Fragmentarische Re-Inszenierung – Mit fremden Worten antworten

Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“

Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011

Es gibt Gedichte, bei denen reicht es nicht, über sie zu sprechen. Man muss durch sie hindurch. Man muss ihre Wörter durch die eigenen Hände gehen lassen, sie neu zusammensetzen, ihren Rhythmus im eigenen Körper spüren.

Die fragmentarische Re-Inszenierung ist keine Interpretation. Sie ist ein Versuch, die emotionale Struktur eines Gedichts nachzubauen – mit den Bausteinen, die das Original bereitstellt. Wie ein Musiker, der ein Thema variiert, ohne es zu verraten.

Die Methode

Ich wähle 7-8 Schlüsselwörter aus Schmids Gedicht und baue daraus kurze Texte von etwa 6 Zeilen. Dabei achte ich auf:

  • Den Rhythmus der Sprünge im Original
  • Die Dichte der Auslassungen
  • Die Atmosphäre der Bilder

Es geht nicht darum, das Gedicht zu verbessern oder zu ersetzen. Es geht darum zu verstehen, wie es sich anfühlt, mit diesen Wörtern zu denken.

Variation 1: Die Reste

Schlüsselwörter: wind, reste, seilbahn, geländer, kalt, ferne, blätter

Was ich gespürt habe: Die Seilbahn-Reste haben ein Gewicht, das die Blätter nicht haben. Sie sind schwerer fortzutragen. Der Wind muss sich anstrengen. Im Original steht das nicht – aber wenn ich die Wörter neu zusammensetze, spüre ich es: Verbindungen sind schwerer loszuwerden als Blätter.

Variation 2: Der Geschmack

Schlüsselwörter: fingerspitzen, bitter, tabak, mohn, geöffnet, geschmack

Was ich gespürt habe: Das Wort „bitter“ will zweimal vorkommen. Einmal am Anfang (der Tabak), einmal am Ende (der Streit). Aber hier, in dieser Variation, zeigt es: Bitterkeit ist keine Phase. Sie bleibt. Der geöffnete Mohn hilft nicht – er verstärkt nur die Verweigerung.

Variation 3: Die Kinder

Schlüsselwörter: kinder, rufen, hell, strophen, noch, stimmen

Was ich gespürt habe: Das „noch“ will isoliert werden. Es ist das wichtigste Wort in dieser Zeile. Wenn ich es allein stehen lasse, wird die Zeitlichkeit brutal deutlich: Dies ist vorläufig. Im Original ist es eingebettet – hier steht es nackt da.

Variation 4: Das Festgebrannte

Schlüsselwörter: festgebrannt, licht, rauschen, bricht, warum, donnern

Was ich gespürt habe: Diese Variation ist fast nur Wiederholung. „Warum bricht nicht“ – dreimal. Im Original steht diese Frage einmal, aber sie ist so lang, dass man die Wiederholung fast überliest. Hier, reduziert, zeigt sich: Das ist eine Verzweiflung in Schleife. Das Gedicht fragt dasselbe immer wieder, und die Antwort bleibt aus.

Variation 5: Das Fortgewehte

Schlüsselwörter: fortwehen, zart, worte, streit, lassen, bitter

Was ich gespürt habe: „Eine die lässt“ – das steht nicht im Original. Aber wenn ich die Wörter neu ordne, entsteht diese Figur: jemand, der zur Lassenden wird. Nicht einmalig, sondern als Haltung. Das Fortwehenlassen ist keine einzelne Handlung, es ist eine Charakterisierung.

Variation 6: Gesamtbild (alle Wörter)

Schlüsselwörter: wind, reste, seilbahn, bitter, tabak, eisheilige, dunkel, verzogen, kaffeesatz, gedanken, licht, festgebrannt, rauschen, fortwehen, zart, worte

Was ich gespürt habe: Wenn ich alle Schlüsselwörter zusammenbringe, entsteht ein neues Gedicht – aber es ist ein Echo, kein Original. Es hat dieselbe Struktur: Drei Strophen, jede mit einer anderen Bewegung. Erste Strophe: Reste und Verfall. Zweite Strophe: Das Unaufhörliche. Dritte Strophe: Die Frage nach der Ungerechtigkeit.

Das Original macht das eleganter, dichter, genauer. Aber indem ich es nachbaue, verstehe ich seine Architektur.

Was mir die Re-Inszenierung gezeigt hat

Diese Methode ist körperlich. Ich merke beim Schreiben, welche Wörter zueinander wollen, welche sich abstoßen, welche ein Gewicht haben.

Das „noch“ will isoliert werden – es ist schwerer als alle anderen Wörter.

„Bitter“ will sich wiederholen – es ist der Grundton des ganzen Gedichts.

„Festgebrannt“ und „bricht nicht“** gehören zusammen – sie sind die beiden Pole einer Erstarrung.

„Fortwehen lassen“ ist aktiv, nicht passiv – auch wenn es wie Passivität klingt. Es ist eine Entscheidung, keine Ohnmacht.

Schmids Gedicht ist präziser, dichter, vielschichtiger als alles, was ich daraus machen kann. Aber indem ich es durch meine eigenen Hände gehen lasse, verstehe ich, wie es gebaut ist. Ich verstehe seinen Rhythmus – den Wechsel zwischen langen, atmenden Zeilen und kurzen, abgehackten. Ich verstehe seine Wiederholungsstrukturen – „rauschen“ dreimal, „bitter“ zweimal, „noch“ wie ein Alarmzeichen.

Und ich verstehe seine Ökonomie: Jedes Wort ist notwendig. Wenn ich versuche, es nachzubauen, fehlt mir immer etwas. Das Original ist vollständig – meine Variationen sind Fragmente davon.

Ein Nebeneffekt

Die Re-Inszenierung hat mir auch gezeigt, was ich NICHT verstehe. Die Zeile „kaffeesatz in deinen gedanken“ – ich habe sie in einer Variation benutzt, aber ich weiß nicht, was sie bedeutet. Ich spüre nur: Sie gehört zu den „stauden die nicht wachsen“, zu der Suche nach Zeichen, die nichts offenbaren.

Das ist der Wert dieser Methode: Sie zeigt mir nicht nur, was ich verstanden habe, sondern auch, wo das Gedicht mir fremd bleibt. Wo ich seine Wörter benutze, ohne sie wirklich zu begreifen.

Schmids Gedicht bleibt größer als meine Annäherungen. Aber die Annäherungen haben mir erlaubt, durch das Gedicht hindurchzugehen – nicht als Analytiker, sondern als jemand, der mit denselben Bausteinen arbeitet und merkt: Das Original ist ein Bauwerk, keine Ansammlung von Wörtern.

Diese Variationen sind keine Gedichte. Sie sind Fingerübungen – Versuche, die Bewegungen des Originals nachzuvollziehen. Sie zeigen mir, wie Schmids Gedicht atmet.

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