Portolankarten als literarische Rätsel

„Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ – diese Frage W.G. Sebalds steht über jeder Portolankarte. Die mittelalterlichen Seekarten zeigen Küsten und Häfen mit einer Genauigkeit, deren Verfahren bis heute ungeklärt ist. Der Essay erkundet dieses Rätsel nicht als Forschungslücke, sondern als literarischen Raum: als Spur einer anderen Wissensform, in der Können und Verstehen auseinanderfallen.

Dieser Beitrag ist während der Lektüre des Romans „Der Antiquar“ von Hansjörg Schertenleib entstanden.

Ein Meer ohne Maß

Das Mittelmeer ist kein freundlicher Raum für Geometrie. Es hat keine Ecken, keine rechten Winkel, keine festen Punkte. Wer es vermessen will, steht vor einem grundsätzlichen Problem: Jede Messung ist eine Momentaufnahme, jede Position ist eine Bewegung, jeder Hafen ist nur ein vorläufiger Stillstand. Dass ausgerechnet dieses Meer im späten 13. Jahrhundert auf einmal in Karten erscheint, deren geometrische Präzision die Forschung bis heute vor Rätsel stellt, ist eine kleine Sensation – und eine große Verlegenheit.

Die Portolankarten zeigen Küstenlinien des Mittelmeers, des Schwarzen Meers und der atlantischen Küste von Marokko bis zur Nordsee mit einer Winkeltreue, die man erst von den großen Vermessungsprojekten des 18. Jahrhunderts erwarten würde. Der Katalanische Weltatlas von 1375, die genuesischen Karten des 14. Jahrhunderts, die mallorquinischen Portolane – sie alle scheinen auf einem einheitlichen, ungenannten Vermessungsnetz zu beruhen, dessen Herkunft völlig dunkel ist. Wir wissen nicht, wie sie entstanden sind. Und dieses Nichtwissen ist nicht etwa eine Forschungslücke, die sich mit der Zeit schließen wird. Es ist ein konstitutives Merkmal der Gattung.

Das Rätsel: Was wir nicht erklären können

Die Literatur zu den Portolankarten ist voll von eleganten Hypothesen, die alle an der gleichen Stelle scheitern.

Die Kompassmethode – die Idee, dass Seeleute von Hafen zu Hafen peilten und die so gewonnenen Richtungen aneinanderfügten – klingt zunächst plausibel. Sie ist es nicht. Denn diese Methode produziert systematische Fehler, die sich mit jeder Station akkumulieren. Die Portolankarten weisen solche Fehler nicht auf. Sie sind über große Distanzen konsistent – ein Zeichen dafür, dass sie nicht aus der Addition lokaler Beobachtungen entstanden sein können.

Die Gradnetz-Hypothese – die Annahme, die Karten gingen auf eine astronomische Vermessung des Mittelmeers zurück, vielleicht aus der Antike oder aus der arabischen Wissenschaft – scheitert an einem einfachen Befund: In den Karten selbst gibt es kein Gradnetz. Wer von Alexandria bis Gibraltar Längen- und Breitengrade bestimmen wollte, hätte ein Instrumentarium benötigen müssen, das für das 13. Jahrhundert undenkbar ist. Die Portolankarten verhalten sich so, als ob sie ein solches Netz voraussetzen würden, ohne es jemals zu zeigen.

Die Reiseberichte-Hypothese schließlich – die Synthese zahlloser Logbücher zu einer Gesamtkarte – kann die flächendeckende Konsistenz nicht erklären. Sie würde eine Redaktionsinstanz voraussetzen, die über Daten aus zwei Jahrtausenden verfügt und sie in ein einziges Koordinatensystem übersetzt. Eine solche Instanz hat es im Mittelalter nicht gegeben.

Was bleibt, ist ein Skandal: Die Karten können etwas, was ihre Schöpfer nicht erklären können müssten. Der Kartographiehistoriker John Brian Harley hat einmal geschrieben, dass Karten immer „Diskurse der Macht“ seien. Die Portolankarten kehren diese Perspektive um. Sie sind keine Diskurse – sie sind Spuren. Spuren eines Wissens, das vielleicht nur praktisch, nie theoretisch existierte. Spuren einer Geometrie, die an Bord von Schiffen ausgeübt, aber nie in Handbüchern festgehalten wurde. Spuren eines Meeres, das sich der Schrift widersetzt.

