt 64 schmale Bände unter dem Reihentitel „Erkundungen“. Jeder Band versammelte Erzählungen aus einem Land oder einer Region – „X Erzähler aus Y“ lautete die Formel. Chile, Vietnam, Belgien und die Niederlande, später auch Kenia oder Peru. Der Aufbau blieb konstant: literarische Texte, meist Kurzprosa, dazu editorische Einführungen und Kurzbiografien im Anhang. Keine Einzelwerke, sondern bewusst komponierte Querschnitte durch Literaturen.
Kopfreisen ohne Pass
Die Reihe entstand aus einer strukturellen Notwendigkeit. Reisen war in der DDR beschränkt, der Zugang zu internationaler Literatur reglementiert. „Erkundungen“ bot einen Ersatz: Lesen als organisierte Bewegung durch die Welt. Der Verlag selbst sprach von „Kopfreisen ohne Pass“ – eine Metapher, die den kompensatorischen Charakter offen ausstellte. Literatur wurde hier zum Surrogat für reale Mobilität, aber auch zum Medium, das überhaupt erst Zugang zu bestimmten Stimmen schuf.
Paradox: Die Reihe war Produkt von Restriktionen und zugleich deren produktive Bearbeitung.
Der Verlag als Filter und Motor
Der Verlag Volk und Welt war die zentrale Institution für internationale Gegenwartsliteratur in der DDR. Ein hochspezialisiertes Team von über zwanzig Lektoren hatte sich über drei Jahrzehnte eine einmalige Kompetenz für romanische, englischsprachige, slawische und germanistische Literaturen erarbeitet. Zugleich verfügte es über ein „grandioses Expertenwissen“, wenn es um Zensurfragen ging, wie der Literaturhistoriker Siegfried Lokatis in seiner Untersuchung zur DDR-Literatur aus der Schweiz schreibt. Das Verlagsprogramm umfasste 43 Nobelpreisträger – eine beeindruckende Zahl, die die Bedeutung unterstreicht.
„Erkundungen“ war Teil dieser größeren Strategie: ein Medium, durch das die „umstrittene literarische Moderne ihren Einzug ins ‚Leseland‘ halten konnte“. Die Lektoren kämpften dafür, dass Anna Achmatowa und Woody Allen, Simone de Beauvoir und Isaak Babel, Italo Calvino und Günter Grass auch in der DDR gelesen werden konnten – und zwar durch ein „unerschöpfliches Repertoire zensurtaktischer Finten“.
Kuratierte Weltaneignung
Die Auswahl der Texte bewegte sich in einem Spannungsfeld. Kulturpolitische Vorgaben existierten, ebenso verlegerische Neugier und die Netzwerke von Übersetzern und Lektoren. Das Ergebnis war ein Kanon, der gesteuert, aber nicht vollständig kontrolliert war. Übersetzer fungierten als kulturelle Filter, Lektoren mussten Inhalte durch Genehmigungsprozesse navigieren. Die Reihe bot die Möglichkeit, Autoren „einzuführen“, ohne sie vollständig freizugeben – ein Testfeld für literarische Öffnung.
Entscheidend ist: Die editorische Praxis war nicht bloß ausführend, sondern konstituierte die Texte mit. Oft stammten sie aus weniger zugänglichen Literaturen Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas. Was in der DDR ankam, war bereits das Ergebnis mehrfacher Vermittlung.
Einige Herausgeber prägten die Reihe über Jahre. Alfred Antkowiak verantwortete Bände zu Belgien/Niederlande, Dänemark und Schweden, Hans Petersen zu Australien, England, Irland und Wales, Andreas Klotsch zu den lateinamerikanischen Literaturen – Argentinien, Chile, Mexiko, Portugal, Spanien. Roland Links erschloss systematisch die Schweiz als neues Arbeitsfeld, nachdem 1963 die deutschsprachige Gegenwartsliteratur aus der Bundesrepublik dem Aufbau-Verlag zugewiesen worden war.
