Jane Wels – Lilith

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3–4 Minuten

Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung.

Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der Text eher als Denk- und Wahrnehmungsraum denn als verschlüsselte Botschaft. Die Frage ist nicht: Was will sie sagen? Sondern: Welche Spannung richtet sie ein? Welche Erfahrung wird verhandelt?

Gleichzeitigkeit statt Überlagerung

Der Einstieg ist körperlich und irdisch: Ruß, Schritte. Etwas setzt sich ab, verschmutzt Bewegung, Erinnerung, Alltag. Gleichzeitig dringt eine Nachricht aus maximaler Ferne herein: Curiosity fährt über den Mars.

Zunächst scheint das eine Überlagerung zu sein – das Private hier, das Ferne dort, eine fragmentierte Welt. Aber bei genauerer Betrachtung: Beides geschieht im selben Moment der Wahrnehmung. Das Subjekt ist nicht zwischen zwei Polen aufgeteilt, sondern immer schon an mehreren Orten zugleich. Das ist keine technisch vermittelte Erfahrung mehr, die von außen kommt – das ist Erfahrung heute. Keine Überlagerung, sondern Untrennbarkeit.

Tarnung als Strategie, nicht nur als Bedrohung

Die Knochensammlerraupe im Tarngewand evoziert etwas Archaisches, etwas Ungreifbares. Zunächst liegt es nahe, hier eine existenzielle Bedrohungslage zu sehen – Leben, das sich verdeckt, verwertet, sammelt. Etwas Apokalyptisches, das operiert, ohne sich zu zeigen.

Aber diese Raupe trägt ihr Tarngewand. Sie passt sich an, sie behauptet sich. Das ist nicht nur unheimlich – das ist auch eine Überlebensstrategie, eine Form organischer Selbstbehauptung. Die Raupe sammelt, verwertet – aber sie lebt auch. Das Gedicht lässt offen, ob hier Gefahr liegt oder Möglichkeit. Warum sollten wir es vorschnell schließen?

Ein Raum, in dem Sprache nicht gefüllt ist

Der eigentliche Kern liegt im langen Fragesatz:

„gibt es ein vages Terrain, einen leeren Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist“

Das ist eine poetologische Frage, aber auch eine psychische. Gesucht wird ein Ort für das Unsortierbare: Gerümpel in der Herzkammer, Nachtsänger, Dichteschwankung, Schaum.

Zunächst scheint das eine Klage zu sein über Sprache als Überfüllung, als etwas, das Erfahrungen zudeckt, festlegt, kolonisiert. Eine Erschöpfung angesichts totaler Kommunikation, Erklärung, Diskursivität.

Aber die Formulierung ist spezifischer: einen leeren Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das heißt nicht: Es gibt zu viele Worte. Sondern: Kann Sprache selbst leer bleiben? Kann sie existieren, ohne sofort gefüllt zu werden?

Das ist keine Erschöpfung an Sprache – sondern eine Frage nach einer anderen Möglichkeit von Sprache. Nach einem Raum, in dem Sprache nicht identisch ist mit Bedeutung.

Der Void im Irdischen

Der Begriff Void ist entscheidend: nicht einfach Leere, sondern ein offener, nicht besetzter Raum. Die Frage lautet: Gibt es in dieser Welt noch einen Ort, der nicht sofort benannt, verwertet, semantisch geschlossen wird?

Lilith – keine Flucht, sondern eine Frage

Der Schluss kippt ins Mythische:

„oder flieh ich zu den Wüstenhunden, eine Lilith, die bellt.“

Zunächst scheint das eine Fluchtfigur zu sein: Lilith steht für das Ausgestoßene, das Unangepasste, weibliche Autonomie jenseits der Ordnung. Dass sie bellt, nicht spricht, wirkt wie eine Absage an artikulierte Sprache zugunsten eines archaischen, körperlichen Lauts. Eine Bewegung raus aus der Überfüllung, raus aus der Ordnung.

Aber das Gedicht fragt: „oder flieh ich?“ Das ist noch keine vollzogene Bewegung. Es ist eine mögliche Geste, die sich selbst befragt. Und dass Lilith bellt, muss nicht Absage heißen – es könnte auch Erweiterung sein. Ein Laut, der mehr ist als Wort, aber nicht weniger als Sprache.

Denkbewegung statt Festlegung

Das Gedicht verhandelt die Möglichkeit eines nicht besetzten Raums – aber es behauptet nicht, dass es ihn geben muss. Es stellt keine Sehnsucht aus, es verkündet kein Programm. Es beobachtet, es tastet ab, es fragt.

Es zwingt zur Korrektur, zur Verlangsamung. Das ist keine Schwäche der Lektüre, sondern Teil dessen, was der Text tut: Er entzieht sich der schnellen Festlegung. Die Denkbewegung, die er erzeugt, ist selbst schon der gesuchte Raum – ein Terrain, in dem Sprache noch nicht mit Worten angefüllt ist.

Zu lesen ist das Gedicht bei mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur unter „freiVERS“
Der Instagram-Account der Autorin

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