Die Konsequenz: Was wir stattdessen beschreiben können

Weil wir das Wie nicht kennen, bleiben uns das Was und das Wozu. Und hier zeigen die Portolankarten ihr zweites Gesicht.

Anders als die zeitgenössischen mappae mundi, welche die Welt in eine theologische Heilsordnung einfügten, sind die Portolane auf den ersten Blick rein säkular. Sie zeigen Häfen, Küsten, Inseln – und vor allem jene dichten Netze aus Rumbenlinien, die den Raum nach einem unsichtbaren, gleichwohl strengen Gesetz organisieren. Diese Linien, so scheint es, sind die Narben einer neuen Welterfahrung. Sie sprechen eine Sprache der Relation, nicht der absoluten Position. Sie erzählen von Wegen, von Rhythmen des Meeres, von einer Welt, die nicht von Gott, sondern vom Menschen aus vermessen wird.

Doch die vermeintliche Nüchternheit trügt. Die Portolankarten sind voll von Zeichen, die weit über das Navigatorische hinausweisen. Heraldische Symbole markieren Zugehörigkeiten, Fahnen beanspruchen Territorien, stilisierte Städtebilder erheben einzelne Häfen in den Rang von Weltzentren. Der Kartograph Jehuda ben Zara etwa, der im 14. Jahrhundert in Katalonien arbeitete, zeichnete die nordafrikanische Küste nicht nach den tatsächlichen Herrschaftsverhältnissen, sondern nach einem kulturellen Code: Halbmond für die Muslime, Kreuz für die Christen, Schlüssel für strategisch wichtige Punkte. Die Wahrheit der Karte ist hier nicht faktische Genauigkeit, sondern kulturelle Plausibilität.

Die Forschung hat in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet, dass diese Zeichen als „Instrumente kultureller Raumpraktiken“ zu verstehen sind. Sie erzählen von Herrschaftsansprüchen, von Grenzziehungen, von der Verortung des Eigenen im Gefüge des Fremden. Und sie erzählen vor allem Geschichten – nicht auf den ersten Blick, aber bei genauerem Hinsehen.

Der Katalanische Weltatlas als literarischer Raum

Das berühmteste Beispiel dieser Gattung führt die literarischen Dimensionen der Portolankartographie in einzigartiger Weise vor Augen: der um 1375 entstandene Katalanische Weltatlas, geschaffen für König Karl V. von Frankreich. Dieses Werk ist ein Palimpsest aus unterschiedlichsten Texttraditionen.

Besonders aufschlussreich sind die langen Textpassagen, die der Atlas enthält – etwa die Beschreibung der Wüste Lop, die auf Marco Polos Reiseberichten basiert. Hier wird die Karawane, die sich von Sarai nach Cathay aufmacht, nicht nur bildlich dargestellt, sondern mit einer ausführlichen Narration versehen, die von Teufelsstimmen in der Wüste und den Gefahren der Einsamkeit berichtet. Die Karte wird zum Erzählraum; die Geographie verwandelt sich in ein Abenteuer, das den Betrachter in seinen Bann zieht.

Die Forschung hat nachgewiesen, dass der Atlas auf einem breiten Fundament literarischer Quellen ruht. Neben Marco Polo finden sich Spuren von Orosius, Isidor von Sevilla, Gautier de Metz und anderen Autoritäten der mittelalterlichen Wissensliteratur. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Portolankarten kaum von den zeitgenössischen mappae mundi – auch sie sind Kompilationen, in denen sich theologische, historische und geographische Diskurse überlagern. Die Differenz liegt im spezifischen Mischungsverhältnis: Hier überwiegt das Empirische, doch ganz verschwindet das Mythische nie.

Transkulturelle Erzählungen

Ein weiteres literarisches Moment der Portolankarten ist ihre Offenheit für transkulturelle Wissensbestände. Obwohl christlich-europäischen Ursprungs, integrieren sie wiederholt Elemente aus der arabisch-islamischen Kartographie. Die Darstellung des Atlasgebirges, des westlichen Nilarms und der legendären Mondberge in Westafrika lässt sich nur durch den Rückgriff auf arabische Vorlagen erklären, insbesondere auf das Werk des Geographen al-Idrīsī aus dem 12. Jahrhundert.

Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von einem „shared space of knowledge“ im Mittelmeerraum, in dem geographische Informationen unabhängig von religiösen Grenzen zirkulierten. Die Portolankarte wird so zum Dokument einer Kulturbegegnung, die über die Kreuzzugsideologie hinausweist. Sie erzählt nicht nur von der christlichen Expansion, sondern auch von der produktiven Aneignung des Wissens der Anderen – eine Narration, die das mittelalterliche Selbstverständnis in weit komplexerer Weise prägte, als es die große politische Historiographie oft suggeriert.