Links unternahm „Sammelreisen“, nutzte lokale Rivalitäten zwischen Schriftstellerverbänden in Zürich, Bern, Basel und Olten, hörte aufmerksam zu, „was die Baseler Autoren über meine Auswahlreise aus Zürich und Bern, die Züricher über Basel und Bern und die Berner über Basel und Zürich gesagt haben“. Diese Spezialisierungen verweisen auf gewachsene Netzwerke, auf Kennerschaften, die sich über Jahrzehnte entwickelten.
Ästhetische Bandbreite trotz politischer Rahmung
Die literarische Spannweite überrascht rückblickend. Neben erwartbarer realistischer, sozial geprägter Prosa finden sich magischer Realismus aus Lateinamerika, experimentellere Erzählformen aus Osteuropa, postkoloniale Stimmen aus Afrika. Der Lateinamerika-Schwerpunkt ist unübersehbar: Argentinien, Brasilien, Chile (zwei Bände), Kuba (zwei Bände), Mexiko, Mittelamerika, Rio de la Plata, Venezuela. Einige Autoren wurden hier erstmals im deutschsprachigen Raum sichtbar, bevor sie international kanonisch wurden.
Die DDR-Publikationen wirkten auf die Literaturszenen der Herkunftsländer zurück. Jakob Bührer, dessen Trilogie Im Roten Feld 1973/1974 zuerst bei Volk und Welt erschien, „darbte davor in der Schweiz vergessen dahin und gilt seitdem als moderner Klassiker“, schreibt Lokatis. Ähnliches gilt für Walter Matthias Diggelmann und Walter Kauer, dessen Schachteltraum 1974 bei Volk und Welt Premiere feierte. Roland Links bezeichnete Kauer als „von uns eigentlich kreierten Schriftsteller“ – erst durch die DDR-Ausgabe wurde er bei Benziger zum Starautor.
Diese Asynchronität erzeugt einen produktiven Widerspruch: Im historischen Moment der DDR wirkte die Reihe kontrolliert, im Rückblick erscheint sie erstaunlich offen.
Eine kartografierte Perspektive
Die geografische Abdeckung reicht von Island bis Australien, von Palästina bis Kanada. Auch Israel (1987) und die BRD samt Westberlin (zwei Bände, 1964 und 1977) sind vertreten – eine Breite, die über simple ideologische Kategorien hinausgeht. Zugleich markieren die Leerstellen die Grenzen: Die USA fehlen vollständig. Afrikanische Literaturen erscheinen nicht nach Ländern differenziert, sondern in einem Gesamtband „27 afrikanische Erzähler“ (1978) – eine Zusammenfassung, die dem Kontinent seine Heterogenität nimmt.
Die Bände bilden keine neutrale Weltkarte ab, sondern eine kartografierte Perspektive. Die Abwesenheit der USA ist dabei die deutlichste Markierung: nicht nur kulturpolitisch begründbar, sondern strukturell konsequent für ein Projekt, das sich als Gegenmodell zum westlichen Literaturbetrieb verstand.
Das Plusauflagen-System
Die enorme Verbreitung der Reihe hatte einen kriminellen Hintergrund. Der Verlag druckte systematisch weit höhere Auflagen als vertraglich mit den westlichen Lizenzgebern vereinbart. Bei „Erkundungen: 35 Schweizer Erzähler“ wurden 25.000 statt der kontraktierten 8.000 Exemplare gedruckt, beim zweiten Band ebenfalls 25.000 statt 8.000. Max Frischs Stiller erschien in 17.500 statt 10.000 Exemplaren, Adolf Muschgs Baiyun in 30.000 statt 6.000.
Diese „Plusauflagen“ ermöglichte die Konzentration des Belletristik-Imports auf zwei SED-nahe Verlage – Aufbau und Volk und Welt. Das Wissen um den im Auftrag der SED-Finanzverwaltung durchgeführten Betrug blieb parteiintern, nur wenige Führungskader waren eingeweiht. Insgesamt addierten sich die ersparten Valuta-Beträge bis 1990 auf über 20 Millionen DM, die in den 1990er-Jahren von der Treuhand an die betroffenen Westverlage zurückgezahlt wurden.
