Nathalie Schmids Gedicht arbeitet mit elementaren Bildern – Erde, Regen, Tag und Nacht – und setzt eine Gewissheit voraus, die es nicht erklärt. Das macht den Text offen und gleichzeitig präzise.
Das lyrische Ich beginnt mit einer Feststellung: „es ist alles schon in mir / wonach ich suche / es ist bereits vorhanden“. Der Text positioniert sich damit gegen eine Vorstellung von Mangel. Suche erscheint nicht als Bewegung nach außen, sondern als etwas, das bereits an sein Ende gekommen ist.
Darauf folgt eine Abfolge elementarer Bilder: „die erde ist da / die felder gepflügt / gute erde / nährender boden“. Erde, Felder, Regen, Tag und Nacht bilden keine erzählende Szene, sondern eine Art Grundinventar. Die Welt wird nicht entdeckt, sondern vorausgesetzt. Besonders auffällig ist, dass diese Bilder tätig sind: Felder sind „gepflügt“, der Boden ist „nährend“, der Tag „breitet sich aus“. Das Gedicht beschreibt Bedingungen von Leben, nicht dessen Ereignisse.
Formal arbeitet der Text additiv. Ein Bild folgt dem nächsten, ohne Hierarchie, ohne Steigerung, ohne Bruch. Die Zeilen sind ruhig, gleichmäßig, fast atemhaft. Es gibt keine Fragen, keine Gegenstimmen, keine Korrekturen. Dadurch entsteht ein Ton der Gewissheit, der nicht argumentiert, sondern behauptet.
Der Schluss führt eine Bewegung ein, ohne diese Gewissheit aufzuheben: „da ist die nacht / und sie fließt an unbekannte ufer“. Das Unbekannte erscheint hier nicht als Bedrohung, sondern als offene Fortsetzung. Der Text endet nicht in einem Abschluss, sondern in einem Übergang.
Das Gedicht ist kein Such- oder Erkenntnisgedicht. Es beschreibt ein Verhältnis zur Welt, in dem das Wesentliche vorhanden ist und Bewegung möglich bleibt, ohne dass Sicherheit verloren geht.
Beim erneuten Lesen kam mir die Verortung des Gedichts in Nathalie Schmids Rubrik „Atlantis lokalisieren“ in den Sinn – und ein Gedicht der polnischen Autorin Wisława Szymborska mit dem Titel „Atlantis“. Daraus hat sich eine weitere Lesart ergeben, die ich hier verlinke.
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Nathalie Schmid – es ist alles
1–2 MinutenNathalie Schmids Gedicht arbeitet mit elementaren Bildern – Erde, Regen, Tag und Nacht – und setzt eine Gewissheit voraus, die es nicht erklärt. Das macht den Text offen und gleichzeitig präzise. Das lyrische Ich beginnt mit einer Feststellung: „es ist alles schon in mir / wonach ich suche / es ist bereits vorhanden“. Der Text…
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Zwei Wege, Atlantis zu lesen? Wisława Szymborska trifft Nathalie Schmid
Atlantis ist einer dieser Orte, die weniger durch Geografie existieren als durch Sprache. Je mehr über ihn gesprochen wurde, desto unauffindbarer wurde er. In der Lyrik taucht Atlantis deshalb selten als Schauplatz auf, sondern als Denkbewegung: als Frage nach Ort, Gewissheit und Verortung überhaupt. Zwei Gedichte – eines von Wisława Szymborska (Atlantis), eines von Nathalie…
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Brief ans Ungesagte – An die Leerstellen schreiben
Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“ Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011 Gedichte leben von dem, was sie verschweigen. Von den Figuren, die keinen Namen bekommen. Von den Bewegungen, die abbrechen. Von dem, was „noch zart und ohne worte war“ und dann fort ist. Die dritte Methode richtet sich an diese Leerstellen. Ich…
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Fragmentarische Re-Inszenierung – Mit fremden Worten antworten
Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“ Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011 Es gibt Gedichte, bei denen reicht es nicht, über sie zu sprechen. Man muss durch sie hindurch. Man muss ihre Wörter durch die eigenen Hände gehen lassen, sie neu zusammensetzen, ihren Rhythmus im eigenen Körper spüren. Die fragmentarische Re-Inszenierung ist keine…
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Das Rollengespräch – Wenn das Gedicht widerspricht
Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“ Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011 Ich beginne mit dem Titel. „Die namen der eisheiligen“ – kein Artikel, alles kleingeschrieben. Die Eisheiligen kennen wir: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius, die Kalte Sophie. Heilige, die im Mai für Kälte stehen, für letzte Fröste, bevor der Frühling wirklich kommt.Aber das…
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Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln
3–4 MinutenNathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…
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Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid
5–7 MinutenAbstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…
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Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid
3–4 MinutenLektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…
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Zeilen und Klänge
3–4 MinutenEine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin. 1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen Ein Gedicht wie „herbrig„ ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am…
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Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung
Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in…
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Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen
Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…
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Nathalie Schmid – herbrig
4–6 MinutenInterpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…
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Nathalie Schmid – Zwischen Libellen und Gletschern
1–2 MinutenNathalie Schmid, geboren 1974 in Aarau, ist eine der eigenwilligsten und zugleich feinfühligsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik. Ihre Texte sind wie filigrane Landschaften – durchzogen von Melancholie, staunender Beobachtung und leiser Ironie. Sie schreibt mit einem Blick, der das Alltägliche poetisch auffächert, ohne es zu verklären. Ihre Sprache tastet, beobachtet, horcht – immer auf…