Die Literatur des Nichtwissens

Hier nun, an diesem Punkt, kehrt das Rätsel zurück – aber jetzt nicht als Hindernis, sondern als Produktivkraft.

Die Portolankarten sind nicht trotz, sondern wegen ihrer unerklärten Präzision literarisch interessant. Sie setzen ein Wissen voraus, das sie nicht ausweisen. Sie praktizieren eine Geometrie, die sie nicht begründen. Sie navigieren zwischen Empirie und Mythos, zwischen Messung und Erzählung, zwischen dem, was man wissen kann, und dem, was man nur tun kann.

Das erinnert an eine ganz andere Tradition. W.G. Sebald schreibt in Die Ringe des Saturn über den Anblick einer alten Karte von Suffolk: „Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ Die Frage könnte über einer Portolankarte stehen. Auch sie zeigt Linien, deren Entstehung wir nicht mehr nachvollziehen können. Auch sie übt eine Anziehung aus, die nicht aus der Information kommt, sondern aus dem, was sie verschweigt.

Das ist kein Vorläufer-Verhältnis. Sondern eine strukturelle Analogie, die erst aus der Distanz sichtbar wird. Jorge Luis Borges hat in seiner berühmten Parabel „Von der Strenge der Wissenschaft“ eine Karte beschrieben, die im Maßstab 1:1 gezeichnet ist – eine absurde, unbrauchbare Präzision. Bei den Portolankarten ist die Präzision nicht absurd, sondern real und zugleich unerklärt. Bei Borges wird das Literarische aus einer übersteigerten Genauigkeit geboren (die Karte zerstört sich selbst), bei den Portolankarten aus einer rätselhaften (die Karte funktioniert, aber wir wissen nicht wie). Zwei Wege, das Gleiche zu denken: die Produktivität des Nichtwissens.

Die Portolankarten sind die materiellen Zeugen einer solchen Produktivität. Sie sind Karten, die ein Wissen verschweigen – und gerade darin ihr Faszinosum entfalten. Denn was sie verschweigen, ist nicht etwa nebensächlich. Es ist das Entscheidende: das Verfahren ihrer eigenen Herstellung. Wir sehen die Linien, aber wir sehen nicht, wie sie zustande kamen. Wir sehen die Küsten, aber wir sehen nicht, wer sie vermaß. Wir sehen das fertige Produkt – und vor uns liegt eine Leerstelle, die so groß ist wie das Mittelmeer selbst.

Die Karte als Denkraum

Was also folgt daraus, dass die Portolankarten ein Wissen praktizieren, das sie nicht ausweisen?

Folgt daraus, dass wir sie anders lesen müssen. Nicht als Dokumente einer vergangenen Wissenschaft – das wäre der Blick des Historikers, der das Rätsel auflösen möchte. Sondern als Zeugnisse einer anderen Wissensform. Einer Wissensform, die nie den Schritt in die Theorie gemacht hat, die in den Händen der Kartenzeichner, in den Gedächtnissen der Steuermänner, in den Routinen der Werkstätten lebte – ohne jemals verschriftlicht zu werden.

Die Portolankarten sind die geronnene Spur dieser Praxis. Sie zeigen nicht, was man wusste. Sie zeigen, was man konnte. Und dieses Können – die Präzision ohne Verfahren, die Geometrie ohne Begründung – ist nicht etwa ein Mangel. Es ist eine eigene Form der Intelligenz.

Vielleicht ist das der Grund, warum uns diese Karten noch heute faszinieren. Sie erinnern uns daran, dass nicht alles Wissen in Sätzen und Methoden aufgeht. Dass es ein Wissen gibt, das nur im Tun existiert. Dass die Hand manchmal weiter weiß als der Kopf. Die Portolankarte ist das stumme Zeugnis eines solchen Wissens – ein Denkraum, in dem sich die Grenze zwischen Können und Verstehen verschiebt.

Wer sie betrachtet, steht vor einer Wahl. Man kann fragen: Wie haben sie das gemacht? – und in der Forschungsliteratur nach Antworten suchen, die es vielleicht nicht gibt. Oder man kann fragen: Was heißt es, etwas zu können, ohne zu wissen wie? – und dann staunen.

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