Das Ergebnis war eine „weitgehend illegale Massenproduktion, die mehr schlecht als recht den enormen Bedarf befriedigte, der durch die Zensurpraxis angekurbelt war“. Die Bücher wurden „den Leuten aus den Händen gerissen“, wie eine Lektorin berichtete. „Werbung war gar nicht nötig.“
Über die Wende hinaus
Bemerkenswert ist die zeitliche Ausdehnung. Noch zwischen 1992 und 1996 erschienen Bände zu Japan, Russland, Portugal, Rio de la Plata und der englischsprachigen Karibik – also nach der Wiedervereinigung, bis zur Liquidierung des Verlags 2001. Die Reihe überlebte ihr politisches System.
Eine Praxis des Weltlesens unter Bedingungen
„Erkundungen“ ist weniger eine Sammlung von Texten als eine dokumentierte Praxis. Sie zeigt, wie Weltliteratur unter spezifischen Bedingungen kuratiert, übersetzt, vermittelt wurde. Literarisch bietet sie frühe Zugänge zu globalen Stimmen, editorisch ein Beispiel für gesteuerte, aber nicht unproduktive Kanonbildung, historisch ein Dokument der kulturellen Aushandlung im Kalten Krieg.
Thomas Klein, als „heimlicher Leser“ und Bücherschmuggler in Ost-Berlin aktiv, urteilt trotz aller zensurtaktischen Kompromisse: „Das Beste von Dürrenmatt“ sei auch in der DDR erschienen. „Auf jeden Fall sorgte der Verlag dafür, daß der gezielte Blick bei solchen Autoren hängengeblieben ist.“
Die Frage, die sich heute stellt: Welche Strukturen bestimmen gegenwärtig, welche Literaturen zugänglich werden – und welche nicht?
Literatur: Siegfried Lokatis: DDR-Literatur aus der Schweiz, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2014, www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1637 und weitere. Eien Gesamtübersicht der ausgaben finden Sie auf wikipedia.
Beispielhafte Bände der „Erkundungen“-Reihe aus meinem Bestand
Erkundungen: 17 kongolesische Erzähler (1984)
Ein seltener Einblick in die Literatur des Kongo, mit Erzählungen, die zwischen traditionellen Motiven und moderner Prosa oszillieren. Die Geschichten spiegeln die koloniale Vergangenheit und postkoloniale Identitätssuche wider – ein Thema, das in der DDR-Literaturlandschaft kaum präsent war.
Erkundungen: 24 tschechische und slowakische Erzähler (1979, Hg. Karl-Heinz Jähn)
Mit 312 Seiten einer der umfangreichsten Bände, der die reiche Erzähltradition der Tschechoslowakei präsentiert. Enthalten waren u.a. Texte von Bohumil Hrabal („Die Welt ist ein unaufhörlicher Strom von Zufällen, die nur darauf warten, dass wir sie in Gesetze verwandeln.“) und Josef Škvorecký, dessen Werke später im Westen große Bekanntheit erlangten.
Erkundungen: 16 vietnamesische Erzähler (1977, Hg. Aljonna & Klaus Möckel)
Dieser 292-seitige Band bot einen der wenigen Zugänge zur vietnamesischen Literatur in deutscher Sprache. Die Erzählungen verbanden oft folkloristische Elemente mit zeitgenössischen Themen, darunter der Krieg und seine Nachwirkungen.
Erkundungen II: 42 Schweizer Erzähler (1984, Hg. Ingeborg Quaas)
Ein Panorama der Schweizer Literatur, das von klassischen Autoren bis zu damals zeitgenössischen Stimmen reichte. Die Schweiz – sonst eher als „westliches“ Land wahrgenommen – wurde hier in ihrer mehrsprachigen Vielfalt präsentiert.
Erkundungen: 21 Erzähler aus Belgien und den Niederlanden (1976) – Diesen Band habe ich doppelt und tausche gerne.
Dieser Band zeigte die literarische Nähe und Unterschiede zwischen flämischen, wallonischen und niederländischen Autoren. Besonders spannend war die Gegenüberstellung von magischem Realismus und sozialkritischer Prosa.
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